Spielfilm über Berliner Kriminalfall : Ein Schwuler wird zum Serienmörder

Rosa von Praunheim zeichnet in „Darkroom – Tödliche Tropfen“ eine Verbrechensserie nach. Sie spielt im Berlin des Jahres 2012.

Südseeparadies. Roland (Heiner Bomhard, Mitte) ahnt nicht, dass sein Freund ein Mörder ist.
Südseeparadies. Roland (Heiner Bomhard, Mitte) ahnt nicht, dass sein Freund ein Mörder ist.Foto: Missing Films

Wie sieht das Gesicht des Bösen aus? Meist erschreckend unauffällig. Das ist in der schwulen Subkultur kein bisschen anders als im Rest der Welt.

Eine Erkenntnis, die auch der Regisseur und Aktivist teilt, der filmisch maßgeblich zum Erfolg der Homosexuellen-Emanzipation beigetragen hat: Rosa von Praunheim. „Ich glaube, dass man heute auch böse Schwule zeigen kann“, sagt er, und geht dabei mit seinen 77 Jahren wie immer unverdrossen voran.

Krimi, Gerichtsfilm, Psychogramm eines Mörders – Praunheims Drama „Darkroom – Tödliche Tropfen“ ist nichts davon und alles zugleich. Die Machart und die Themen Gewalt und autoritäre frühkindliche Prägung erinnern stark an seinen semidokumentarischen Geniestreich „Härte“ von 2015. Auch der wartete mit kammerspielartigen Studioszenen auf, die betont theaterhaft inszeniert waren.

Die Hauptrollen spielen zwei Kinodebütanten

Wobei sich in „Darkroom“ ein Mix aus teils realistischen, teils überzeichneten Spielfilmsequenzen und pseudodokumentarischen Prozess-Szenen dazugesellt. Die fallen in Praunheim-typischer Manier auch bei diesem ernsten

Thema immer wieder campy aus.
Die Verbindung zum Theater schaffen auch die beiden Hauptdarsteller: Božidar Kocevski und Heiner Bomhard. Beide sind zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen. Sonst spielen sie am Deutschen Theater in Rosa von Praunheims autobiografischem Musical „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“. Hier sind sie als Liebespaar Lars und Roland besetzt, das gemeinsam von Saarbrücken nach Berlin zieht.

Video
Rosa von Praunheim über „Darkroom“ : „Den bösen Schwulen kann man auch mal zeigen“
Rosa von Praunheim über „Darkroom“ : „Den bösen Schwulen kann man auch mal zeigen“

Lars hieß in Wirklichkeit Dirk P. und ging 2012 als sogenannter Darkroom- Mörder in Zeitungsschlagzeilen und Polizeiannalen ein. Der ehemalige Krankenpfleger und Grundschulreferendar vergiftete innerhalb von drei Wochen fünf Bekannte und Zufallsbekanntschaften mit Liquid Ecstasy, auch K.O.-Tropfen genannt.

Drei Männer starben, einer davon im Darkroom einer Homobar. Und auch die Großmutter des bis dato völlig unauffälligen Mannes geht womöglich auf das Mordkonto des 37 Jahre alten Dirk P., wie auch der Film insinuiert.

Weil er ganz selbstverständlich die Bankkarten seiner Opfer nutzt, wird er schnell gefasst und ein Jahr später zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Das Gericht erkennt auf besondere Schwere der Schuld. 2014 nahm sich P. in der Haft das Leben.

Haben Sexdates und Drogenaffinität die Morde erleichtert?

Was genau den mit Drogen experimentierenden Nachtschwärmer getrieben hat, bürgerliche Existenz und Partnerschaft durch die Verbrechen aufs Spiel zu setzen, wird durch Rosa von Praunheims fragmentarische Nachzeichnung des Kriminalfalls nicht wirklich klar. Auch nicht, ob Sexdates und Drogenaffinität der Subkultur die Morde erleichtert haben. Eine Vermutung, die jedoch naheliegt.

[Mehr Neuigkeiten aus der queeren Welt gibt es im monatlichen Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel - hier geht es zur Anmeldung.]

„Darkroom“ stützt sich maßgeblich auf die Prozessprotokolle der Gerichtsreporterin Ute Eisenhardt, die als Co-Autorin am Drehbuch mitgewirkt hat. Božidar Kocevski spielt Lars als kühlen, introvertierten, wenig empathischen Charakter, der beim anonymen Sex seine Machtposition genießt, seinem Freund Roland daheim aber ein fürsorglicher Partner ist. Dem echten Mörder wurden die Motive Habgier, Sadismus und Narzissmus attestiert, die sich auch in von Praunheims Deutung wiederfinden.

Besser nicht mit Fremden trinken. Lars (Božidar Kocevski, links), vergiftet seine Opfer mit K.o.-Tropfen.
Besser nicht mit Fremden trinken. Lars (Božidar Kocevski, links), vergiftet seine Opfer mit K.o.-Tropfen.Foto: Missing Films

[In den Berliner Kinos Lichtblick-Kino, Moviemento und Zukunft]

Trotzdem dominiert die Unbegreiflichkeit von Lars’ Taten, die auch seinen wärmer, nahbarer gezeichneten Freund Roland schockiert. „Der Mann, den ich geglaubt habe zu lieben, hat es nie gegeben. Und den, der die Morde begangen hat, habe ich nie kennen gelernt“, konstatiert er am Schluss.

Statt der Missbrauchs-Mutter aus „Härte“ legt diesmal Lars’ Oma – ein fieser Drachen mit höchst traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit – die schwarze Saat der psychischen Defekte, wie Rückblenden nahe legen. Also sind mal wieder die anwesenden Frauen statt der abwesenden Väter Schuld? Ganz so einfach macht es sich „Darkroom“ mit dem Bösen nicht.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben