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Krieg statt Frieden. 5000 Hobbysoldaten werden die Schlacht von Waterloo nachspielen (im Hintergrund der Löwenhügel).

© Fasol(WBT

200 Jahre Waterloo: Napoleons letztes Schlachtfeld wird generalsaniert

Am 18. Juni 1815 tobte die Schlacht von Waterloo. Zum 200. Jahrestag wird sie mit 5000 Mann noch einmal geschlagen - als Teil eines umfangreichen Gedenkprogramms.

Seit dem späten Vormittag wogte die Schlacht hin und her, und besonders blutig tobte sie am Gutshof Hougoumont südlich Waterloo. Hastig hatten Wellingtons Truppen ihn befestigt, Schießscharten in die Gartenmauer gebrochen, dahinter Wagen aufgestellt, um auch von oben auf die aus dem nahen Wald quellenden Angreifer schießen zu können. Wieder und wieder hatten die Franzosen das Südtor berannt, Hunderte lagen in ihrem Blut, nun versuchten Napoleons Truppen es von Norden.

Und wirklich gelang es dort, das Tor aufzustoßen und in den Hof vorzudringen. Er wurde zur tödlichen Falle: Britische Soldaten konnten die Torflügel wieder schließen, im Kampf Mann gegen Mann wurden alle Angreifer bis auf einen jungen Trommler getötet. „Der Erfolg der Schlacht begann mit dem Schließen der Tore von Hougoumont“, beschrieb Wellington später den Sieg über Napoleon am 18. Juni 1815.

Die Geschichte ist alt, das Tor neu, immerhin gezimmert aus dem Holz einer jahrhundertealten Eiche. Doch so alt ist die Geschichte nun auch wieder nicht, dass sie Menschen nicht noch heute persönlich ergriffe. Jenen Militärhistoriker und Offizier der irischen Armee etwa, der ein Buch über die Iren vor Waterloo schrieb und entdeckte, dass am Tor von Hougoumont auch zwei seiner Vorfahren gekämpft hatten. Und so steht nun Lieutenant Colonel Dan Harvey in moosgrüner Uniform vor den neuen Eichenflügeln, von einem irischen TV-Sender hergebeten, um über die Schlacht und die Beteiligung seiner Familie zu erzählen. Aber er gibt auch jedem anderen gern Auskunft: über die „personal journey“, die das Buch für ihn bedeutet habe; das Schicksal seiner Ahnen, von denen nur einer schwer verwundet überlebte; und wie wichtig es sei, „dass wir aus der Geschichte lernen“.

Als entfernter Angehöriger ist er privilegiert, darf den Gutshof schon besichtigen, obwohl er noch Baustelle ist – eines der Projekte, mit denen die Gesellschaft „Bataille de Waterloo 1815“ sich für den Jahrestag der legendären Schlacht am 18. Juni rüstet. Sie ist ein Non-Profit-Zusammenschluss der belgischen Provinz Wallonisch-Brabant und der vier Gemeinden, darunter Waterloo, auf deren Gebiet sich das Schlachtfeld befindet – 1997 zur Pflege des historischen Erbes gegründet und natürlich auch, um Touristen anzulocken. 200 Jahre nach Waterloo erhofft man sich besonders viele, da muss die teilweise recht angestaubte Präsentation der Kampfstätte generalsaniert und den Bedürfnissen moderner Schlachtenbummler angepasst werden.

Und so wird eben Wochen vor dem Jahrestag auch in Hougoumont noch gemörtelt, getischlert und gemalert, entsteht ein Besucherzentrum mit kleinem Museum und Souvenirshop. Oberstes Ziel sei, „den authentischen Eindruck zu erhalten“, beschreibt es Nathalie du Parc, Präsidentin von „Bataille de Waterloo 1815“. Das könnte hier gelingen: ein leicht erhöht gelegenes Ensemble aus weißen Gehöften, von der für Napoleons Truppen so fatalen Mauer umgeben, hügelige Felder, durchaus idyllisch, im Hintergrund der berühmte Löwenhügel, Waterloos Wahrzeichen, 1823/26 vom niederländischen König Wilhelm I. von Oranien zu Ehren seines dort verwundeten Sohnes errichtet. Sanfte Ruhe umgibt den Ort – wäre da nicht der Ruinenstumpf des Hauptgebäudes, reckten nicht drei uralte, fast abgestorbene Baumriesen vor dem Südtor, am Rande des „killing ground“, ihre toten Äste gen Himmel – und wäre nicht das Wissen um das Gemetzel von 1815.

Einige Verwundete von Hougoumont dürften im nordöstlich gelegenen Gutshof Mont St. Jean behandelt worden sein, der Wellingtons Armee als Lazarett diente. Das kann man sich nur noch schwer vorstellen. Eine kleine Brauerei hat sich angesiedelt, die „Waterloo – the Beer of Bravery“ herstellt. Das Rezept soll dem des Bieres ähneln, das Wellingtons Truppen „Stärke, Mut und Kraft“ verliehen habe. Gleich neben dem gut bestückten Souvenirshop entsteht in einem gläsernen Neubau ein Restaurant für 250 Personen. Auf Authentizität sollte man hier nicht hoffen.

Die gibt es, mit mittlerem Gruselfaktor, südlich des Schlachtfeldes im Gutshof Caillou, Napoleons letztem Hauptquartier. Genauer im Garten, in einem kleinen Beinhaus, hinter dessen Gittertür man einen mittelgroßen Haufen Knochen entdeckt, auf den umliegenden Feldern geborgen und hier gesammelt. Auch Caillou ist noch Baustelle, soll aber zum Jahrestag sogar das original kaiserliche Feldbett zeigen. Ein authentischer Ort also, leider an der vielbefahrenen N 5 gelegen, was feierliche Gefühle erschwert. Ein Umstand, der auch die Wirkung von „Belle Alliance“ beeinträchtigt, dem Gasthaus, wo Wellington und sein preußischer Verbündeter Blücher sich nach der Schlacht getroffen haben sollen. Nur zwei Gedenktafeln erinnern an die Geschichte des Hauses, das als Disco genutzt wird – für die Waterloo-Vermarkter nur von begrenztem Nutzen.

Und doch wäre aus der Schlacht von Waterloo fast die von Belle Alliance geworden. So hieß sie bis ins 20. Jahrhundert in Deutschland. International hat sich das nicht durchgesetzt, Etienne Claude, Generalmanager bei „Bataille de Waterloo 1815“, hat dafür gleich mehrere Erklärungen parat. Schlachten würden in der Regel nach dem Hauptquartier des Siegers, also Wellingtons, benannt, und das habe nun mal in Waterloo gelegen. Zwar habe Blücher, mit dessen Ankunft auf dem Schlachtfeld am späten Nachmittag Napoleons Schicksal besiegelt war, Belle Alliance als Name vorgeschlagen, aber Wellington habe nicht geantwortet, vielmehr später darauf verwiesen, dass die Presse immer nur von Waterloo schreibe.

Blücher kommt auch bei den Feiern zum Jahrestag etwas kurz, trotz Wellingtons berühmtem, nicht ganz verbürgtem Ausspruch „Ich wollte, es würde Nacht oder die Preußen kämen“. Auch in dem ihm gewidmeten Museum, als repräsentativer Wohnsitz eines Straßenpflaster-Fabrikanten zum Hauptquartier bestimmt, konzentriert sich die aktuelle, aus belgischen, französischen und britischen Museen zusammengetragene Ausstellung auf den Gegensatz Wellington-Napoleon, weniger auf ihre Rolle als Militärführer, vielmehr auf die privaten und politischen Aspekte. Was nicht immer klar zu trennen ist. So zeigt ein Bild den jungen Napoleon bei einer Schneeballschlacht: Schon früh, dies die Botschaft, habe sich sein taktisches Geschick als militärischer Führer gezeigt. Auch Kurioses ist zu entdecken, Wellingtons Rasierzeug oder Gerätschaften zum Aderlassen, von Napoleon Utensilien zur Zahnreinigung, sein Samowar, bei Waterloo von den Briten erbeutet, die auf St. Helena getragene Uniform – und von beiden die Totenmaske.

Ohnehin ist Waterloo die Stadt der alten Uniformen. Man sieht sie auf Plakaten, Kaffeebechern und Bierflaschen, und sie werden mit Stolz von gestandenen Männern, selten auch Frauen getragen, jedenfalls in diesen Wochen des Gedenkens. Dann machen sich die der militärhistorischen Kostüm- und Traditionspflege verschriebenen Vereine wieder auf, die Schlacht noch einmal zu kämpfen, sie nachzuspielen in Biwaks und auf den Feldern von Waterloo, mit viel Rumms und Piff-Paff-Puff, mit Pferdegewieher, Säbelgeklirr, Kanonendonner und „Vive l'Empereur“-Geschrei. Fünf Tage lang werden 5000 Uniformierte zum Spaß paradieren und aufeinander eindreschen, ausgerüstet mit 300 Pferden, 100 Kanonen und 3500 Kilo Schießpulver, auf einem von Tribünen umrahmten Teil des Schlachtfeldes – vor bis zu 120 000 Zuschauern.

Auch "Marschall Ney" in seiner 5000-Euro-Uniformjacke spielt mit

Der Glanz von gestern. Johnny Simon als Napoleons Marschall Ney (Mitte) mit Getreuen.

© Andreas Conrad

Auch Franky Simon, Bibliothekar aus Brüssel, wird sich wieder in seine prächtige Uniform zwängen. Allein die Jacke ist 5000 Euro wert, schließlich stellt er Marschall Michel Ney dar, den „Tapfersten der Tapferen“, wie ihn Napoleon rühmte, bei Waterloo freilich ohne Fortüne. Seit 15 Jahren gehe er diesem Hobby nach, das langer historischer Vorbereitung bedürfe, erzählt der 42-Jährige – der Wille zur Authentizität auch hier. Das reicht bis zur Haarpflege: Nach den fünf kriegerischen Tagen von Waterloo ist das Ende der prächtigen Koteletten keineswegs gekommen, die nächste Schlacht ist schon in Sicht.

Kürzlich durfte „Ney“ sogar Oberbefehlshaber sein, kommandierte die zur Eröffnung des „1815 Memorial“ in Kompaniestärke angerückten Freizeitsoldaten. Es ist das Herz- und Glanzstück der touristischen Aufrüstung Waterloos, direkt neben dem Löwenhügel und dem als Weltkulturerbe eingestuften „Panorama de la bataille de Waterloo“ von 1912: ein großzügig bemessener Komplex mit Foyer, Veranstaltungshallen, Souvenirshop und 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche, in den Boden versenkt, die historische Silhouette nimmt so keinen Schaden.

Präsentiert sich das Wellington-Museum noch traditionell, also betulich-analog, so wird im „Memorial“ die ganze bunte Medienvielfalt aufgeboten, ein digitaler Generalangriff auf Augen und Ohren. Gewiss, Kanonen, Säbel, Uniformen, Schlachtpläne gibt es auch, aber im Zentrum steht die tote Materie nicht mehr. Dort sieht man sich unversehens ins Schlachtengetümmel versetzt, auf der Nase die 3-D-Brille, vor sich eine Panoramaleinwand, auf der 15 Minuten lang das Hauen und Stechen abläuft, arrangiert vom belgischen, einst sogar Oscar-nominierten Regisseur Gérard Corbiau. Auch kann man sich auf Touchscreens mit Karten vom Schlachtfeld per Antippen Fotos und viersprachige Informationen über wichtige Orte holen. Auf eine hölzerne Druckerpresse wird der Besucher stoßen, die dank Projektion pausenlos Flugblätter (Station: Aufklärung) zu produzieren scheint. Und in der für den Hals des Delinquenten vorgesehenen Öffnung einer Guillotine (Französische Revolution) tauchen per Bildschirm die Häupter berühmter Geköpfter auf und werden per digitalem Fallbeil entsorgt. Andere Stationen, gerade die für Kinder, wirken dagegen niedlich wie ein Videospiel, nun ja.

Sogar die unvermeidlichen Schlachtengemälde an der Wand, die für Stationen von Napoleons Aufstieg und Fall stehen, beginnen digital zu leben. Die Seeschlacht von Trafalgar ist da noch in vollem Gange. Schon aller Masten beraubt, feuert die „Bucentaure“, Flaggschiff der Franzosen, noch aus allen Rohren und bekommt volle Breitseiten zurück, piff-paff-puff.

Aber ohne reales Skelett geht es – Authentizität! – auch hier nicht. Man fand es beim Graben in der Nähe. Die Kugel steckte noch. Lungenschuss.

Tipps für Waterloo

ANREISE

Mit Brussels Airlines oder Easyjet nach Brüssel. Von dort mit dem Airport City Express zur Gare du Midi. Weiter mit Bahn (22 Minuten) oder Bus (50 Minuten) nach Waterloo.

ÜBERNACHTUNG

Vom Martin’s Grand Hotel sind es fünf Kilometer zum Schlachtfeld. Das Gebäude aus dem Jahr 1836 war früher eine Zuckerraffinerie und bietet 79 Räume. Fürs Doppelzimmer sollte man zwischen 120 und 190 Euro kalkulieren (martinshotels.com). Direkt am Schlachtfeld liegt das „Le 1815 Hotel“. Die 16 Zimmer haben statt Nummern Namen: Napoleon, Wellington, Blücher etc. (le1815.be).

RESTAURANT

Erst zu Wellington und dann ein Steak oder lieber umgekehrt? Das 40 Jahre alte Restaurant „L’Amusoir“ liegt mitten in Waterloo, vom Museum nur wenige Schritte entfernt. Ein Traditionslokal: viel Holz, alles sehr gediegen (lamusoir.be). Schon optisch besticht „La Sucrerie“ im Martin’s Grand Hotel: grobes Ziegelstein-Gewölbe, getragen von Steinsäulen. Im „1815“, im gleichnamigen Hotel, blickt man aufs Schlachtfeld.

MUSEEN UND MEHR

Die Ausstellung „Napoléon-Wellington“ im Wellington-Museum ist bis 31. Juli zu sehen (museewellington.de). Napoleons letztes Hauptquartier liegt an der Chaussée de Bruxelles 66 in Vieux-Genappe (dernier-qg-napoleon.be). Das „Memorial“ mit dem angeschlossenen „Panorama“ befindet sich direkt am Löwenhügel (Route du Lion 252-254, Braine-L’Alleud, einen Internetauftritt gibt es noch nicht). Informationen über die Waterloo-Brauerei im alten Gutshof Mont Saint-Jean gibt es unter waterloo-brewery.com. Weitere Ausstellungen und Veranstaltungen zu Waterloo findet man unter belgien-tourismus.de. Viele finden in Orten nahe Waterloo statt, die bei Napoleons letztem Feldzug eine Rolle spielten. So informiert die Website napoleon-grouchy-1815.com über den Weg der Armee unter Marschall Emmanuel de Grouchy, der Blüchers bei Ligny geschlagene Armee verfolgen sollte, diese aber verfehlte und Napoleon nicht mehr zu Hilfe kommen konnte. Auch die Schlacht bei Ligny, Napoleons letzter Sieg, wird nachgespielt, und zwar am 14. Juni. Im Ort selbst gibt es dazu ein Museum (1815ligny2015.be). Ausstellungen finden sich ebenfalls in Mons (monsmemorialmuseum.mons.be) und Charleroi (paysdecharleroi.be. Man kann sogar auf der alten Route Napoleons nach Waterloo fahren (napoleonroute-wallonie.de).

DIE SCHLACHT

Die Karten für die beiden Schlacht-Rekonstruktionen sind weg, doch gibt es bei den Feiern vom 17. bis 18. Juni genügend zu bestaunen, so die Eröffnung von Hougoumont am 17. und die Lichtshow „Inferno“ mit viel Pyrotechnik am 18. Juni (waterloo2015.org).

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