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Nase zu! Die vielen Touristen müssen an Müllbergen in der Stadt vorbei.
© IMAGO/Pacific Press Agency

Brände, Müllberge und Ratten: Rom - die stinkende Stadt

In Rom modert Müll auf Plätzen und in Parks vor sich hin - und zieht Tiere an. Dazu kommen jetzt auch noch zahlreiche Brände in der Stadt.

Die Römerinnen und Römer fühlten sich am Wochenende an die Bilder aus dem Ukraine-Krieg erinnert: Über dem Centocelle-Quartier in der östlichen Peripherie der Hauptstadt stand eine mehrere hundert Meter hohe, schwarze Rauchsäule, dumpfe Explosionen waren zu hören, die Sirenen Dutzender Feuerwehren heulten, Lösch-Hubschrauber ratterten in der Luft.

Der Brand war in einem großen, verwahrlosten Park ausgebrochen und hatte auf einen Auto-Schrottplatz übergegriffen, wo tausende von Pkws in Flammen aufgingen. Die Explosionen wurden vom Treibstoff und dem Motorenöl verursacht, die sich noch in den Tanks und Leitungen der Fahrzeuge befanden. Mehrere Wohnblocks mussten evakuiert werden; die Behörden wiesen die Bewohner wegen der giftigen Wolke an, die Fenster zu schließen. Messgeräte der regionalen Umweltbehörde haben im betroffenen Quartier Dioxin-Konzentrationen in der Luft registriert, die die WHO-Grenzwerte um das 35-fache überstiegen.

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Es handelte sich bereits um den vierten Großbrand seit Mitte Juni, als auf dem Areal der ehemaligen Riesen-Deponie Malagrotta eine Müllbehandlungsanlage zerstört wurde. Vor einer Woche brannte der Pinienwald Pineta Sacchetti unweit des Vatikans und des großen Gemelli-Krankenhauses.

Nach Angaben der Stadtbehörden war auch bei den meisten der jüngsten Feuersbrünste in Rom Brandstiftung im Spiel. „Mittlerweile ist klar, dass Rom von Pyromanen angegriffen wird“, erklärte Claudio Mancini, ein Vertrauter von Bürgermeister Roberto Gualtieri, nachdem der Brand gelöscht war.

Gezielter Angriff von Pyromanen?

Mancini und andere Verantwortliche der Stadtregierung behaupten, dass die Brände gezielt gelegt werden, um der Stadtverwaltung und dem neuen Bürgermeister zu schaden: Es gehe darum, die von Gualtieri angekündigte „Revolution“ bei der Müllentsorgung zu sabotieren. Gualtieri erklärte, dass er sich „nicht einschüchtern lasse“.

Die Ermittlungen der Römer Staatsanwaltschaft haben gezeigt, dass von einem gezielten Angriff von Pyromanen gegen die Stadtbehörden keine Rede sein kann. Zwar haben die Carabinieri bei einer Reihe der Brände Anzeichen dafür gefunden, dass das Feuer absichtlich gelegt wurden – es fehlen aber jegliche Anzeigen dafür, dass dahinter eine Regie steckt.

Erst am Wochenende gab es wieder einen riesigen Brand in Rom.
Erst am Wochenende gab es wieder einen riesigen Brand in Rom.
© Andreas SOLARO /AFP

Vielmehr richten die Staatsanwälte ihren Blick auf die Stadtverwaltung und deren Versäumnisse, die den Ausbruch der Brände wahrscheinlich begünstigten: Die meisten Römer Parks und Grünflächen werden nicht gepflegt und verwildern, überall liegt Altholz, Papier und und anderer leicht brennbarer Müll herum, der die Ausbreitung der Flammen begünstigt.

Bürgermeister Gualtieri hatte im vergangenen Jahr zwar zunächst sein wichtigstes Wahlversprechen halbwegs eingelöst, nämlich Rom bis Weihnachten vom Müll zu befreien. Doch längst ist der Unrat – und mit ihm die Wildschweine, Möwen und Ratten, die sich davon ernähren– auf die Straßen und Plätze zurückgekehrt. Er modert und stinkt in der Sommerhitze vor sich hin. Rom ist, wie der „Corriere della Sera“ in diesen Tagen feststellte, zu einer „discarica a cielo aperto geworden, zu einer Open-Air-Müllhalde.

Es gibt keine Verbrennungsanlage in der Stadt

Die Bewohner der Ewigen Stadt schwanken nunmehr seit Jahren zwischen Wut und Resignation. Ein Bürger im noblen Prati-Quartier hat unlängst mit seinem Handy eine Szene gefilmt und ins Netz gestellt, die einen alten Verdacht der Römer bestätigte: Man sieht auf dem Video, wie die Müllmänner den Inhalt der Container mit dem nach Glas, Papier, Plastik und Grünabfälle getrennten Müll in dasselbe Müllauto kippen.

Mit anderen Worten: Der fein säuberlich getrennte Müll landet schließlich doch wieder in ein- und derselben Deponie. Die ohnehin nicht sehr ausgeprägte Motivation der Hauptstadtbewohner, ihren Müll zu trennen, ist mit dem viralen Video aus Prati nicht eben gestärkt worden. Letztlich besteht das zentrale Problem aber nicht in der kaum funktionierenden Mülltrennung, sondern darin, dass in der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole Rom bis heute keine einzige Müllverbrennungsanlage existiert. Gualtieri will im Rahmen seiner angekündigten Revolution endlich den ersten Müll-Ofen bauen und wird dabei auch von Ministerpräsident Mario Draghi unterstützt, der die Stadtbehörden in dieser Frage mit Sondervollmachten ausstatten will.

Doch das entsprechende Dekret wird vor allem von der Fünf-Sterne-Bewegung seit Wochen politisch blockiert: Für die Partei sind Müllverbrennungsanlagen wegen ihrer Abgase Teufelswerk. Parteichef Giuseppe Conte droht wegen des geplanten Ofens sogar damit, seine Minister aus der Regierung von Ministerpräsident Mario Draghi abzuziehen und damit deren vorzeitiges Ende zu riskieren. Derweil brennt, modert und stinkt Rom weiter vor sich hin.

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