In Ost-Berlin spielte er mit der Pantomimentruppe am Deutschen Theater

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Nachruf auf Burkhart Seidemann (Geb. 1944) : Die Kunst der stummen Rede
Burkhart Seidemann (1944-2016).
Burkhart Seidemann (1944-2016).Foto: Imago

Burkhart ging nach Ost-Berlin und schloss sich der Pantomimengruppe um Volkmar Otte an. Der hatte das erste Off-Theater der DDR gegründet und 1974 durchgesetzt, dass ein eigenständiges Pantomime-Ensemble am „Deutschen Theater“ eine Wirkungsstätte fand. Das Publikum liebte die Pantomimen, denn ihr Spiel war frei von Phrasen. An die Körper wagten sich die Zensoren nur selten heran. Die Zuschauer wiederum spürten, welche Freiräume sich da auftaten. Pantomime „lebt nicht nur davon, dass man vorführt, sie muss immer auch darauf warten, dass der Zuschauer es wahrgenommen hat. Das ist wie eine stumme Rede und Gegenrede. Ich mache etwas, und jetzt muss ich warten – ah, haben die das verstanden? – und jetzt spiel’ ich wieder weiter.“

Aber so erfolgreich die Akteure um ihr Publikum warben, sie standen nicht unter dem Artenschutz der Hochkultur. Nach der Wiedervereinigung wurde die Sparte Pantomime preisgegeben. Burkhart Seidemann nahm das nicht widerstandlos hin. Der evangelische Theologe aus Jena gründete 1993 die Hackesche-Hof-Bühne, wo bald darauf das Jiddische Liedtheater in der Tradition des Berliner Scheunenviertels Wiederauferstehung feierte, was die Jüdische Gemeinde nicht ohne Argwohn zur Kenntnis nahm.

Das Publikum war begeistert, aber das Geld reichte nicht

Die Klezmer-Musiker hingegen nahmen die neue Spielstätte dankbar an. Über 170 Konzerte wurden im Jahr gespielt, es gab bis zu drei Aufführungen pro Tag, aber nur 100 Plätze. Puppentheater stand auf dem Programm, Hörspiele, Kindertheater, Literaturlesungen, Cabaret, Comedy und natürlich Pantomime, oder wie Burkhart es lieber formulierte: „mimisch-gestische Ensemble-Inszenierungen“, in denen ganze Epen wie der „Reineke Fuchs“ nahezu wortlos erzählt wurden. Das Publikum applaudierte begeistert, das Geld reichte dennoch nicht. Lob, so Seidemann, habe es immer genug gegeben, vom Bundestagspräsidenten wie von den Kultursenatoren, aber die öffentliche Förderung blieb aus.

"Ein Mensch, der sagt, er sei ein Meister, der ist am Ende"

Das Theater musste 2007 wegen steigender Mieten schließen, das Ensemble zerfiel. Kein Grund aufzugeben. „Vorwärts bitte und gegen den Wind.“ Burkhart Seidemann verdingte sich und andere bei Firmen-Festen und anderen Veranstaltungen, denn Kunst braucht Publikum, da war er sich für nichts zu schade. „Ein Mensch, der sagt, er sei ein Meister, der ist am Ende. Und ich möchte nicht am Ende sein. Von meiner persönlichen Einstellung bin ich lieber ein Clown, lieber ein künstlerischer Prolet.“

Er sah sich selbst nie am Ende des Weges, immer am Anfang. Sein Sohn half ihm dabei, sein Patensohn, Aurel, der Jüngste einer Roma-Familie aus Bukarest. Er hatte Aurel seinerzeit übers Taufbecken gehalten und ihm, wann immer das Kind die kleinen und großen Fragen des Lebens stellte, Geschichten erzählt, und schließlich auch aufgeschrieben. Geschichten, die vom Schicksal handeln, vom Mitleid, vom Glück, und von all den anderen Wundern, die Menschen so zustoßen können. Vorlese-Geschichten zum selber Nachdenken. Geschichten, die an Wunder glauben lassen und vor allem an die Liebe, nach der man sich einfach nur sehr, sehr stark sehnen muss, dann begegnet sie einem.

Er heiratete seinen Lebensgefährten im Beisein seines Patensohnes

„Gott hatte sich aus Mitleid mit den Menschen selbst erschaffen und hob die Kinder auf. Er wollte uns trösten. Gott war der Erste, der wusste, dass wir Menschen waren. So kam Gott auf die Welt.“ Dass er selbst die Welt verlassen musste, das kam Burkhart ziemlich ungelegen, denn er hätte gern noch ein oder zwei Jahrzehnte gelebt. Es wurden nur einige Monate, in denen er alles regelte, was zu regeln war. Er heiratete seinen Lebensgefährten im Beisein Aurels, er konnte sich kaum mehr bewegen, aber die Hand seines Mannes, die hat er gedrückt.

Von jedem Menschen erwartet das Leben etwas, das nur er allein ihm zurückgeben kann. So etwas wie Trost. Trost durch Geschichten. „Irgendwann war der Tod ihrer Trauer so müde geworden, dass er die Menschen mied und mehr und mehr aus den Augen verlor. Das ist sehr, sehr lange her. Ihr Klagen und Wehgeschrei hatten ihn zermürbt.“ Aber die Menschen, so spinnt Burkhart Seidemann seine philosophische Erzählung fort, wurden der vielen Zeit überdrüssig, sie baten ihn um Beistand, und der Tod willigte ein. „Gut, sagte der Tod, wenn ihr das glaubt, dann will ich euch wieder mitnehmen. Aber ihr müsst jeder etwas zurücklassen auf der Welt, dessen sich die Lebenden freuen können. Denn, das war seine Bedingung: Wegen ihm sollte niemand je wieder traurig sein.“

Feierlichkeiten, Grabstelle, Ehrung – all das hatte Burkhart verboten. Er ist zu Hause gestorben, lag zwei Tage aufgebahrt auf dem Sofa. Es wurde gegessen, getrunken und viel geweint. Aber es wird auch wieder gelacht werden. Denn in seinem Wohn- und Sterbezimmer wird ein kleines Theater eingerichtet, 20 Plätze, bald wird es losgehen, mit dem ersten Stück: „Phantom der Operette“.

Dieser Text erschien zunächst auf der Nachrufeseite des Tagesspiegels.

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