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Künstler in Berlin: Passion vs. Brotjob

Die Hauptstadt ist seit Jahren ein Magnet, der kreative Menschen anzieht – denn hier wohnt man relativ günstig. Trotzdem müssen viele nebenbei Geld verdienen. Wie Kunst und Brotberuf zusammenpassen: Wir haben mit fünf Berlinern gesprochen.

LIN HEKTOEN

Lin Hektoen hat früh Theater gespielt, und sie liebt es, zu tanzen. In ihren Projekten verbindet die 32-jährige Halbnorwegerin Schauspiel, Sound, Installation und Tanzelemente – zum Beispiel bei „Not Pleasing“, einem Stück über das Thema Depression. Mal möchte sie selbst auf der Bühne stehen, mal Regie führen. Aber oft macht Hektoen – geboren in Eckernförde, aufgewachsen in Norwegen und Schweden – auch ganz andere Dinge: Dann verkauft sie Gürtel auf dem Markt, arbeitet in Bars und auf Messen oder als Babysitterin. Das ist nötig, damit sie Miete, Strom, Lebensmittel bezahlen kann. Zwar bietet ihr die Wahlheimat Berlin ein Künstler-Netzwerk und den Raum, sich auszuprobieren, zu spielen und zu testen, ob Ideen funktionieren. „Schwierig nur, dass hier keiner dafür zahlt“, sagt Hektoen. Zum Geldverdienen geht sie meist nach Schweden, für die Kunst kehrt sie nach Berlin zurück. Mit Brotberufen hat Lin Hektoen kein Problem – wenn der Lohn stimmt. „Meist verlangen sie einem viel körperlichen Einsatz oder wenig humane Arbeitszeiten ab“, sagt die Künstlerin. „Doch sie können auch Ergänzung sein.“ So wie der Babysitter-Job, der wenig Geld bringt, aber viel Spaß macht. Seit fünf Jahren passt Hektoen in Prenzlauer Berg auf Marie und Lise auf. Für Lise ist sie die allerbeste Freundin. Und Marie sagt manchmal: „Mama? Papa? Nee, Lin!“ Die Entwicklung der Kinder über Jahre zu verfolgen, hat ihr auch beim Schauspielern geholfen: „Ich habe gelernt, die Welt aus Sicht der Kinder zu verstehen.“

DARRELL WEISNER

Groß geworden ist Darrell Weisner mit Schmiere und Mechanikern. Seinem Vater gehört ein Lkw-Verleih in Tempelhof. Weisner verdient hier sein Geld, fährt die Wagen zu den bestellten Orten und zurück. „In die Firma einsteigen wollte ich nie“, sagt er. Auf dem Grundstück des Verleihs hat der 25-Jährige sein Atelier, er ist Bildhauer, schafft Installationen. „An die Kunst bin ich durch meine Ex-Frau geraten.“ Mit 18 hat er sie kennengelernt, jung haben sie geheiratet. Und so studierte Weisner bildende Kunst – zuerst in Nürnberg, jetzt an der UdK. Sein jüngstes Werk: geschwungene Formen, in denen Hunderte von Zahnstochern stecken. Seinem Kurator gefiel das. Monatelang stand Weisner in seinem Atelier und steckte Stöckchen. Berlin bietet ihm Inspiration. Wenn er im Lkw sitzt, Abstand zu seinen Objekten hat und das Fahrzeug wie automatisch durch die Stadt manövriert, sieht er Dinge, die ihn anregen, und lässt die Gedanken fließen. Die Kunstszene mit all ihrer Bedeutungsschwere kommt ihm dagegen zunehmend wie ein Lifestyle vor. „Früher gab es die Auguststraße, das Tacheles – heute geht es Berlin zu gut“, findet Weisner, „die Künstler machen es sich zu bequem.“ Er hat, wie er sagt, viel Scheiße erlebt. „Daran bin ich gewachsen.“ Berlin wird teurer, das, glaubt Weisner, führt zu einer Krise – und darin sieht er eine Chance für die Kunst.

Die Badstraße ist ihr Panoptikum für lange Gesichter

ELI CORNEJO

Nach Berlin kam sie 2008. Die Stadt bietet der Argentinierin, was sie immer wollte: ein Künstlerleben. Eli Cornejo, 34, ist Fotografin, ihr Mann – ebenfalls Argentinier – bildender Künstler. Sie teilen sich ein Atelier im Wedding und eine Wohnung in Pankow. In Buenos Aires wäre das nicht möglich gewesen. Dort mussten die beiden den ganzen Tag ackern, und das Geld reichte trotzdem nicht. Hier können sie sich das leisten, weil die Stadt noch billig war, als sie vor ein paar Jahren kamen, und weil beide einen Nebenjob haben. Cornejo ist Touristenguide, ihr Mann arbeitet in einer Bar. Die studierte Ökonomin erklärt auf Spanisch die historischen Orte der Stadt. Anfangs hat sie das täglich gemacht. „Das war zu viel, bei Gruppen von 40 Leuten war ich abends erschöpft und kam zu nichts mehr“, sagt sie. Die Arbeit bringt nicht nur Geld, sie inspiriert Cornejo auch. „Berlin ist nicht schön, aber interessant.“ Die Badstraße ist ihr Panoptikum für lange Gesichter und hässlichen Umgang miteinander. Mit ihren Fotos untersucht sie das soziale Verhalten der Menschen. Außerdem organisiert Cornejo „The Berta Art Raffle“, eine Ausstellung, auf der Künstler garantiert ihre Werke verkaufen – es gibt eine Lotterie, bei der niemand vorher weiß, was er am Ende mit nach Hause nimmt. Die Künstler geben die Werke für einen Freundschaftspreis her und verbringen mit den Besuchern den Abend.

ANDREAS COLLIN

Andreas Collin hat gerade sein erstes Buch herausgebracht, eines für Kinder: „Der Fluch des Bonawentura“. Es war ein langer Prozess. Dranzubleiben, bis etwas richtig gut wird, ist für den 40-Jährigen Voraussetzung für echte Kunst. „In Berlin meinen es zu wenige ernst, die sich Künstler nennen“, sagt er. „Wildes Herumprobieren wird hier mehr gefördert als irgendwo anders, das macht die Leute selbstzufrieden und befördert nur Narzissmus.“
Berlin ist für Andreas Collin eine kreative, aber keine Künstlerstadt. Bevor er schreibt, erstellt er ein Exposé und notiert den Inhalt für jedes Kapitel. „Das gibt Raum für Kreativität.“ Collin wusste immer, dass die Entscheidung fürs Schreiben bedeutet, dass er zwei Tätigkeiten nachgehen muss: seinem Beruf und einem Brotjob. „In Berlin einen Verlag zu finden, ist eine Tragödie.“ Für 200 Euro bearbeiten wir das Manuskript, und Sie bekommen ein e-Book – diesen Satz hat Collin oft gehört. Er suchte sich seinen Verleger in einer anderen Stadt. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gibt der studierte Germanist und Linguist Integrationskurse an einer Sprachschule. Fünf Stunden, jeden Tag. Das stört ihn nicht. Es ist nur eine Frage der Balance. Jetzt sind die Sprachkurse sein Standbein, das Schreiben ist sein Spielbein. Er hofft, dass sich das eines Tages umkehrt, dann wäre er zufrieden.

Wer es in New York nicht schafft, kommt nach Berlin

MATTHIAS SCHEUERER

„Als Musiker nach Berlin zu kommen, war eigentlich eine dumme Idee“, sagt Matthias Scheuerer. „Hier ist angeblich jeder Musiker, aber 90 Prozent dieser Leute sind nur krasse Labertaschen.“ Der 38-Jährige ist Drummer bei den Bands ZSK Berlin und Space Chaser. Punk und Metal. Scheuerer stammt aus Regensburg, vor zehn Jahren ist er wegen seiner Freundin in die Hauptstadt gezogen. Oft wurde er seitdem von Bands angefragt, die wenig investierten und viel verlangten. „In New York ist das Leben zu teuer, da muss man richtig abliefern. Eine schlechte Band kriegt keine Gigs. Wer es dort nicht schafft, kommt nach Berlin.“ Begabte Jazzer hat Berlin einige, wegen der Hochschule. Für richtig guten Metal oder Punk sind es nur eine Handvoll Leute. Und selbst die haben es schwer. Denn wer im Metal mit den großen Bands auf Tour will, zahlt drauf, bucht sich seine Unterkünfte selber. Sogar die Studierten und Erfolgreichen wie Scheuerer. Mit Coverbands könnte er zwar richtig Geld machen. Aber er will musikalisch seiner Linie treu bleiben. Scheuerer verkauft lieber nebenbei Jeans in einem Klamottenladen. Das ist perfekt: Festes Monatseinkommen, Arbeiten am Tage, zu flexiblen Zeiten. So hat er Zeit zum Proben, Aufnehmen und Touren. Seit er sich als Junge sein erstes Schlagzeug kaufte, ist Scheuerer klar: Musik soll in seinem Leben immer das Wichtigste sein.

Lin Hektoen: Babysitterin und Schauspielerin. Unser Fotograf hat die Künstler für seine Fotomontagen jeweils zwei Mal aufgenommen: bei der Arbeit, die ihnen Geld bringt (linke Seite der Fotos) und in ihrem kreativen Umfeld (rechts).

© Mike Wolff

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