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Armen Aghajanov ist schwul, HIV-positiv und berät in Kiew andere Infizierte.
©  privat

HIV in der ukrainischen LGBT-Community: Ohne Angst zum Arzt

In der Ukraine verschärft Corona die Situation queerer Menschen mit HIV. Doch die halten mit Aufklärungsarbeit und Beratungsprogrammen dagegen.

Im Laden von Pavlo Boiko in Kiew bekommt man im Dezember, wenn man möchte, zum Einkauf einen kostenlosen HIV-Schnelltest. Damit will der Geschäftsmann Vorurteile abbauen und zur Aufklärung beitragen.

Ein sinnvolles Projekt, denn Russland ausgenommen ist nirgends in Europa die Infektionsrate mit HIV größer als in der Ukraine, und seit Beginn des Krimkriegs steigt sie weiter. Rund 240 000 Menschen leben in dem osteuropäischen Land mit HIV, das entspricht ungefähr 1,1 Prozent der Erwachsenen Bevölkerung.

Alte Vorurteile zu Aids und HIV kursieren immer noch

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten bemängelt, dass die Infektionen oft erst spät entdeckt werden. Die Journalistin und Aktivistin Tania Kasian von der NGO Fulcrum sagt im Videochat, dass die Aids-Epidemie durch die Corona-Pandemie etwas in Vergessenheit geraten sei. „Es gibt hier keine Kultur der gesunden Prävention“, sagt sie. „Viele Menschen lassen sich erst testen, wenn sie krank sind, und dann ist es zu spät.“

Das sieht Armen Aghajanov genauso. Der 29-Jährige arbeitet als HIV-Berater in Kiew und lebt seit 2014 selbst mit dem Virus. „Wie in allen postsowjetischen Ländern gibt es hier viele Vorurteile gegenüber HIV und Aids“, sagt er. Oft sei das Stigma schlimmer als das Virus selbst.

Die queere Community belastet das mehrfach: Im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren Krankheiten gibt es viele Vorurteile gegenüber LGBTI-Personen, zudem werden sie von Ärzten und Ärztinnen nicht immer gut behandelt und aufgeklärt. Das sowie die Angst, unfreiwillig geoutet zu werden – als queer oder HIV-positiv –, sind nicht nur Alltagsprobleme der Betroffenen. Es führt auch dazu, dass viele queere Mensch Angst vor dem Arztbesuch haben, ihn hinauszögern und dann nicht ehrlich sind.

Dass diese Angst nicht unbegründet ist, musste die 42-jährige Elena Lipka erfahren. Die Sozialarbeiterin ist bi und lebt seit 2003 mit HIV in der Großstadt Nikopol. „Der Arzt nennt mich eine Prostituierte, weil ich sowohl Männer als auch Frauen liebe“, erzählt sie.

Weil sie aber regelmäßig Medikamente für die antiretrovirale Therapie braucht und nur ein Arzt in Nikopol HIV-Patienten behandelt, ist sie seiner Diskriminierung ausgeliefert. Zudem sei auch die Behandlung schlecht: Immer wieder würden die Präparate scheinbar ohne Grund gewechselt, schon häufiger musste sie einige Wochen ganz ohne auskommen.

Ihre negativen Erfahrungen beschränken sich nicht auf Arztbesuche, sondern betreffen beinahe alle Bereiche ihres Lebens: Elena Lipkas Mann wurde schon körperlich angegriffen, die Beziehung mit ihren Eltern ist schlecht und die Familie erhält immer wieder Drohbriefe.

Außerdem besucht Lipkas Sohn zurzeit keinen Kindergarten, weil andere Eltern nicht möchten, dass ihre Kinder mit jemandem aus einer queeren Familie mit HIV aufwachsen.

Tania Kasian und Tymur Levchuk von der NGO Fulcrum.
Tania Kasian und Tymur Levchuk von der NGO Fulcrum.
© privat

So etwas erlebt der schwule Armen Aghajanov in seinem Alltag nicht. „Ich lebe in einem toleranten Umfeld“, erklärt er. Allerdings erfährt auch er Diskriminierung, so wurde er zum Beispiel beim Zahnarzt schon mal aufgrund seiner HIV-Infektion nicht behandelt.

Unwissen über das Virus sei selbst innerhalb der queeren Community häufig. „Viele Menschen haben ihr Wissen über das Virus noch aus der Sowjetunion“, sagt er. So glaubten etwa viele Leute nicht, dass Menschen mit nicht nachweisbarer Viruslast nicht oder kaum infektiös seien.

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Ein wichtiger Schritt wäre für Aghajanov mehr Aufklärung – nicht nur in der Bevölkerung, sondern besonders auch von Ärzten und Ärztinnen. „Man kann einen heterosexuellen Mann mit HIV nicht gleich behandeln, wie einen schwulen Mann oder eine trans Person“, sagt er.

Darum sei es auf der einen Seite wichtig, dass Patienten und Patientinnen ihren Ärzten gegenüber offen über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung sprechen könnten aber auch, dass Ärzte sich mit LGBTIQ-Themen auskennen, um bei einer Infektion, die richtigen Schritte einzuleiten und Patienten zu den richtigen Spezialisten weitervermitteln.

Genau dafür setzen sich Tymur Levchuk und Tania Kasian mit der NGO Fulcrum ein. Aber auch sie werden immer wieder mit Vorteilen und Unwissen konfrontiert: „Als mein Freund sich als schwul outete dachten seine Eltern, er habe AIDS und müsse nun bald sterben und das obwohl er vollkommen gesund ist“, erzählt er. In der Ukraine herrscht aus Sicht der beiden noch immer das Bild, dass HIV bloß Drogensüchtige, Sexarbeiter und „Schwuchtel“ beträfen.

Für junge Menschen ist es schwer an Medikamente zu kommen

Darum haben sie 2014 das Programm „Friendly Doctor“ ins Leben gerufen. Es soll Ärzte und Ärztinnen im Umgang mit queeren Personen schulen. Außerdem bietet die NGO verschiedene Beratungsangebote oder psychologische Unterstützung für Betroffene an und versenden anonyme HIV-Tests. Es gebe aber noch viel zu tun. „Manche Menschen wissen noch immer nicht, wie sich HIV überträgt“, erklärt Aktivistin Tania Kasian.

„Und auch das Gerücht, dass Kondome nicht davor schützen, existiert auch noch“. Besonders schwierig sei die Situation für Teenager, denn die Aufklärung in den Schulen ist schlecht. Für Minderjährige ist es außerdem besonders schwierig sich auf HIV testen zu lassen – oftmals würden sie mit der Aufforderung mit ihren Eltern zurückzukommen, weggeschickt.

Die Stimmung gegenüber der queeren Community wird feindseliger

Hier engagiert sich Elena Lipka. Seit sechs Jahren setzt sie sich für Aufklärung und die Rechte von queeren Teenagern und Kindern ein und hilft jungen Menschen, sowohl Zugang zu Medikamenten zu bekommen als auch ihren Schulabschluss zu machen.

Ihr Fazit ist aber eher negativ: „Ich erlebe immer wieder, dass queeren Menschen die HIV-Behandlung verweigert wird“, sagt sie. Aufgrund der Corona-Pandemie, der Rezession und damit der wachsenden Armut im Land werde die Stimmung gegenüber der queeren Community derzeit feindseliger.

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Sieben Jahren nach den Maidan-Protesten hat der Tymur Levchuk das Gefühl, dass einige Chancen verpasst wurden: „Das Zeitfenster, in dem alle sich Richtung Europa orientiert haben und wir progressivere Gesetze für queere Menschen hätten erreichen können, ist vorbei“, sagt er. Damit meint er zum Beispiel die legale Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder die explizite Aufnahme von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung als Straftatbestand – beides gibt es bisher in der Ukraine nicht.

Vor ein paar Jahren seien das realistische Optionen gewesen, jetzt da sich wieder mehr Menschen in Richtung Russland orientierten, würden solche Gesetzesänderungen unwahrscheinlicher. „Jetzt sind wir wieder bei den Grundlagen und erklären, dass es normal ist, schwul zu sein“, fügt Levchuk hinzu.

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