zum Hauptinhalt
Die „Costa Atlantica“ hat sich 2011 aus Warnemünde verabschiedet. An ihrer Stelle kommt in dieser Saison das Schwesterschiff „Costa Fortuna“.

© p-a/ZB/euroluftbild

Deutschland: Texaner mögen Fischbrötchen

Früher kamen die Leute zum Baden, nun wollen sie Schiffe sehen: Der Hafen von Rostock-Warnemünde wird immer beliebter.

Berlin hat natürlich alles, was eine Weltstadt so braucht. Sogar einen Kreuzfahrthafen. Der liegt zwar 240 Kilometer entfernt in Rostock-Warnemünde, aber was macht das schon? „Amerikanische Reedereien verkaufen uns als Hafen von Berlin“, sagt Britt Innocenti, Passagierbetreuerin am Ort. Viele Reisende buchten bereits an Bord einen Platz im Sonderzug zur Hauptstadt. Auch an diesem Morgen haben viele ein solches Ticket in der Tasche. Gerade sind sie von der „Celebrity Eclipse“, ausgelegt für 2850 Passagiere, heruntergestiegen. Ganz, ganz langsam hatte der Kapitän den 317 Meter langen und 37 Meter breiten Luxusliner in den Hafen gesteuert. Vorschriftsmäßig und nicht so wie sein italienischer Kollege Schettino, Unglückskapitän der „Costa Concordia“, vor zwei Jahren. Der rauschte, damals mit der „Costa Atlantica“, erheblich zu schnell hinein. „Das erzeugte eine Welle, so dass die fest liegende ’Aida Blu’ gegen die Kaimauer gedrückt wurde und leichte Schäden davon trug“, erzählt Christian Hardt, Sprecher der Hafenentwicklungsgesellschaft.

Ein Einzelfall, zum Glück. Sonst, so scheint es, läuft in Warnemünde alles wie am Schnürchen. Dabei vergeht kaum ein Tag, an dem kein Hochsee-Kreuzfahrer zu Gast ist. Oft sind es sogar zwei oder drei auf einen Streich. Drei Mal in diesem Jahr werden sogar vier Schiffe gleichzeitig nach Warnemünde kommen. Der Aufschwung des Hafens ist rasant. Gab es zum Beispiel im Jahr 2007 erst 93 Schiffsanläufe, so waren es im vergangenen Jahr 158, und für 2012 werden insgesamt 180 Anläufe von 39 Hochseekreuzfahrtschiffen erwartet.

Mögen die Schiffe auch riesig und luxuriös sein, sie müssen sich brav hinten anstellen. „Die Fähren haben immer Vorrang“, sagt Christian Hardt, „denn die haben ihren Fahrplan strikt einzuhalten.“ So muss auch die schneeweiße „Nautica“, morgens aus Kopenhagen kommend, erstmal ein paar Minuten vor der Hafeneinfahrt warten, bis „Tom Sawyer“ der Fährgesellschaft TT-Line in Richtung Trelleborg abgedampft ist.

Nippes und Meer. In der Halle an Pier 7 gibt’s Souvenirs für jeden Geschmack.
Nippes und Meer. In der Halle an Pier 7 gibt’s Souvenirs für jeden Geschmack.

© Kaiser

Wenn die Passagiere der Kreuzfahrer an Land gegangen sind, wird es schon mal eng am Alten Strom. An den Ständen von Eis oder Fischbrötchen bilden sich, vor allem an Wochenenden, Schlangen. Texaner, Italiener und Japaner reihen sich an. Sind die Einheimischen genervt vom Gedrängel? Klagen höre sie nur von älteren Menschen die nicht mehr arbeiten und ihre Ruhe haben wollen, sagt Britt Innocenti. Geschäftsinhaber rieben sich dagegen zufrieden die Hände. Denn die Passagiere kaufen eifrig ein, bei den polnischen Ständen mit Wollmützen und Felljacken ebenso wie in Juwelierläden oder im Fachgeschäft für Meißner Porzellan.

„It's all about Geography“

Sehnsucht. Die „Sedov“ steht für Seefahrt der guten, alten Art.
Sehnsucht. Die „Sedov“ steht für Seefahrt der guten, alten Art.

© Kaiser

Ausflüge nach Schwerin, Lübeck, Stralsund und Wismar werden den Passagieren angeboten. „Viele haben auch von ’Molli’ gehört und wollen unbedingt nach Kühlungsborn, um mit dieser Bäderbahn zu fahren“, erzählt Britt Innocenti. Immer mehr Schiffsreisende wollten sich aber auch auf eigene Faust in der Umgebung umschauen. „Das Gros ist zwischen Mitte 40 und Mitte 60, und diese Menschen trauen sich individuelle Ausflüge zu.“ Zwar seien vor allem Amerikaner zunächst ein wenig ängstlich – „die kennen sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum aus“ – , aber mit guten Anleitungen wagen sie es. „Wir schreiben ihnen alles ganz genau auf“, bekräftigt die Passagierbetreuerin. Und: Es klappt. „Manche der Gäste erzählen hinterher stolz von der Straßenbahnfahrt in Rostock“, sagt Britt Innocenti. Die Ausflüge haben einen schönen Nebeneffekt: „Rostock wird bunter“, sagt Christian Hardt zufrieden. „Internationale Gäste und Crewmitglieder sitzen jetzt neben Einheimischen in Cafés.“ Und sie lassen ordentlich Geld in den Geschäften. 2011 waren es einer Studie der Uni Rostock zufolge neun Millionen Euro. Das Gros kam von den Passagieren, aber auch die Crewmitglieder gaben insgesamt 2,2 Millionen Euro aus.

Warum der Hafen Rostock-Warnemünde immer beliebter wird, fasst Christian Hardt in einen Satz: „It's all about Geography“. Auf Deutsch heißt das: Lage, Lage, Lage. „Bei einer Ostsee- Kreuzfahrt sehen Sie in einer Woche sechs europäische Hauptstädte. Das kann Ihnen kein anderes Zielgebiet bieten.“ Nachts ist man auf See, tagsüber schlendert man durch Kopenhagen, Tallinn, St. Petersburg, Helsinki oder Stockholm. Oder eben durch Berlin. Der Bahnhof Warnemünde grenzt direkt an den Hafen – und die Sonderzüge stehen bereit, sobald das Schiff angelegt hat.

Der belebte Hafen lockt aber auch Landratten an. „Wir haben zum Beispiel Tagesgäste aus Leipzig,, die eigens herkommen, um mal große Schiffe zu sehen“, sagt Britt Innocenti. Wo sonst kämen sie so nah an die Luxusliner ran? Wer die mitunter doch etwas unförmigen Riesen nicht mag, kann heute die „Sedov“, das russische Segelschulschiff aus dem Jahr 1921, bewundern. Da haben wir ja richtig Glück gehabt. „Ach“, sagt der Hafensprecher, „die Viermastbark liegt öfter bei uns.“ Manchmal böten die Russen beim sogenannten Open Ship auch die Möglichkeit, sich an Bord umzusehen. Und die Besatzung genießt die Vorzüge an Land. Ein Argentinier führt hier seit kurzem die sogenannte Crewcorner – mit speziellen Lebensmitteln und kostenlosem W-Lan.

23.10 Uhr. Im Bistro-Café am Alten Strom. Ein Hamburger Ehepaar sitzt am Nebentisch. Der Mann blickt auf die Uhr. „Sie ist schon zehn Minuten zu spät“, sagt er und meint die „Silver Cloud“. Endlich schiebt sich das Schiff raus, „nur etwas größer als die Fähren“, befindet er ein wenig enttäuscht. „Und tuten darf das Schiff so spät ja auch nicht mehr“, sagt seine Frau. Wieso kommen Hamburger Schiffsgucker nach Warnemünde? „Das besondere Flair gefällt uns hier“, sagen sie. Mehrmals im Jahr mieten sie sich am Ort ein. Am liebsten im „Neptun“. Da hätten sie nun ein Zimmer im neunten Stock und von dort aus „alles wunderbar im Blick“. Die Nacht dürfte kurz werden für die beiden. Denn anderntags wird die „Prinsendam“ erwartet, um sechs Uhr früh.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false