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Das deutsche Erbe von Tallinn: Spaziergang durch eine der schönsten Städte Nordeuropas
Die estnische Hauptstadt war über Jahrhunderte das Zentrum einer deutschsprachigen Oberschicht. In den Straßen zeigen sich faszinierende Spuren ihrer wechselvollen Geschichte.
Stand:
Tallinn gilt als eine der schönsten Hauptstädte Nordeuropas. Hinter der Silhouette aus mittelalterlichen Türmen und Giebeln verbirgt sich eine komplexe Geschichte von Macht, Zugehörigkeit und Verlust. Über Jahrhunderte wurde Estland von einer deutschsprachigen Oberschicht geprägt: den Deutschbalten. Auf einem Spaziergang durch die Stadt, die bis 1918 Reval hieß, kann man dieser Vergangenheit begegnen.
1 Haus der Großen Gilde
Mitten in der Altstadt steht das Haus der Großen Gilde (Suurgildi Hoone), ein spätgotischer Bau von wuchtiger Präsenz. Errichtet zwischen 1407 und 1410, war es über Jahrhunderte das Zentrum der städtischen Elite. Hier versammelten sich die wohlhabenden Hanse-Kaufleute, die den Ostseehandel lenkten und die Region dominierten.
Das Gebäude diente als Börse, Festsaal, Gerichtsstätte und Ort religiöser Zeremonien. Seine große Halle mit den reich verzierten Pfeilern zeugt vom Selbstbewusstsein einer Schicht, die sich als natürliche Führungsriege verstand. Seit der Restaurierung und der Auszeichnung als Europäisches Kulturerbe im Jahr 2013 beherbergt das Haus das Estnische Historische Museum.
Die Minderheit der Deutschbalten sei über Jahrhunderte einflussreich im Gebiet des heutigen Estlands gewesen, sagt der Historiker Olev Liivik. Seit dem späten 12. Jahrhundert hätten sie als eingewanderte Elite Verwaltung, Kirche und Bildung bestimmt. Während Hanse-Händler die mittelalterlichen Städte prägten, beherrschten deutschsprachige Adlige, deren Vorfahren mit dem Deutschen Orden in die Region gekommen waren, die ländlichen Regionen.
2 Domberg
Vom geschäftigen Pflaster der Altstadt führt der Weg hinauf auf den Domberg (Toompea). Hier verdichtet sich Machtgeschichte auf engem Raum. Am Domplatz steht das Haus der Estländischen Ritterschaft, errichtet zwischen 1845 und 1848. Nachdem ein klassizistischer Entwurf verworfen worden war, erhielt der Bau unter dem Architekten Georg Winterhalter eine reich geschmückte Fassade im Stil der Neorenaissance. Rustika, schwere Gesimse und gerundete Ecken sollten Kontinuität und sozialen Rang demonstrieren. Heute wird das Gebäude von Institutionen des estnischen Staates genutzt und kann nur von außen bewundert werden.
Im 19. Jahrhundert tagte hier die Estländische Ritterschaft, der politisch und rechtlich organisierte Zusammenschluss des deutschbaltischen Adels. Zu dieser Zeit habe sich eine spezifisch deutschbaltische Identität herausgebildet, erläutert Olev Liivik.
Im Unterschied zu anderen deutschen Minderheiten, etwa in Litauen oder im Sudetenland, seien die Deutschbalten eine gesellschaftliche Oberschicht gewesen, getragen von Adel und wohlhabendem Bürgertum. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl war kein ethnisches, sondern ein sprachliches, kulturelles und ständisches.“ Viele Angehörige dieser Schicht dienten als Offiziere im russischen Zarenreich.
Der Domberg ist bis heute politisches Herz der Stadt. Hier stehen Burg, Kirchen, Adelshäuser und Botschaften. Besonders markant ist das klassizistische Stenbockhaus am Steilhang. Ursprünglich als Gerichtsgebäude geplant, wurde es Ende des 18. Jahrhunderts als Stadtpalais vollendet. Seit 2000 ist es der Sitz der estnischen Regierungschefs.

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Im 19. Jahrhundert geriet die deutschbaltische Oberschicht unter Druck, sagt Liivik. Einerseits setzte das Zarenreich auf Russifizierung: Deutschsprachige Schulen wurden geschlossen, Universitäten auf Russisch umgestellt. Die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale auf dem Domberg entstand in dieser Zeit.
Andererseits gewann die estnische Nationalbewegung an Kraft und stellte die Führungsrolle der Deutschbalten infrage. Deutschsprachige Intellektuelle wanderten nach Deutschland aus, besonders nach der Reichsgründung von 1871. Großgrundbesitzer auf dem Land blieben hingegen zunächst unbehelligt und hielten an ihrem feudalen Lebensstil fest.
3 Gebäude der polnischen Botschaft
Auf Kopfsteinpflaster gelangt man vom Domberg in die historische Unterstadt. Nahe dem ehemaligen Marktplatz erkennt der aufmerksame Besucher ein fast unscheinbares Gebäude mit großer Vergangenheit.

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Heute residiert in der Vana turg 2 die polnische Botschaft, doch einst befand sich dort der Sitz der Bank G. Scheel & Co. Gegründet 1884 von Georg Johannes Heinrich Scheel, einem aus Lübeck stammenden Bankier, entwickelte sich das Institut zu einer der einflussreichsten Privatbanken Revals.
Scheel hatte zuvor die Stadtbank geleitet und verstand es, internationale Finanzströme in die junge estnische Wirtschaft zu lenken. Kredite, Rohstoffhandel, Beteiligungen an Brauereien: Die Bank war ein Motor der Modernisierung. Sie steht exemplarisch für den Übergang der deutschbaltischen Elite vom feudalen Landbesitz zur urbanen Wirtschaftsmacht.

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In der Markthalsgasse (Vanaturu kael) findet man das denkmalgeschützte Höppner-Haus (Hopneri Maja) auf einem Grundstück, das einmal dem deutschbaltischen Kaufmann Johan Höppner gehörte. Die heute sichtbare Fassade entstand im 17. Jahrhundert.
4 Rotermann-Quartier
Östlich der Altstadt, nahe dem Hafen, befindet sich dieses Viertel, im 19. Jahrhundert eines der größten Industrieareale der Stadt. Mühlen, Lagerhäuser und Fabriken des Kaufmanns Christian Abraham Rotermann prägten das Gebiet.

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1918, mit der ersten Unabhängigkeit Estlands, verloren die Deutschbalten endgültig ihre Führungsrolle, sagt Olev Liivik. Eine Bodenreform enteignete die Gutsherren ohne Entschädigung, in den Städten verschwanden feudale Strukturen. Die Deutschbalten wurden zu einer Minderheit mit kultureller Autonomie, aber ohne Vorrechte.
Gleichzeitig entstanden wieder deutschsprachige Schulen, unterstützt vom Deutschen Reich. Hinzu kamen deutschstämmige Flüchtlinge aus Russland, die vor Bürgerkrieg und Terror flohen, jedoch keinen Bezug zur Geschichte der Deutschbalten hatten.
Im Rotermann-Quartier ragt ein freistehender Schornstein auf. Er gehörte zu einer Spirituosenfabrik, erklärt Liivik. Deren Gründer sei ein ehemaliger Gutsbesitzer gewesen, der sich nach dem Verlust seines Landes als Unternehmer neu erfand.

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Während der Sowjetzeit verfiel das Areal, bis es ab den frühen 2000er-Jahren systematisch revitalisiert wurde. Heute stehen restaurierte Backsteinbauten neben zeitgenössischer Architektur, Wohnungen neben Büros, Museen neben Restaurants.
Eine zentrale Adresse ist das Restaurant R14, das seit 2022 jedes Jahr vom Guide Michelin empfohlen wird. Untergebracht sind Weinbar und Restaurant in einem steinernen Kraftwerk aus dem 19. Jahrhundert. Mit seiner mediterranen Küche und einer erstklassigen Weinkarte ist es der ideale Ort, um den Spaziergang ausklingen zu lassen.
Die Geschichte der Deutschbalten endete abrupt im Zweiten Weltkrieg. 1940 annektierte die Sowjetunion Estland auf Grundlage des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts. Der Großteil der Deutschbalten verließ das Land, unterstützt vom NS-Regime, das sie in besetzten polnischen Gebieten ansiedeln wollte.
Wer blieb, geriet nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ins Visier stalinistischen Terrors. Verhaftungen und Deportationen folgten. Nach 1990 lud das nun wieder unabhängige Estland die Nachfahren zur Rückkehr ein – doch nur wenige kamen. Die Spuren ihrer Geschichte hingegen sind in Tallinn bis heute sichtbar.
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