Kritik an Behörden nach Messerattentat in Dresden : Homofeindlichkeit als mögliches Tatmotiv wird verschwiegen

Das Attentat in Dresden könnte auch einen homofeindlichen Hintergrund haben. Doch die Behörden sagen dazu nichts. Die Wut in queeren Verbänden ist groß.

Blumen und Kerzen liegen unweit des Residenzschlosses in Dresden. Hier wurden zwei Touristen Opfer einer Messerattacke.
Blumen und Kerzen liegen unweit des Residenzschlosses in Dresden. Hier wurden zwei Touristen Opfer einer Messerattacke.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Als Thomas L. Anfang Oktober in der Dresdner Innenstadt von einem mutmaßlichen Islamisten angegriffen und erstochen wurde, war er nicht alleine unterwegs. Thomas L. ging mit seinem Lebenspartner durch die Stadt, die beiden sollen sich kurz vor der Tat umarmt haben. Auch der Partner wurde bei dem Angriff schwer verletzt.

Doch bislang haben die sächsischen Ermittlungsbehörden und auch die Bundesanwaltschaft dazu geschwiegen, dass die Tat auch ein homofeindliches Motiv gehabt haben könnte. Ein Umstand, der insbesondere unter queeren Verbänden immer heftiger kritisiert wird.

Verschweigen eines wichtiges Tatmotivs? "Bin mehr als irritiert"

„Ich bin mehr als irritiert, dass die Behörden ein wichtiges Tatmotiv verschweigen“, sagte Jörg Litwinschuh-Barthel, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, am Samstag dem Tagesspiegel. „Das wäre zum Beispiel bei PoC- oder jüdischen Opfern nicht passiert. Das sollte die LSBTIQ-Community aufhorchen lassen."

Schon Mitte der Woche hatte die sächsische Abteilung des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD) gefordert, Polizei und Staatsanwaltschaften müssten ein mögliches homosexuellenfeindlich motiviertes Attentat des mutmaßlichen Islamisten in ihre Ermittlungen einbeziehen.

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Maneo, eine Berliner Einrichtung zur Unterstützung homosexueller Opfer von Gewalttaten, bezeichnete das Verhalten der sächsischen Politik als „nicht hinnehmbar“, den öffentlichen Umgang mit der Tat „verstörend“. 

"Opfer und Motiv werden unsichtbar gemacht"

„Ein entschlossenes und überzeugendes Handeln gegen LSBT*-feindliche Gewalt und islamistischen Terror sieht anders aus.“ Mit dem Verschweigen der Umstände entstehe der Eindruck, Opfer und Motiv unsichtbar zu machen.

Die Berliner Anwältin Seyran Ates twitterte, sie sei sprachlos über das Schweigen und Vorgehen der Behörden, Politik, Medien und Zivilgesellschaft. „Warum? Weil das Opfer schwul war?“  

Tatsächlich sprechen das sächsische Innenministerium und die Bundesanwaltschaft bislang nur von einem radikal-islamistischen Tathintergrund. Auf einer Pressekonferenz vergangene Woche erklärte der Dresdner Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt laut „taz“, man äußere sich nicht „zur sexuellen Orientierung von Tatopfern".

Auch ein Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnte einen möglichen homofeindlichen Hintergrund nicht, als er die Tat als „grauenvolles Verbrechen“ verurteilte. Die FDP forderte die Bundesregierung am Samstag auf, das Andenken des Verstorbenen mit einem öffentlichen Zeichen zu würdigen.

Die FDP fordert Kanzlerin Merkel zum Handeln auf

Es dürfe nicht sein, dass die Sicherheitsbehörden die Tat als „Touristenmord“ verklausulierten, heißt es in einem Brief von FDP-Chef Christian Lindner und den FDP-Abgeordneten Jens Brandenburg und Thomas Sattelberger an die Kanzlerin. „Wir hoffen, Sie im Kampf gegen Homo- und Transfeindlichkeit an unserer Seite zu wissen.“

Jörg Litwinschuh-Barthel, der Vorstand der Hirschfeld-Stiftung, forderte, religiöser Fundamentalismus dürfe nicht länger ausgeblendet beziehungsweise verdrängt werden – „das gilt auch für LSBTIQ-Verbände und -Institutionen“: „Wir brauchen Forschung und Bildungsprojekte zum Thema.“ Dazu wolle er auch auf Bundesinnenminister Horst Seehofer zugehen.

Gleichzeitig dürfe der Islam nicht unter Generalverdacht gestellt werden - sondern der „politische, politisch missbrauchte“ Islam adressiert werden.

Eine Mahnwache zum Gedenken an das Opfer in Dresden

„Wir dürfen niemals in die Falle der Rechtspopulisten und anderer Gruppen tappen, die LSBTIQ-Community gegen Muslime auszuspielen.“ Die vom Bund geförderte Hirschfeld-Stiftung unterstützt unter anderem queere Bildungs- und Forschungsprojekte.

Um des Opfers zu gedenken und auch um auf den homofeindlichen Hintergrund der Tat aufmerksam zu machen, haben zahlreiche queere Initiativen aus Dresden und Sachsen für diesen Sonntag zu einer Mahnwache aufgerufen, die ab 16 Uhr gegenüber der Stelle des Attentats stattfinden soll. Später am Abend will die Stadt Dresden den Kulturpalast in Regenbogenfarben anstrahlen.

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