
© Ulf Lippitz
Wiedersehen mit einer Verrückten: Gebt Soho eine zweite Chance!
Das Ausgehviertel im Zentrum Londons hat unseren Autor früher magisch angezogen. Nach 25 Jahren kehrt er zurück, um alte Favoriten zu finden und nach neuen Attraktionen zu suchen.
Stand:
Als ich vor 25 Jahren in London lebte, war Soho das Epizentrum meiner Welt. Beinahe jeden Tag fuhr ich zur U-Bahnstation Tottenham Court Road, ging über den Soho Square und verabredete mich mit Freunden im Old Compton Café. In der Bar Italia trank ich einen Espresso, weil die Britpop-Band Pulp dem Lokal einen eigenen Song gewidmet hatte. Manchmal ließ ich mir im Salon daneben die Haare schneiden, aber nur wenn ich wirklich 15 Pfund übrig hatte.
Eigentlich brauchte ich das Geld für sinnvollere Zwecke. In Soho gingen wir aus, es war das Zentrum der schwulen Community. Das erste Pint tranken wir in der Rupert Street Bar, in der Escape Bar die nächsten, und am Wochenende endeten wir auf der Wig-Out-Party, die in einem Kellerloch Popmusik aus den 80er und 90er Jahren spielte. Rick Astley und die Cardigans, „Beat It“ und „The Time Is Now“. Weit nach Mitternacht nahm ich den Nachtbus zurück nach Hause, erschöpft und glücklich.
Wenn ich heute über die Old Compton Street laufe, finde ich kaum eines der Lokale wieder. Die kleinen Restaurants haben bestimmt schon fünf Mal den Besitzer gewechselt, die Cafés existieren bis auf die Bar Italia nicht mehr, die Clubs sind nicht nur geschlossen, die Gebäude sind teilweise abgerissen und haben einem neuen Untergrund-Bahnhof Platz gemacht. Soho stirbt den Gentrifizierungstod.
Oder doch nicht? Zum ersten Mal nach Jahrzehnten verbringe ich zwei Tage komplett in dem berühmten Stadtviertel, das eigentlich keines ist, sondern ein Karree zwischen Oxford Street und Shaftesbury Avenue, Mayfair und Covent Garden. Ein Dorf mit lauter Gassen, zwei Plätzen und kaum einem Hochhaus. Ich sehe Ketten-Cafés und viel mehr hübsch gestrichene Läden als früher, entdecke jedoch auch Orte, von denen ich noch nie gehört habe. Es ist kompliziert. Soho siecht und boomt zur selben Zeit.

© Broadwick Soho
Der Ausgangspunkt für meinen Ausflug ist das Hotel Broadwick Soho, das eine neue Ära der Ausgehgegend einläuten will – an der gleichnamigen Straße, in die ich damals keinen Fuß setzte, weil es einfach keine Schwulenbar dort gab. Den Eingang finde ich zuerst gar nicht, zwei Bäume und eine rotleuchtende Markise verstecken die Tür, nur ein kleines goldenes Schild weist mich auf das Hotel hin. Drinnen folgt sinnliche Überfrachtung, ein knallbunter Maximalismus. Inneneinrichter Martin Brudnizki gaukelt eine geistige Nähe zwischen Jaipur und Marrakesch vor – Elefanten und Tiger triumphieren auf bestickten Tapeten, kirschrosa Stoffe und goldene Oberflächen buhlen um Aufmerksamkeit.
Das Hotel ist erst ein paar Monate alt und bereits ein Fixpunkt zwischen verblasstem Rotlichtflair und High-Class-Entertainment. 57 Zimmer in sieben Etagen warten in der Broadwick Street auf Stadterforscher und Kulturtouristen. Ausgehen! Feiern! Loslassen! Das geht auch im Hotel selbst. Auf der Dachterrasse lockt Ibiza-Feeling – wenn es der englische Wettergott richtig gut mit seinen Untertanen meint. Die DJ-Kanzel glänzt in feinsten Goldtönen. Und auch das Make-up mancher Gäste, von Shoppingqueens mittleren Alters bis hin zu Büroheldinnen nach der Arbeit.

© Broadwick Soho
Der Londoner Himmel brilliert dazu mit grauer Freundlichkeit, ein Towerblock scheint an die Wolken zu kratzen, Flugzeuge fädeln sich nach Heathrow ein. Laute Stimmen, Shufflebeats aus den Boxen, Darling!, Darling! Flotte Kellner in Westen und Fliegen, viele unverkennbar nicht aus Yorkshire oder Surrey, sondern Kalabrien oder Andalusien.
David Bowie und Grace Jones, Acid und Rap
Draußen auf der Straße holen mich die Beats der Metropole ein: das Klappern von Absätzen und das Stakkato von Mobilfunkgesprächen. „Yeah, yeah, no, no.“ Gleich um die Ecke vom Hotel entdecke ich eine Plakette an einem weißen Backsteingebäude, die an die Trident Studios erinnert. Sie existierten bis 1981, David Bowie nahm 1972 das berühmte Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust“ hier auf. Ein paar Songzeilen hängen wehmütig in der Luft.
Nach wie vor spielt Musik in Soho eine große Rolle. Zunächst einmal im kollektiven Kulturgedächtnis. In den 80er Jahren lockte der Wag Club die coolsten Party-Kids der Metropole an. Die ersten Hip-Hop-Abende fanden im Lokal an der Wardour Street statt, Acid House feierte seinen Durchbruch auf der Tanzfläche, und David Bowie drehte 1984 sein „Blue Jean“-Video vor Ort. Zu den Gästen zählten George Michael, John Galliano und Grace Jones – die einmal einen Verehrer mit einem Faustschlag niederstreckte.

© Ulf Lippitz
Ich erinnere mich an das Gebäude in der Great Marlborough Street, in dem Sony Music Ende der 90er Jahre seinen Hauptsitz hatte. Vor dem Haus parkten manchmal Trucks, auf denen junge Bands hitzigen Gitarrenpop vorspielten – in der Hoffnung, auf den Britpop-Hype aufzuspringen und einen Plattenvertrag zu erhalten. Heute befindet sich an selbiger Adresse die Videospiel-Abteilung des Konzerns.
Plattenläden halten die Musiktradition hoch. Sie gibt es noch zuhauf, kleine Geschäfte mit Vinyl-Alben in Plastikschonern. Mindestens drei fallen mir fußläufig vom Broadwick Soho auf, das eigensinnigste davon ist Third Man Records in der Marshall Street. Jack White hat diese Filiale seines Detroiter Labels vor drei Jahren in Soho eröffnet, Spielzeugpuppen seiner Band The White Stripes gibt es zu kaufen sowie exklusive Platten von der Band The Racconteurs bis hin zur Elektro-Punk-Ikone Peaches.

© Ulf Lippitz
Man wähnt sich in der inoffiziellen Botschaft Schwedens, alles ist leuchtend gelb und blau gestrichen. Unten im Keller treten gelegentlich Bands live auf, Neugierige können Ihre Fähigkeiten an der Gitarre testen. Auch mich fordert der Verkäufer dazu auf. Er weiß nicht, dass mein Lieblingsinstrument das Keyboard ist.
Draußen hupt ein Van, Männer schreien. „Ah, wieder ein Unfall?“, mutmaßt der Verkäufer. In der sowieso schon schmalen Straße stehen seit einigen Monaten zwei Poller und quälen die Autofahrer. Große Lieferwagen müssen regelmäßig umkehren, immer wieder ein Quell unbändigen Voyeurismus bei den Passanten. Der junge Mann aus dem Laden erzählt, dass dies die einzigen Poller Londons sind, denen ein eigenes Instagram-Konto gewidmet ist. Betweentwopollards dokumentiert die Zwischenfälle am Hindernis mit der treffenden Titelzeile: „Left a bit, right a bit.“ Wenn das mal keine Geheim-Sehenswürdigkeit für ereignisarme Tage ist.
Weniger subversiv kommt ein Fanladen in der Carnaby Street daher. Die Rolling Stones haben in West-Soho ihr einziges offizielles Geschäft der Welt. Es ähnelt den Club-Shops von Fußballteams wie Bayern München, nur streckt einem hier laufend Mick Jagger seine berühmte Zunge entgegen. Das Logo klebt auf knallig blauen Pullovern und Uhren-Ziffernblättern, es gibt Fußmatten mit dem Spruch „Pleased to Meet You“ – der Zeile aus dem Song „Sympathy For The Devil“ – und die ganze Zeit läuft Musik. Dreimal raten, von welcher Band.
Am Abend soll eine Kooperation der Stones mit dem Rennfahrstall McLaren gefeiert werden, lauter Helme liegen bereit, der Store Manager lädt mich ein. Kommen die Bandmitglieder auch? Er schaut mich mitleidig an. Vermutlich versammelt Mick Jagger gerade seine Familie in seiner Villa auf Mustique und hat vergessen, den Privatjet vollzutanken.
Hochkultur habe ich während meines London-Aufenthalts nie in Soho gesucht. Heute empfiehlt mir der Concierge des Hotels die Photographers’ Gallery. Seit 2012 hat sie Räume in einem Lagerhaus bezogen, etwas versteckt in der Ramillies Street, nur fünf Minuten Fußweg von den Stones entfernt. Die mehrgeschossigen Ausstellungsräume widmen sich der Kunstform Fotografie. Ich lese, dass Wolfgang Tillmans und Martin Parr bereits gezeigt wurden, und schaue mir Panoramabilder verlassener Sozialbauten an.

© Ulf Lippitz
Der wirkliche Treffpunkt von Soho ist der gleichnamige Platz im Osten, ein quadratischer Park mit einem schwarzweiß-gestrichenen Hexenhäuschen in der Mitte, dem Geräteschuppen des Gärtners. Der Tiefflug der Tauben erinnert mich sofort an die Tage, an denen ich mein Sandwich vor der Invasion der Körnerfresser schützen musste. Zaghaft wagen sich Sonnenstrahlen hervor, rasant füllen sich Bänke und Rasen – schönstes Menschengemisch aus allen Weltkulturen.
Ein Anwalt mit Kippa telefoniert neben einem eleganten Jamaikaner mit schwarzer Felljacke, Familien pausieren mit Broten, Obdachlose suchen nach Zigarettenstummeln. Mein Ohr fängt den Satz auf: „Hab heute einen Termin bei der Heilsarmee, um neue Klamotten zu bekommen.“ Er wird verschluckt vom Tischtennis-Pong-Pong zweier Männer, die sich mit Musik hochpeitschen.
Paul McCartney hat seine Firma hier
Alte Platanen beschatten diese Zweckgemeinschaft, höher als die vier- oder fünfstöckigen Gebäude am Platz. In einem davon, in der Nummer 1, hat übrigens Paul McCartney seine Firma. Ich schaue durch die große Glasscheibe hinein, kann jedoch nur einen Empfangsbereich und ein riesiges Gemälde an der Wand ausmachen.
Abends treffe ich mit meinem Freund Alex. Er war Teil der Clique, die samstagabends regelmäßig im Wig Out abstürzte – und schon immer der solideste von allen. Bereits damals hatte er einen festen Job und eine Vorstellung davon, wie sich seine Laufbahn entwickeln sollte. Mittlerweile hat er eine Beratungs- und PR-Agentur – sowie eine Clubmitgliedschaft. The Union befindet sich in der Greek Street, zwei Schlenderminuten vom Soho Square entfernt. Drinnen wirkt alles wie ein geschmackvoll restaurierter Pub, es gibt wunderbar knarzende Treppen und einfache Holztische. Nichts erinnert an die Klüngelhaftigkeit von Soho House und Konsorten.
Wir plaudern über Bekannte, die mit uns tanzten und inzwischen verstorben sind. Alex erzählt mir von Anwohnerinitiativen, das Viertel zu befrieden. „Wer nach Soho zieht, weiß, worauf er sich einlässt“, ist seine Meinung dazu. Lustige Anekdote am Rande: Die Menschen der Soho Society haben erreicht, dass der Tesco-Supermarkt an der Dean Street den Status „kulturell wertvoll“ erhielt. Was Immobilienentwickler dazu zwang, das Geschäft im neuen Komplex an derselben Stelle einzuplanen.
Nach dem Essen ziehen wir ins Admiral Duncan, eine schwule Kneipe mit trauriger Geschichte. 1999 hatte ein Attentäter dort eine Bombe platziert, die drei Menschen tötete und 79 verletzte. Ich war an jenem Tag nur 200 Meter vom Tatort entfernt und spürte den unfassbaren Schmerz einer Community, Zielscheibe eines feigen Angriffs zu sein – und gleichzeitig ihren aufflammenden Stolz, sich das Leben nicht verbieten zu lassen.
Zunächst ist wenig los im Pub. Aber als die Performerin beginnt, alte Hits live auf der kleinen Bühne zu singen und mit den Umstehenden zu plaudern, strömen mehr Männer ins Lokal. Meist mittleren Alters, Alex meint, die jüngeren würden doch gar nicht mehr ausgehen, nur im Internet abhängen, um sich verabzureden. Soho geht in dieser Nacht etwas die Luft aus.
Zurück im Hotel fühle ich mich trotzdem elektrisiert. Es ist nicht mehr das alte Soho, das ich vorgefunden habe. Aber auch ich bin nicht mehr derselbe Mensch, der einst durch die Straßen des Viertels gelaufen ist. Noch immer treffen sich unterschiedliche Menschen aus aller Welt hier, trinken Engländer beim ersten Blinzeln der Sonne ihr Bier draußen vor den Pubs und sitzen Italiener auf den Stühlen der Bar Italia. Und wenn man genau hinschaut, lässt sich doch ein verborgener Geist entdecken: So leicht lässt sich Soho nicht unterkriegen.
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