Filmtipp für die Corona-Zeit : „This is not Berlin“ zeigt das wilde Mexiko der Achtziger

Filmverleih Salzgeber präsentiert im Netz den Sundance-Film „This is not Berlin“. Ein spannender Trip in den Underground von Mexiko City.

Zwischen Performance-Kunst und Protest. Mexiko in den Achtzigern, zumindest der Idee des Films nach.
Zwischen Performance-Kunst und Protest. Mexiko in den Achtzigern, zumindest der Idee des Films nach.Foto: This Is Not Berlin

Ach nee, der Typ da drüben sieht ja aus wie Bela B. in jungen Jahren. Hochtoupierte Strubbelhaare, am Ohr baumelt ein Kreuz, und die Farbordnung seiner Klamotten ist so strikt wie die von Nagellack und Kajalstift: schwärzer als Schwarz.

Nico (Mauro Sanchez Navarro) ist Performance-Künstler und darin so was von provokant. Einer, der Alk, Zigaretten und Poppers wie andere Leute Tee und Kekse konsumiert. Niemand anderes als der coolste Hund im Underground. Willkommen im Mexico City der achtziger Jahre.

Glaubt man dem wunderbar musikgetriebenen Coming-of-Age-Film „This is not Berlin“, sieht die Subkultur dort kaum weniger abenteuerlich aus als weiland im seligen West-Berlin.

Video-on-Demand- statt Kinopremiere

Deswegen herrscht einer der zornigen Druffis und Pseudointellektuellen, die sich allabendlich zum Schwadronieren, Tanzen und Poppen im „Azteca“ versammeln, seine Kumpels an: „Ihr wollt echte Künstler sein, aber ihr kopiert die Europäer. Dies ist nicht Berlin!“

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Ein Satz, der gerade in den Ohren eines Berliner Publikums ulkig klingt. Zwar kann man das beim Sundance Filmfestival uraufgeführte, preisgekrönte Drama von Hari Sama derzeit aus bekannten Gründen nicht in den Berliner Kinos sehen. Geschweige denn in das vom Regisseur weidlich zelebrierte dampfende Körpergetümmel von Clubs eintauchen.

Doch wenigstens zeigt der Filmverleih Salzgeber „This is not Berlin“ ab kommenden Donnerstag in seiner vor einer Woche mit dem Drama „Kopfplatzen“ gestarteten Club-Reihe als Video-on-demand-Premiere (www.salzgeber.de).

Prompt erinnert einen die ebenso sensibel wie fiebrig erzählte Identitätssuche des Schülers Carlos (Xabiani Ponce de León) und seines besten Freundes Gera (Xabiani Ponce de León) an sorglose Tage. War schon schön, als Hedonismus noch erlaubt war. Gemein, dass er in den Achtzigern dann in der Aids-Krise unterging.

Zwischenzeitliche Entfremdung, sexueller Wirrwarr

Und ist auch heute schön, wenn die wichtigsten Teenie-Fragen lauten, ob man a) mit der großen Schwester in den Club reinkommt, b) Frauen oder Männer liebt, c) wie man es anstellt, trotz Schuluniform cool auszusehen und d) wie das eigentlich funktioniert, dieses „Leben“. Die Freundschaft der beiden Jungs erweist sich dabei trotz zwischenzeitlicher Entfremdung und sexuellem Wirrwarr als bewegend haltbarer Kitt.

Die Heimkino-Reise in die achtziger Jahre setzt der Filmverleih Salzgeber Donnerstag in einer Woche (16.4.) übrigens mit einem homosexuellen Klassiker fort: „Taxi zum Klo“ von Frank Ripploh. Die autobiografische, selbstironische Geschichte eines schwulen Lehrers spielt 1980 in der Mauerstadt Berlin und hat seinerzeit – auch wegen der Sexszenen – ordentlich Skandal gemacht.

Zum 40. Jubiläum gibt’s eine restaurierte Fassung, die dann wie alle Filme der Reihe vier Wochen gegen Gebühr abrufbar ist.

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