Rheinschwimmen in Basel : Alle im Fluss

Von der Liquidität der Schweiz kann Berlin nur träumen: In Basel springen die Menschen nach Feierabend in den Rhein. Auch anderswo schwimmt man mit dem Strom.

Mit Wickelfisch ans Ufer - ein ganz normaler Sommertag in Basel.
Mit Wickelfisch ans Ufer - ein ganz normaler Sommertag in Basel.Foto: Lucía de Mosteyrín Muñoz

Jetzt kommen die Wickelfische. Von Großbasel über die Johanniterbrücke und das Kleinbasler Ufer. Sie übernehmen den Rhein, gleiten auf der rechten Seite des Flusses, vorbei an Schleppkähnen und Fähren, an Bojen und Steinen.

Die Basler hängen an ihren Wickelfischen – wasserdichten Taschen, in denen sie ihre Klamotten verstauen, um in den Fluss zu springen. Die Säcke sind zum Symbol geworden für eine Beschäftigung, die zur Stadt gehört wie die Kunstmesse und das Münster: das Schwimmen im Rhein.

Am Tinguely-Museum geht es ins Wasser, 20 Grad bei 36 Grad Außentemperatur. Etwa 2,5 Kilometer, rund 20 Minuten treiben lassen im wilden Fließgewässer.

Das Ufer unterhalb des Museums ist voll mit Menschen, das gibt ein bisschen Sicherheit. Die Basler Stadtgesellschaft macht sich auf den Weg ins Wasser. Klamotten in den Schwimmsack, diesen in den Fluss schmeißen, hinterherspringen, treiben lassen, fertig. Sieht eigentlich ganz einfach aus, und die grünlich-blaue Farbe des Flusses macht sowieso Lust, ins Wasser zu gehen.

Es ist kalt, man zögert noch, sich komplett ins Wasser zu stürzen, da zieht der Fluss schon an den Beinen. Ein Stück waten, Vorsicht Steine!, Sprung ins Wasser. Nun ist klar: Das ist kein Freibad. Die Kraft des Flusses drückt – wie bergab Rad fahren. Die Kälte wird langsam angenehmer. Schön, der Hitze entkommen zu sein. Um einen herum: Viele Leute, die auf vielen bunten Schwimmsäcken liegen.

Ein Fährsteg. Heinz Thomann fährt hier seit 20 Jahren die berühmten Rhein-Fähren hin und her. Drei bis vier Stunden die Woche im Sommer. Verzähl’s dem Fährima – so sagt man in Basel. Erzähl’s deinem Friseur.

Stört ihn das nicht, wenn hier ständig Leute vorbeischwimmen, muss man da nicht aufpassen? „Die müssen aufpassen, ich nicht. Die meisten können das aber gut einschätzen. Ich fahre ja immer gleich schnell. In Slow Motion quasi.“

Gelegentlich kommt es vor, dass sich mal einer festhält. Aber selten, sagt Thomann. Die Fähren sind mit Leitungen verbunden, die über den Fluss gespannt sind. Immer gleiche Route, immer gleiches Tempo.

Wo ist hier eigentlich der Bademeister?

Die Mittlere Brücke kommt in Sichtweite. Noch hat man einen fantastischen Blick auf das Basler Münster, die Sandsteinkirche auf Großbasler Seite. Den Wickelfisch in den Nacken geschoben, lässt es sich besser die Gegend angucken. Bei den Brücken jedoch sollte man aufpassen. Die Richtung zu wechseln, links und rechts zu manövrieren, ist zwar nicht sehr schwer, dauert aber ein bisschen. Man muss Bojen ausweichen, den Fähren von Heinz Thomann und seinen Kollegen sowieso. Und gegen Brückenpfeiler schwimmen, ist bestimmt unangenehm. Wo ist hier eigentlich der Bademeister?

Nach Auskunft der Kantonspolizei ertrinken bis zu drei Menschen im Jahr, in diesem waren es bis jetzt zwei – einer davon am Tag vor dem Selbstversuch. Also Anruf bei Christian Senn, Präsident der Schweizer Lebensrettungsgesellschaft (SLRG), Sektion Basel. „Grundsätzlich ist das Schwimmen im Rhein lebensgefährlich“, sagt Senn, „aber es gibt gewisse Regeln, an die man sich halten sollte, um das Risiko zu minimieren.“

Ein guter Schwimmer sollte man sein, sich nichts an den Körper binden, nur in den vorgesehenen Bereichen bleiben, die auf Schildern der SLRG und der Kantonspolizei am Ufer verzeichnet sind. Jeden Dienstagabend begleitet die SLRG Interessierte im Rhein, um an den Sport heranzuführen. Einmal im Jahr ist das große Rheinschwimmen, 1980 fand das erste statt. Auch hier begleitet die SLRG die Basler Flussenthusiasten. Im Alltag jedoch gibt es keine Bademeister, keine Dauerpräsenz von Rettungsschwimmern am Rheinufer. Die Basler kümmern sich um den Fluss und die eigene Sicherheit einfach selbst

„Der Rhein ist ein klassenloser Ort“

Das Münster ist inzwischen vorbeigezogen, es geht Richtung Johanniterbrücke. Wer ist hier eigentlich im Wasser? Nur die ganz Harten? Die Topschwimmer, ohne Angst vor den Fluten? Nein, die Antwort ist: alle. Studenten, Rentner, Business-Typen, Schüler, Eltern mit Kindern, viele Sprachen werden gesprochen. Am Ufer schmeißen sich grade ein paar Jungs zu Hip-Hop-Beats bei Shisha-Rauch gegenseitig ins Wasser. Es ist eine sehr egalitäre Gesellschaft, die sich im Fluss versammelt.

„Der Rhein ist ein klassenloser Ort“, sagt Yuma Shinohara. Enthusiastisch erzählt der Kurator im Architekturmuseum Basel von den Vorzügen der Flussbadekultur und was das alles für eine Stadtgesellschaft bedeutet. Er hat die Ausstellung „Swim City“ mit erdacht, die bis zum 29. September im Museum zu sehen ist. Die Schweiz ist Vorreiter beim Flussbaden, in Zürich, Bern und Genf gehört es zum Stadtleben dazu. Die Ausstellung zeigt, dass es auch in anderen Städten der Welt geht – oder man dort anstrebt, sich diesen öffentlichen Stadtraum zu erschließen. New York und London möchten Flussbäder eröffnen. Seit vergangener Woche springen Pariser wieder wie jeden Sommer ins Bassin de la Vilette, ein kostenloses Kanalschwimmbad, das über ein verzweigtes System mit der Seine verbunden ist. Münchner genießen die kühlen Fluten am Flaucher, einem Abschnitt an der Isar. Auch in Berlin könnte demnächst die Spree zwischen Bodemuseum und Auswärtigem Amt zum Baden genutzt werden, ein Filter soll das Wasser hier sauber halten. Wie lange die Umsetzung dauert, ist nicht ganz klar. In Basel ist der Rhein längst selbstverständlicher Teil der Freizeitgestaltung.

Gleich da: Unter der Johanniterbrücke sollte man sich langsam auf den Ausstieg vorbereiten.
Gleich da: Unter der Johanniterbrücke sollte man sich langsam auf den Ausstieg vorbereiten.Foto: Lucía de Mosteyrín Muñoz

Für einen Anfänger ist das alles neu: Einfach in den Fluss springen. Die Schleppkähne an sich vorbeiziehen sehen, das seidige Wasser auf der Haut, um einen herum Hunderte Leute. Wie ein Spaziergang im Park. Der Direktor des Architekturmuseums erzählt in einem Video in der Ausstellung, dass er morgens zum Wachwerden 15 Minuten gegen den Strom schwimmt. Wissen die Basler eigentlich, wie gut sie es haben?

„Im Sommer geh’ ich fast jeden Tag, wenn ich kann“, sagt Kenan. „Es ist ja auch eine Gemeinschaftsbeschäftigung, alle gehen hin, da kommt man ins Gespräch mit Leuten aus der Stadt.“ Er studiert Grafikdesign, kommt aus Basel. Gerade steht er neben Carlotta am Ufer, die Wickelfische sind gepackt. „Es ist sauberer als im See, weil sich das Wasser ständig bewegt. Und man sieht eben Groß- und Kleinbasel von der Mitte aus“, sagt sie.

Nicht immer war das Wasser so sauber

So sauber war das Wasser aber nicht immer. In den 1960er und 70er Jahren verschmutzten Industrie und Abwässer den Fluss stark. Und dann passierte ein folgenschwerer Unfall. Im Basler Vorort Schweizerhalle brach im November 1986 ein Feuer in der Lagerhalle 956 des Chemiekonzerns Sandoz aus. Bei den Löscharbeiten gelangten tonnenweise Chemikalien zusammen mit dem Löschwasser in den Rhein. Der Fluss färbte sich rot, die giftigen Stoffe zogen mit dem Strom, ein massives Fischsterben setzte ein. „Ein riesiger Umweltskandal, der die Zivilgesellschaft in Basel richtig mobilisiert hat“, sagt Shinohara. Im darauffolgenden Sommer erreichte der Strom wieder Badequalität. Seitdem ist der Hype immer größer geworden. Ein paar Meter weiter am Ufer trifft man Dominik, Physikdoktorand von der Uni Basel. Für ihn gehört das Baden im Rhein an heißen Sommertagen fast schon zum Alltag. „Mir bedeutet das viel, ohne den Rhein wäre Basel langweiliger. Man kann 20 Minuten Sightseeing im Wasser machen.“

Sightseeing, Leute treffen, Sommer genießen – eine gute Zusammenfassung. Und ein Highlight wartet noch. Man schwimmt unter der Johanniterbrücke hindurch. Hier sollte man sich langsam nach einem Ausstieg umschauen. Aber vorher wird es ruckelig. Eine kleine Wildwasser-Erfahrung wartet vor dem Gang ans Ufer, Stromschnellen schütteln die Fluss-Freunde ordentlich durch. Großer Spaßfaktor – doch hier sollte man auf jeden Fall ein guter Schwimmer sein.

Dann geht es an Land, auf einer glitschigen Rampe kommt man auf die Steintreppen, die an das Ufer gebaut sind. Dort warten Musik und Bierstände – die Basler lassen den Tag ausklingen. Einfach Richtung Großbasel gucken, die ankommenden Leute beobachten. Die Sonne geht unter und bis in den Abend kann man sitzen, die Steinbänke am Ufer bleiben warm, die Flasche Bier kühlt. Dann wird alles wieder ausgepackt. T-Shirt und Schuhe angezogen, der Wickelfisch über die Schulter gehängt. Seine Arbeit ist getan. Für heute.

HINKOMMEN

Von Berlin: Easyjet-Flug ab 40 Euro. Direktverbindung mit der Deutschen Bahn ab 69 Euro.

UNTERKOMMEN

Ibis Budget (accorhotels.com), im Angebot für eine Person ab 64 Euro pro Nacht.

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RUMKOMMEN
Ausstellung SWIM CITY im Architekturmuseum Basel. Die Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.