Sohn und Enkel über Herbert Marcuse : „Sein Rat war immer: Weitermachen!“

Der Philosoph Herbert Marcuse gilt als „Vater der 68er-Bewegung“. Sohn Peter und Enkel Harold über Treffen mit den Horkheimers und ein Grab auf dem Kompost.

Peter und Harold Marcuse sind der Sohn und der Enkel von Herbert Marcuse.
Peter und Harold Marcuse sind der Sohn und der Enkel von Herbert Marcuse.Foto: Jessica Cashman

Vor gut 15 Jahren haben Sie die Überreste Ihres Vaters und Großvaters, des Philosophen und Vertreters der Frankfurter Schule Herbert Marcuse, in Berlin beerdigt. Seine Asche galt davor als verschollen. Wie bitte verliert man eine Urne?

PETER: Herbert erlitt 1979 einen Schlaganfall während eines Besuchs bei Jürgen Habermas in Starnberg und starb kurze Zeit danach. Seine Frau Ricky Sherover wollte auf keinen Fall, dass er in Deutschland eingeäschert wird.

Weil er Jude war?

HAROLD: Genau. Mit dem Ergebnis, dass er dann – perverserweise muss ich sagen – in Österreich kremiert wurde, was ja im Grunde das Gleiche ist. Danach wurde die Urne in die Staaten geflogen, konnte aber aus rechtlichen Gründen nicht an eine Privatadresse geliefert werden, sondern musste zu einem Beerdigungsunternehmen. Eine Sekretärin aus der Rechtsanwaltskanzlei, in der mein Vater damals arbeitete, hatte das organisiert. Und als die Frau von Herbert zehn Jahre später starb, stand die Urne da wohl immer noch, ohne dass einer von uns mehr daran dachte.

PETER: Anfang der Nullerjahre kamen Anfragen, wo Herberts Grab sei. Da sagten wir uns: Wir sollten das eigentlich wissen. Ich habe dann etwas rumtelefonieren müssen, bis wir die Urne in New Haven ausfindig machten.

Die letzte Ruhestätte wurde dann doch Deutschland. Führte das nicht zu großen Diskussionen in der Familie in den USA?

HAROLD: Doch. Es gab sehr unterschiedliche Meinungen. Mein Vater Peter fand, da müsse kein großer Aufwand gemacht werden und die Asche könnte auf dem Komposthaufen in seinem Garten in Connecticut landen. Meine Schwester erinnerte daran, dass Herbert Nilpferdfiguren sammelte und die Nilpferde im Zoo von San Diego gerne anschaute, da sie so „absurd“ seien. Sie war dafür, die Asche in das Gehege zu streuen. Ich meinte, er sei eine öffentliche Figur, und war dafür, dass seine Überreste nach Berlin kommen.

Peter und Harold Marcuse

Peter, 90, und Harold, 61, Marcuse sind der Sohn und der Enkel des deutsch-amerikanischen Philosophen Herbert Marcuse, der Teil der „Frankfurter Schule“ um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno war.
Peter Marcuse wurde in Berlin geboren und emigrierte 1933 mit dem Vater in die USA, wo er ein Jurastudium absolvierte und von 1975 bis 2003 als Professor für Stadtplanung an der Columbia-Universität in New York lehrte.
Harold Marcuse studierte in den Vereinigten Staaten und Deutschland. Seit 1992 ist er Professor für Geschichte an der UC Santa Barbara in Kalifornien. Sein Forschungsschwerpunkt ist Deutsche Geschichte.
Heute leben beide in Santa Barbara und engagieren sich für die internationale Herbert-Marcuse-Gesellschaft, die alle zwei Jahre eine Konferenz ausrichtet. Wir erreichten sie über Skype in einem Seniorenheim, in dem Peter seit kurzem lebt. Dort leitet er jeden Montagabend einen Debattierclub, wo auch Texte seines Vaters diskutiert werden.

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin wurde 2003 die Urne von Herbert Marcuse beigesetzt, fast 25 Jahre nach dessen Tod.
Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin wurde 2003 die Urne von Herbert Marcuse beigesetzt, fast 25 Jahre nach dessen Tod.Foto: Miguel Villagran dpa/lbn

Wie fiel dann die Entscheidung?

HAROLD: Ich hatte eine Webseite über Herbert gebaut und nutzte sie, um die Öffentlichkeit zu befragen. Etliche Leute schrieben, dass sie sein Grab gerne besuchen würden. Daraufhin beschlossen wir, wenn Deutschland seine Asche haben wolle, würden wir ihn in Berlin begraben lassen. Das Deutschland von 2003 war ja ein anderes Deutschland als das der 1970er Jahre. Damals hätte ich das auch nicht unbedingt gewollt. Die Ausstrahlung der „Holocaust“-Fernsehserie, die Geschichtswettbewerbe des Bundespräsidenten mit NS-Themen, der Film „Das schreckliche Mädchen“, diese Dinge haben den Diskurs in Deutschland verändert. Der Berliner Senat erklärte sich bereit, ein Ehrengrab zu errichten. Zunächst auf zehn Jahre begrenzt, dann wollten sie weitersehen. Aber wir haben nichts mehr gehört.

PETER: Vielleicht ändert sich das ja jetzt, wenn das in der Zeitung steht.

Die Urne haben Sie im Handgepäck hergebracht?

PETER: Im Rucksack. Allerdings musste ich sie an der Flugzeugtreppe, bevor ich deutschen Boden betrat, einem Bestattungsunternehmen übergeben. Vorschrift! Abtransportiert wurde sie in dem Leichenwagen, der schon Benno Ohnesorg und Marlene Dietrich zum Friedhof brachte.

Sind Sie heute glücklich mit der Entscheidung?

HAROLD: Ich bin zufrieden. Ab und zu bekomme ich eine E-Mail mit Fotos von Leuten, die bei ihm am Grab waren und nach jüdischem Brauch Steine draufgelegt haben. Ich finde das passend.

PETER: Mir sind diese Rituale und Symbole nicht so wichtig. Ich hätte lieber, dass die Leute ihn lesen würden, statt sein Grab zu besuchen.

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