Reisen in Deutschland : Flugscham? Wie wäre es denn mit Bahnscham!

Umweltbewusste Ferienreisende wollen in Deutschland Urlaub machen. Doch die Anreise mit dem Schienenverkehr ist oft ernüchternd. Eine Kolumne.

Reisende warten Bahnhof vor der Tür eines Regionalzuges.
Reisende warten Bahnhof vor der Tür eines Regionalzuges.Foto: Ole Spata/dpa

Im Jahr 30 nach dem Mauerfall ist der Ausflug nach Usedom schon lange überfällig. Die berühmte "Badewanne" erkunden, endlich, das Traumziel der Berliner über so lange Zeit. Seltsam, dass einem der Bahn-Navigator dabei überwiegend Verbindungen anzeigt, bei denen man zwei- oder dreimal umsteigen muss. Ein Lieblingsziel sollte doch möglichst einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein. Zumal der ADAC-Berater von einer Fahrt mit dem Auto abgeraten hat.

Da gebe es gar nicht so viele Parkplätze, und das Abstellen des Autos sei auch teuer. Ohnehin, die Fahrt soll an einem Sonntagmittag starten, da sollte es im Zug ruhig sein. Bis Bernau, dem offensichtlich günstigsten Ausgangspunkt einer Fahrt nach Usedom, wird die S-Bahn immer voller. Riesenplüschpandas, Koffer mit karierten Schleifen, bunte Sandeimer mit Förmchen und Schaufeln, Reisetaschen kurz vor dem Platzen, coole Rucksäcke, hohe Kinderwagen, lärmende jugendliche Gruppen. Fahrräder natürlich.

Das alles ergießt sich als bunte Masse auf den Regionalbahnsteig, wo ein kurzer Zug wartet, der schon vor der Abfahrt überfüllt ist. Unfassbare Mengen Gepäck, das, anders als im Flugzeug, nichts extra kostet, aber dafür auch nicht wirklich genug Ablagefläche findet. Rasch packen Kinder, die sich irgendwie hinhocken oder gar zu zweit oder zu dritt einen Sitz ergattern konnten, neonfarbene Plastikdosen mit Proviant aus: „Ich bin sooo hungrig!“.

Schaffnerin am Rande des Nervenzusammenbruchs

Man zeigt einander Marmeladenbrote, Käsestullen, Wurstbrötchen, Vorratsbeutel mit Apfelschnitzen. Erstaunlich die kleinen Mädchen, die noch auf Papier malen und keinerlei Neid aufs Smartphone zeigen. Beim nächsten Umstieg in eine Insel-Bahn wird es noch voller. Zwar sind in diesen Zügen die Sitze genialerweise so hoch, dass man einen Koffer lässig drunter schieben kann, was ja viel angenehmer ist, als wenn man ihn erst hochstemmen müsste in die Ablagefächer. Leider scheint das niemand zu begreifen. Hinweisschilder gibt es nicht, und Schaffner haben auch keine Chance, sich durch das Chaos zu drängeln und gute Ratschläge zu geben.

Die Insel ist wunderschön, vom Hotel bis zum Strandkorb stimmt alles. Aber würde man sich das wieder antun oder doch lieber nach Fuerteventura oder Venedig fliegen, so ganz in Ruhe mit sicherem Platz und professionell verstautem Gepäck? Diese Frage stellt sich dringlich bei der Rückfahrt. Ein überfüllter Zug bleibt liegen, weil er „kaputt“ ist, wie über Lautsprecher mitgeteilt wird.

Der Inhalt ergießt sich eine Stunde später in den nächsten Zug, der hoffnungslos aus allen Nähten platzt, so dass eine Schaffnerin am Rande des Nervenzusammenbruchs mit wüsten Drohungen einen Teil der Leute dazu bringen muss, wieder auszusteigen.

Reisen ohne Darwinismus und Blessuren an den Ellbogen

Das Fazit einer viel zu lange aufgeschobenen Reise ist ernüchternd. Deutschland ist offenbar nicht so gut in der Organisation, wie alle immer noch denken. Sonst gäbe es doch Menschen, die Nachfrage und Angebot in ein vernünftiges Verhältnis bringen könnten. Die wissen, dass man es nicht allen Recht machen kann und beispielsweise eine Reservierungspflicht für Fahrräder einführen müsste. Planen ist schließlich immer noch angenehmer, als jemand einfach draußen stehenzubleiben.

Flugscham ist schön und gut. Aber wie wäre es denn mit Bahnscham? Jedenfalls bei den Verantwortlichen, die nicht in der Lage sind, einen geordneten Transport für umweltfreundliche Ferienreisende zu organisieren, die im Lande bleiben und trotzdem ohne verschärften Darwinismus und Blessuren an den Ellbogen ans Ziel gelangen wollen.