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Sympathieträger Glatzenträger. Prinz William zeigte sich jüngst mit rasiertem Kopf in der Öffentlichkeit.

© Yui Mok/PA Wire/dpa

Haarausfall bei Männern: Schock, Leere, Not: Was tun gegen Glatze?

Das Haar wird lichter. Jetzt hilft: ignorieren, reparieren, transplantieren. Oder gleich den Schädel rasieren wie Prinz William.

Synesios von Kyrene war ein armer Hund. Er war klug, das schon, ein Intellektueller im antiken Kyrenaika, einer griechischen Kolonie im heutigen Libyen. Aber er litt. Täglich. Unter seinen Haaren. Oder dem, was davon übrig geblieben war.

Auf seinem Kopf habe „der Krieg schon in der Jugend gewütet und ganze Büschel geplündert“, notierte er. Er wusste, was in den Hippokratischen Schriften stand: dass der Haarausfall Krankheiten ankündige, körperliche und geistige, bis hin zur Melancholie. Und den Text seines Vorbilds, Dion von Prusa, das „Lob des Haupthaars“, hatte er auch gelesen. „Daher fühlte ich mich“, schrieb Synesios, „gleich nachdem das Verhängnis über mich hereingebrochen war und die Haare zu schwinden begannen, wie mitten ins Herz getroffen.“

Sieben von zehn Männern kennen das Gefühl, das Synesios beschreibt, aus eigenem Erleben. Sie wissen, wie es ist, älter geschätzt zu werden – laut einer Studie um durchschnittlich drei Jahre. Sie haben sich vielleicht schon geärgert über den Kommentar, mit dem der Schriftsteller Christian Kracht seinen kahlköpfigem Kollegen Nick Hornby belegte. Hornby, sagte Kracht, erinnere ihn an einen Penis. Damit muss man erst mal fertigwerden.

Auch damit, dass 52 Prozent der deutschen Frauen eine Glatze bei Männern unattraktiv finden – ergab zumindest eine Studie des Portals Parship. Auf solchen Dating-Webseiten können Frauen häufig die Option „Keine Glatzen“ ankreuzen. Oder auch nur ihrem Hang zur Haarspalterei Ausdruck verleihen. „Angela“ beispielsweise schreibt bei Elitepartner.de: „Manchmal ist eine Totalglatze sehr männlich-sexy! Ganz übel sind allerdings die extrem tief gelegten Seitenscheitel, die Fülle auf dem Oberkopf vortäuschen sollen. Ein Windstoß, und ...“ In Spanien können sich sogar nur sechs Prozent der Frauen eine Beziehung zu einem Glatzköpfigen vorstellen.

Es bleiben dem verunsicherten Mann vier Möglichkeiten: ignorieren, reparieren, transplantieren, rasieren.

Jack Nicholson machte den Haarausfall zu seinem Markenzeichen

Vielleicht weiß Oliver Giemza, der in Hamburg unter dem Namen „Ein Friseur“ Platten auflegt, Drinks mixt und nebenbei auch Haare schneidet, welche Option die Würde des Mannes am ehesten bewahrt. Giemza hat in seinem Salon ein Bild von Jack Nicholson aufgehängt. Sagt mal wieder ein Kunde zu Giemza, dass er sich die Haare abrasieren wolle, weil sie ihm Synesios-gleich ausfielen, dann zeigt der Friseur an die Wand.

Der Hollywood-Schauspieler Jack Nicholson trägt seine Glatze mit Würde.

© imago/Panoramic

Nicholson, so sieht Giemza das, sei ja gerade deswegen ein Charakterkopf, weil ihm seine Geheimratsecken total egal seien. Weil er wisse, dass Haare auch noch schön seien, wenn sie nicht überall auf dem Kopf gleichmäßig wüchsen. Weil er den Haarausfall zu seinem Markenzeichen gemacht habe.

Doch das kann wahrscheinlich nur ein Typ wie Jack Nicholson. Alle anderen sollten übers Reparieren nachdenken.

Donald Trump schluckt täglich eine Pille Finasterid

Seit Michael Wolffs Enthüllungsbuch „Fire and Fury“ weiß die Welt, Donald Trump tönt seine Haare regelmäßig blond – mit dem Färbemittel „just for men“. Was weniger Leute wissen: Trump hilft nicht nur bei der Farbe nach, sondern auch bei der Fülle. Nach dessen Wahlsieg erzählte Trumps Hausarzt, Harold N. Bornstein, dass der Präsident täglich eine Pille Finasterid schlucke, weshalb ihm trotz seines Alters (70) die Haare nicht ausgingen. Dass die Pillen wirken, sagte Dr. Bornstein, dafür sei er selbst der beste Beweis: 69 Jahre alt – und seine Haare sprießen schulterlang.

Angeblich wirkt Finasterid bei neun von zehn Männern. Wie? Nachfolgend ein Exkurs in fünf Merksätzen. Erstens: Haare wachsen aus Follikeln. Zweitens: Jeder Mann produziert Dihydrotestosteron, ein Stoffwechselprodukt. Drittens: Dihydrotestosteron verengt bei manchen Männern die Follikel – die Haare werden dünner und verkümmern schließlich. Viertens: Forscher nennen den Vorgang Alopecia androgenetica, vererbter, hormonell bedingter Haarausfall, bei Männern beginnend an den Schläfen und am Hinterkopf. Fünftens: Finasterid hindert den Körper an der Spaltung von Testosteron; es entsteht kein Dihydrotestosteron. Die Haare bleiben dran. Der Trump-Effekt.

Ähnlich gut funktioniert der Wirkstoff Minoxidil, der als Schaum auf die lichten Stellen aufgetragen wird. Bei jedem zweiten Mann sollen sich die Haare dadurch wieder verdichten. Während Minoxidil gänzlich ungefährlich ist, kann Finasterid bei wenigen Männern aber eine ungute Nebenwirkung entfalten: Erektionsprobleme. Dazu sagt der Trump-Arzt natürlich nichts.

Benedikt Höwedes föhnt sich die Haare jetzt zur Tolle

Benedikt Höwedes ließ sich die Haare transplantieren und sieht seitdem um Jahre jünger aus.

© pa/Ina Fassbender/dpa

Den Haaren des deutschen Abwehrspielers Benedikt Höwedes konnte man im Fernsehen lange beim Ausfallen zusehen. Im Achtelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft 2014 gegen die USA merkten das besonders viele – weil es regnete. Auf Facebook machten sich Fans über Höwedes’ schwindende Haarpracht lustig. Das setzte dem Sportler so zu, dass er zur WM-Feier am Brandenburger Tor mit Mütze erschien und bald darauf einen Arzt aufsuchte. Dieser betäubte Höwedes Hinterkopf, schnitt Haut samt Haaren heraus und verpflanzte sogenannte Grafts, Hautstücke mit jeweils fünf Follikeln, in vorgestanzte Löcher der Höwedes’schen Geheimratsecken. Ein paar Tage lang ziehen Transplantationspatienten gern eine Mütze an, dann sind die Stichwunden verheilt. Nach etwa drei Monaten beginnen die Haare zu wachsen, das Ergebnis lässt sich googeln: „Transplantation Benedikt Höwedes“. Oder: „Vorher/Nachher Jürgen Klopp“. Oder auch: „Haare neu Christian Lindner“.

Höwedes zumindest sieht seitdem um Jahre jünger aus, föhnt sich die Haare inzwischen zur Tolle, genau wie Abwehrspieler Christoph Metzelder, der dieselbe Prozedur hinter sich hat.

Einzig Mitgefühl ließ sich nicht herbeioperieren. Gehässiger Kommentar der „Bild“-Zeitung zu Metzelders Operation: „Auf dem Platz bewies er als Innenverteidiger immer Mut zur Lücke – ganz anders als heute auf seinem Kopf!“ Weil ein Kicker offensichtlich von Fuß bis Kopf rechenschaftspflichtig ist, erklärte Metzelder bereitwillig im Interview: „Mir blieb ja nur die Wahl, kahl wie Pep Guardiola oder ich mache den Klopp. Vor zwei Jahren hatte ich es dann mal mit einer Glatze versucht. Aber das steht mir einfach nicht. Blieb nur die Kloppo-Variante.“

Das Problem der Transplantation: Die neuen Haare halten zwar ein Leben lang, dahinter kann der Haarausfall aber weitergehen. Wer Lücken auf dem Kopf vermeiden möchte, muss wohl zusätzlich Pillen schlucken.

Rasier’ sie einfach ab, wie Prinz William

Erst kürzlich veröffentlichte der Journalist Alex Watt im „New Yorker“ gesammelte Ideen, wie Männer ihren Haarausfall vor sich selbst verstecken können. „Schau nie mehr in den Spiegel!“, „Kämm dir die verbliebenen Haare über die Ohren, sodass du die Witze deiner Freunde nicht mehr hören musst ...“, „Freunde dich nur noch mit Menschen an, die kleiner sind als du.“ Was Watt eigentlich sagen wollte: Häng’ nicht an deinen letzten Strähnen, rasier’ sie einfach ab. So wie Prinz William, der sich jüngst mit rasiertem Kopf in der Öffentlichkeit zeigte. Die Reaktionen waren, wenn gelegentlich auch etwas mitleidig, durchweg positiv. Sympathieträger Glatzenträger. Der Prinz-William-Effekt.

In der „New York Times“ macht der Journalist Daniel Jones den Vorschlag, Männer sollten ihre Glatze anders nennen. Er schlägt „shaved head“ vor – rasierter Kopf. Wahrscheinlich ist es dieser mutige Schritt der Selbstermächtigung, der Glatzköpfen das Image desjenigen beschert hat, der stets weiß, was er will. Der Bruce-Willis-Effekt. Sich eine Glatze zu rasieren, schreibt Jones, sei, als liefe man ins Büro des Chefs und sage: Sie können mir nicht kündigen, ich kündige!

Glatzkopf, der stets weiß, was er will: der Bruce-Willis-Effekt.

© imago/Apress

Gott selbst müsse eine Glatze tragen

Unterstützung bekommt die Glatze auch aus Florida, von Frank Muscarella, Psychologieprofessor an der Barry University. Er bat Probanden, Bilder von Männern nach folgenden Kriterien zu bewerten: Attraktivität, Aggressivität, Ehrlichkeit, Intelligenz und sozialer Status. „Unsere Studie hat gezeigt, dass glatzköpfige Männer eher sozial dominieren und selbstbewusster sind – und Frauen genau das an Männern attraktiv finden“, sagt Muscarella. (Die Studien, die das Gegenteil behaupten, wurden bestimmt von Männern mit vollem Schopf erhoben.)

Synesios von Kyrene entschloss sich zum Kampf. Das Entsetzen sei nach und nach von ihm abgefallen, schrieb er, und dass es keinen Grund gebe, weshalb ein Mann sich seiner Glatze schämen sollte. Im Gegenteil. „Warum auch, wenn einer einen kahlen Kopf hat, die Ideen aber daraus nur so hervorsprießen?“

Synesios fertigte aus seinen Überlegungen eine Adoxographie, ein rhetorisch gewitztes Stück zu einem eigentlich banalen Thema. Er nannte es „Lob der Kahlheit“ und argumentiert darin bestechend: Der kahle Kopf erinnere ihn an die Planeten, die wiederum die Krone der göttlichen Schöpfung seien.

Gott selbst, schreibt Synesios, müsse eine Glatze tragen.

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