Queere Menschen in der Katastrophe von Beirut : „Niemand kümmert sich und würde uns helfen“

Viele trans und nicht binäre Menschen sind durch die Explosion obdachlos geworden. Ohne Zugang zu Wasser, Essen und Medizin brauchen sie Unterstützung.

"Gott, bist Du das?" fragt dieses Grafitti in einer Straße von Mar Mirkhael.
"Gott, bist Du das?" fragt dieses Grafitti in einer Straße von Mar Mirkhael.Foto: imago/Le Pictorium

„Mein Haus ist nur wenige Meter vom Beiruter Hafen entfernt. Bei der Explosion explodierte alles um mich herum. Alles, wofür ich gearbeitet habe, flog einfach in die Luft. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch am Leben bin“, sagt Andrea. Die libanesische Drag Queen wurde bei der Explosion in Beirut vergangene Woche schwer verletzt.

Von den körperlichen und psychischen Schäden hat sie sich bis heute nicht erholt. „Ich hatte schwere Verletzungen und musste sofort in ein Krankenhaus und operiert werden. Es war das Schrecklichste, was ich in meinem Leben erlebt habe: Mein Zuhause brach über meinem Kopf zusammen und ich sah Menschen um mich herum sterben. In so einem Moment weißt du gar nicht, worüber du dir am meisten Gedanken machen sollst: Darüber, dass du vielleicht stirbst; darüber, dass du gerade dein Haus und deine Heimatstadt verloren hast oder darüber, dass du nicht weißt, ob deine Freund*innen und deine Familie in Sicherheit sind. Dieser Moment ist unmöglich in Worte zu fassen und ich habe ihn selbst nicht verarbeitet.“

Die Katastrophe verschärft die Krise

Seit dem 4. August befindet sich die libanesische Hauptstadt im Ausnahmezustand: Zersplitterte Fensterscheiben, zerstörte Häuser, verletzte Menschen und zahlreiche Familien, die noch Tage später auf der Suche nach Angehörigen sind.

Mindestens 158 Menschen wurden durch die Explosion im Hafen getötet, über 5000 verletzt. Der Sachschaden wird auf zehn bis 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Doch der Libanon kämpft zurzeit nicht nur gegen die Folgen der Katastrophe, sondern auch gegen die wohl schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte.  Grund dafür ist die jahrelange Misswirtschaft der politischen Elite, die sich seit Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1990 kontinuierlich an der Macht hält und jegliche Reformversuche verhindert.

"Wir sind eine marginalisierte Community"

Queere Menschen wie Andrea sind von den Krisen des Landes besonders stark betroffen. „Libanesische queere Menschen sind eine der marginalisiertesten Communities im Libanon. Sie werden von ihren Familien, auf ihrem Arbeitsplatz und von der Gesellschaft diskriminiert“, sagt die libanesische Drag Performer*in Anya Kneez.

Hinzu kommen die Coronakrise, die korrupte Regierung und die Finanzkrise: „Viele queere Menschen haben dadurch ihre Jobs verloren und ihre einzige Form des Einkommens war das Nachtleben. Infolge der Explosion haben jetzt noch mehr Menschen ihre Arbeit, ihre Familien und ihre Häuser verloren. Viele haben kein Zuhause und keinerlei Einkommen.“

Die libanesische trans Frau Sasha Elijah sieht vor allem trans und nicht binäre Menschen als gefährdet: „Aufgrund der Explosion sind viele trans und nicht binäre Menschen obdachlos und ihre Häuser sind zerstört. Sie haben keinen Zugang zu Essen, Wasser und Medizin. Es ist besonders schwierig, denn weil wir trans und nicht binär sind, schauen die Menschen ohnehin auf uns herab. Niemand kümmert sich und würde uns helfen.“

Um junge queere Menschen nach der Katastrophe zu unterstützen, rief die Drag Performer*in Anya Kneez bereits wenige Stunden nach der Explosion ein Funding ins Leben: „Wir sind eine eng verbundene Familie, die aufeinander aufpassen muss, weil es sonst niemand tun wird“, sagte Kneez.

Queere Menschen haben oft mit ihren Familien gebrochen

Auch Ginan Osman, Deutsch-Libanesin und Studentin an der Amerikanischen Universität in Beirut hat eine Spendenaktion organisiert: Gemeinsam mit Anna Fleischer, die mit syrischen geflüchteten Frauen im Libanon arbeitet, möchte sie Menschen vor Ort schnellstmöglich unterstützen. Der Fokus liegt auf Geflüchteten, Frauen, ausländischen Gastarbeiter*innen und queeren Menschen.

„Wir sind es im Libanon gewohnt, Katastrophen mitzuerleben. Es gibt soziale Auffangsysteme, das bedeutet beispielsweise, dass Familien, die ihre Wohnung verloren haben, vorübergehend bei Verwandten in den Bergen unterkommen“, sagt Osman, „queere Menschen dagegen haben oft mit ihren Familien gebrochen, da diese sie nicht akzeptieren. Sie sind deshalb auf sich selbst angewiesen und können sich nicht auf Netzwerke innerhalb der Gesellschaft verlassen.“

Hinzu käme, dass queere Menschen bereits vor der Katastrophe marginalisiert worden seien. Viele von ihnen hätten finanzielle Probleme und wohnten deshalb in ärmeren Bezirken wie Karantina in der Nähe des Hafens, dem Ort der Explosion.

Ein großer Teil der queeren Community arbeite außerdem in Gegenden wie Mar Mikhael, wo es viele Bars, Nachtclubs und Cafés gebe: „Dort wurde durch die Explosion alles zerstört. Wo sollen diese Menschen inmitten der Finanzkrise hin?“

Was ist unter dem "Gesetz der Natur" zu verstehen?

Bereits vor der Krise erlebten queere Menschen in der libanesischen Gesellschaft Diskriminierung. Immer noch gibt es keinerlei rechtlichen Schutz:  So besagt Artikel 534 des libanesischen Strafgesetzbuches, dass Geschlechtsverkehr „entgegen dem Gesetz der Natur“ verboten und mit einer bis zu einjährigen Haftstrafe zu ahnden sei.

Der Artikel geht noch auf die französische Kolonialzeit zurück und weil nicht definiert wird, was unter dem „Gesetz der Natur“ zu verstehen ist, hängt die Entscheidung von der Willkür einzelner Richter*innen ab.

Einem Bericht von Human Rights Watch zufolge wenden Polizist*innen außerdem häufig verbale und physische Gewalt gegenüber queeren Menschen an. Aus Angst davor, geoutet zu werden, trauen sich die meisten Betroffenen nicht, Anzeige zu erstatten.

Die libanesische Drag Queen Narcissa.
Die libanesische Drag Queen Narcissa.Foto: Lewis Semrani

Ein gesellschaftlicher bzw. politischer Wandel wäre deshalb für queere Menschen besonders wichtig: „Wir leben in einem Land, das von religiösen politischen Sekten geführt wird und als Minderheit gehören wir keiner dieser Gruppen an. Ganz zu schweigen davon, dass unsere bloße Existenz immer noch gegen das Gesetz verstößt“, sagt die libanesische Drag Queen Narcissa-

"Wir hatten vor der Explosion gerade mal ein paar queere Orte, wo Drag Performer*innen auftreten und ein wenig Geld verdienen konnten. Einer dieser Orte war Madame Om, er wurde durch die Explosion zerstört. Angesichts der Wirtschaftskrise und der Abwesenheit der Regierung sind unsere Ressourcen allerdings sehr knapp.“

Das Madame Om, einer der Orte für queeres Leben in Beirut, wurde zerstört.
Das Madame Om, einer der Orte für queeres Leben in Beirut, wurde zerstört.Foto: privat

Tatsächlich gab es vor der Explosion in Stadtvierteln wie Mar Mikhael queere Bars und Cafés und sogar Drag Shows. Einige Inhaber*innen stellten dafür ihre Clubs oder Bars zur Verfügung und viele Performer*innen nutzten die Bühne, um in einem sicheren Raum Themen anzusprechen, die sonst in der Gesellschaft tabuisiert werden, wie zum Beispiel Depressionen und Suizidprävention. Das ist jetzt infolge der Krise nicht mehr möglich.

Deshalb gehen Narcissa und viele andere Menschen auf die Straßen und fordern den Rücktritt der gesamten politischen Elite. Der Frust vieler Demonstrant*innen wurde einmal mehr dadurch verstärkt, dass kein Regierungsmitglied nach der Explosion vor Ort war oder bei den Aufräumarbeiten half, sondern die Zivilbevölkerung sich selbst überließ: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir von unserer eigenen Regierung als Geiseln gehalten werden.

Der Protest am Samstag vergangene Woche war der Beweis dafür, dass wir unseren Ärger und unsere Trauer nicht ausdrücken können, ohne dass Gummigeschosse und Tränengasbomben auf uns geschossen werden“, sagt Narcissa.

Die 28-jährige will trotz des brutalen Vorgehens der Regierung gegen die Demonstrant*innen weiterhin auf die Straßen gehen und für ihre Rechte kämpfen: „Wenn wir irgendetwas aus unserer Geschichte gelernt haben, dann durch die Beschäftigung mit dem Stonewall- Aufstand: Wir müssen für unsere grundlegenden Menschenrechte einstehen und werden sie erlangen, egal was es dafür braucht.“

Spendenlinks:

Better Place:

https://www.betterplace.me/soforthilfe-fuer-beirut
Go fund me:

https://www.gofundme.com/f/relief-for-lgbtq-vulnerable-people-in-beirut
Go fund me:

https://www.gofundme.com/f/financial-aid-for-lebanese-transgender-community

Linktree:
https://linktr.ee/anyakneezplz

Go Allout:

https://go.allout.org/de/a/beirut-emergency/

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.