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Gedenken der Opfer

© imago images/Michael Matthey

Tagesspiegel Plus

„Rechtsextremismus hat mir meine Familie genommen“: Zwei Jahre nach Hanau – was die Angehörigen sich jetzt wünschen

Der Täter erschoss zehn Menschen und sich selbst. Bis heute ist der Anschlag von Hanau nicht vollständig aufgeklärt. Und die Angehörigen leiden weiter.

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Am Abend des 19. Februar 2020 wurden in Hanau in Hessen zehn Menschen ermordet. Der Täter, der rechtsextremistische und psychisch kranke Tobias R, tötete sich im Anschluss selbst. Er kannte seine Opfer nicht, aber er hatte sie sich bewusst an Orten ausgewählt, wo sich vor allem Hanauer:innen aufhielten, die er – das hatte er zuvor in einem rassistischen Manifest im Netz erklärt – als nicht zugehörig, als fremd abqualifizierte.

Zwei seiner Opfer waren Roma, Mercedes Kierpacz eine deutsche Sintizza, die übrigen stammten aus einst türkischen, afghanischen und bosnischen Einwandererfamilien. Um etwa 21.50 Uhr erschoss R. im „La Votre“ Kaloyan Velkov, danach vor der Bar Fatih Saraçoğlu. In der nahen Shishabar „Midnight“ erschoss er wenig später deren Inhaber Sedat Gürbüz. Vili Viorel Paun, der ihn beobachtet hatte und ihn im Auto verfolgte, ermordete er wenige Minuten später mit Schüssen durch dessen Windschutzscheibe.

Nach ihm verloren Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar ihr Leben in einem Kiosk, in der nahegelegenen „Arena Bar“ Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović. Zurück in der Wohnung, ermordete R. seine 72-jährige Mutter und nahm sich dann selbst das Leben.


Hayrettin Saraçoğlu, Bruder von Fatih Saraçoğlu

© privat


Wie sich später herausstellte, hatte R. trotz bekannter psychischer Probleme seit 2013 einen Waffenschein. Auch mehrere wirre Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft hatten ihm keine Überprüfung eingetragen. Zwei frühere rassistische Vorfälle mit einem bewaffneten Mann unweit von R.s Wohnort hatte die Polizei nicht untersucht.

Der Notausgang der „Arena-Bar“ war seit Jahren verschlossen, weshalb R.s Opfer nicht fliehen konnten – nach Meinung mehrerer Zeugen gab es entsprechende Absprachen zwischen dem Inhaber und der Polizei, die bei ihren häufigen Razzien in der Bar den Fluchtweg blockieren wollte. Vili Viorel Paun hatte während seiner Verfolgungsjagd auf den Täter mehrfach den Notruf alarmiert, aber niemanden erreicht. Viele der Umstände sind auch zwei Jahre nach den Taten unaufgeklärt, die Ampelregierung hat im Koalitionsvertrag eine neue Offensive gegen rechtsextreme Hassverbrechen und deren Aufklärung versprochen. Dafür setzt sich auch die „Initiative 19. Februar“ der Überlebenden und Angehörigen ein. Sie vertraut allerdings auf die Zivilgesellschaft, eine „Zäsur von unten“.


Selma Yilmaz Ilkhan, Stadtverordnete von „Wir sind Hanau“

© privat


„Wir haben heute immer noch mit dem mangelnden Aufklärungswillen seitens der Behörden in Hessen zu kämpfen“, sagt Ajla Kurtovic, die bei dem Anschlag ihren Bruder Hamza verlor. „Eine Verarbeitung der Geschehnisse kann erst erfolgen, wenn die offenen Fragen vollständig und lückenlos aufgeklärt werden.“

Auch Said Etris Hashemi, der ebenfalls seinen Bruder bei dem Anschlag verlor und selbst angeschossen wurde, bemängelt den Widerstand gegen die Aufklärung in staatlichen Behörden. In einem Instagram Live mit Innenministerin Nancy Faeser und Lars Klingbeil findet er dafür deutliche Worte: „Behördlicher Rassismus ist in meinen Augen ein Riesenproblem.“


Çetin Gültekin, Bruder von Gökhan Gültekin

© privat


Dieser behördliche Rassismus zeigte sich in Hanau vielseitig: Verletzte und Angehörige erhielten nach dem Anschlag Gefährderansprachen von der Polizei, die Familien wurden teils erst Tage später über den Verbleib ihrer verstorbenen Kinder informiert, Behörden reagierten auf den Anschlag mit Bürokratie statt mit Empathie.

Dass Menschen in Deutschland durch Behörden rassistisch diskriminiert werden, ist bekannt. Elf Prozent aller Anfragen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes stehen in Zusammenhang mit staatlichem Handeln – damit steht Behörden als Quelle von Rassismus an dritter Stelle nach der Arbeitswelt, Service und Handel.


Emine Aslan, Soziologin und Autorin aus Hessen

© privat


Und die Anfragen an die Antidiskriminierungsstelle wegen rassistischer Attacken werden mehr. Allein im Jahr 2020 wurden über 2000 Fälle gemeldet, ein Anstieg zum Vorjahr von fast 79 Prozent. Die hohen Zahlen zeigten, wie häufig Diskriminierung vorkommt. Sie ließen aber auch auf ein gestiegenes Bewusstsein schließen – und darauf, dass Betroffene rassistische Benachteiligungen nicht länger einfach hinnehmen.

Das Innenministerium versucht nun, das Thema weiter zu erfassen. Im Oktober 2021 hat es die Studie „Rassismus als Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts im Kontext ausgewählter gesellschaftlich-institutioneller Bereiche“ gestartet. Sie soll klären, inwieweit Rassismus in staatlichen Institutionen auftritt, welche Erscheinungsformen er annimmt, wie er wahrgenommen wird, welche Motive und welche spezifischen Gründe ihm zugrunde liegen können und wie er sich vermeiden lässt. Die Ergebnisse werden voraussichtlich 2024 vorgestellt.

Kurtovic und Hashemi haben sich beide bereits öffentlich für die Bemühungen der Innenministerin gegen Rassismus ausgesprochen. „Mit der Ernennung der neuen Bundesinnenministerin, Frau Nancy Faeser, bin ich optimistisch, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus nun endlich eine neue Bedeutung und Rolle einnimmt, in dem er wahrgenommen, aber auch aktiv bekämpft wird“, sagt Kurtovic dem Tagesspiegel. Zuletzt hatte sich Faeser im Bundestag erneut gegen rechtsextreme Gewalt eingesetzt: „Wir setzen alles daran, den Nährboden für rechtsextreme Gewalt auszutrocknen. Wir müssen Hetzer schnell identifizieren und zur Verantwortung ziehen.“

Bis Ostern will das Bundesinnenministerium einen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus vorlegen.

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