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En Mann mit vielen Gesichtern. Partyprinz, früher Hippie oder Vorbild für spätere Fundamentalisten, um den Kalifen al Hakim ranken sich viele Mythen.
© Getty Images

Der verschwundene Kalif: Was „1001 Nacht“ mit Berlin zu tun hat

1021, vom Kalifen Al Hakim bleibt nur ein blutiges Hemd. Sein Ende ist bis heute mysteriös. Eine der Spuren in dem historischen Fall führt auf die Museumsinsel.

Von Andreas Austilat

In der Nacht zum 13. Februar brach er auf. Wie so oft hatte er seinen Lieblingsesel gesattelt, wohl wegen des hellen Fells hieß das Tier Mond. Sein Ziel war Muqattam, ein Höhenzug südöstlich von Kairo. Ein Mann seines Ranges war normalerweise mit großem Gefolge unterwegs, doch nur zwei Reitknechte begleiteten ihn. Es war das letzte Mal, dass al Hakim bl-amr Allah gesehen wurde. Der Kalif von Kairo, 16. Imam der schiitischen Ismailiten, blieb auf ewig verschwunden.

Es gab Anhänger, die wollten sich damit nicht abfinden. Die damals junge Religionsgemeinschaft der Drusen zum Beispiel. Bis heute warten sie auf Hakims Rückkehr. Was sehr unwahrscheinlich ist, denn der Vorfall ereignete sich 1021, vor exakt 1000 Jahren also. Doch nicht zuletzt der mysteriöse Abgang machte Hakim zu einer mythischen Gestalt an der Grenze zum Märchenhaften.

Die Leute hielten ihn für sonderbar

Der Titel Kalif entspricht etwa dem eines abendländischen Kaisers. Hakim herrschte über ein Imperium, das vom heutigen Irak bis Tunesien reichte, eingeschlossen den Süden Italiens. Allein schon, dass einer wie er regelmäßig des Nachts die Einsamkeit der Berge suchte, ist äußerst ungewöhnlich. Dazu noch seine Erscheinung. Der 35-Jährige trug das Haar schulterlang, begnügte sich mit schmuckloser weißer Kleidung und bevorzugte seinen Esel. Es gab eine Menge Leute, die hielten ihn für sonderbar.

1000 Jahre später auf der Berliner Museumsinsel. Auch der weitläufige Bau des Pergamonmuseums beherbergt manches Wunder. Eines davon: Von Babylon nach Kairo sind es nur wenige Meter. Zwei Treppen führen gleich hinter dem IschtarTor, das einst am Euphrat stand, hinter einer Nebentür nach oben, zum Licht. Es fällt winterfahl durch die großen Dachfenster auf einen zehn Meter breiten Fries, ein getreues Abbild, das sich hier seit gut 100 Jahren befindet. Das Original schmückt ein Minarett der 1000 Jahre alten Hakim-Moschee in Kairo.

Die Tür zum Depot

Unten, zwischen den blauen Ziegeln des rekonstruierten Ischtar-Tores, drängeln sich sonst die Besucher. Jetzt ist das Haus wegen Pandemie geschlossen, ein Wächter langweilt sich allein auf seinem Schemel. Oben aber ist es immer einsam. Dort befindet sich das Depot I für Stuck und Stein des Museums für islamische Kunst, Zugang nur mit Genehmigung.

Der gewaltige Kairoer Fries ist in mehrere Teile zerbrochen. Der Schaden entstand bereits, als er 1910 zur Ausstellung „Meisterwerke Muhammedanischer Kunst“ in München reiste. Nun hängt er hier, teilweise verborgen hinter weißen Tüchern. Das passt gut, denn auch das Original verschwand vor beinahe 1000 Jahren hinter einer Blende aus Ziegeln.

Das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum.
Das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum.
© Thilo Rückeis

Die Kairoer Moschee ist eines der wenigen erhaltenen baulichen Zeugnisse aus den Zeiten Hakims, wie Martina Müller-Wiener erklärt. Die stellvertretende Direktorin des Museums für islamische Kunst ist so etwas wie die Hausherrin des Depots. Die Inschrift auf dem Fries feiert das göttliche Licht als Weg zur Erkenntnis, zitiert für Schiiten bedeutsame Koranverse. Was ein erster Hinweis ist, auf die Konflikte in der Welt des Hakim.

Hakim beschäftigte wie kaum ein anderer Kalif die Phantasie der Nachwelt, ging unter seinem Namen auch in die Geschichten aus 1001 Nacht ein – es ist die 388. Nacht, in der er einen Kaufmann, der ihn als unerwarteten Gast bewirtet, reich beschenkt. Doch der großzügige Gönner ist nur eine Seite des Kalifen.

Drusen warten auf seine Wiederkehr

In der Überlieferung erscheint er wahlweise als eine Art früher Hippie, der gern und reichlich Almosen unters Volk streut. Andere sehen in ihm das Vorbild für spätere Fundamentalisten, der keinerlei Ausschweifung duldet, Alkohol ächtet, Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt und christliche Kirchen niederbrennen lässt. Oder er ist die letzte physische Inkarnation Gottes, dessen Wiederkehr zumindest von den Drusen erwartet wird, wenn das Paradies nahe ist.

Für viele Muslime war das Ketzerei. Die Tatsache, dass sich der Kalif nicht eindeutig davon distanzierte, werteten bereits zeitnahe Chronisten als Zeichen des Wahnsinns. Nicht zu leugnen ist, dass Hakim ein Herrscher war, unter dem man ungern einen leitenden Posten hätte antreten wollen. Von den 14 ranghöchsten Beamten, den Wesiren, die er in seiner 25-jährigen Herrschaft beschäftigte, starb nur einer eines natürlichen Todes.

Der Unbarmherzige

Wie aber sind all diese Gegensätze zu erklären – hier der großzügige Gönner, da der bescheidene Asket und dort der unbarmherzige Herrscher, der so oft den Henker das Schwert schwingen lässt. Martina Müller-Wiener, selbst in Kairo aufgewachsen, zögert. Sie sei Kunsthistorikerin, keine Islamwissenschaftlerin. Zudem verfolgten die alten Chronisten ihre eigenen propagandistischen Ziele.

Mit aller Vorsicht wagt sie dennoch einen Vergleich, der manches erklären könnte. Kalif Hakim war den Einflüsterungen unterschiedlichster Berater ausgesetzt, die häufig ausgetauscht wurden. Ebenso häufig änderte er seinen Kurs. Das erinnert an den erratisch anmutenden Politikstil Donald Trumps.

Als Kind auf dem Thron

Der Islamwissenschaftler Heinz Halm, Autor eines Standardwerks über die Fatimiden, hat sich der Mühe unterzogen, Ursachen für das Handeln Hakims zu finden, der schon als elfjähriges Kind auf den Thron gelangte. Die Fatimiden führten sich auf die Nachfolge von Mohammeds Tochter Fatima und seines Schwiegersohns Ali zurück, gehörten damit im Gegensatz zu den Sunniten den Schiiten an, die sich ihrerseits in drei Zweige aufspalteten. Einer davon waren die Ismailiten, denen Hakim angehörte.

Kairo bestand bei Hakims Machtantritt noch keine 100 Jahre und auch das Fatimidenreich war nicht viel älter. Es war als Palaststadt neben dem alten Fustat mit seinen verwinkelten Gassen entstanden. Die Ausgangslage für Hakim war schwierig. Er stand zwischen konkurrierenden Glaubensrichtungen, sein Kalifat war keineswegs unangefochten, denn es gab neben ihm die Kalifen im spanischen Cordoba, das damals islamisch war, und in Bagdad, der bis dahin wichtigsten Stadt der islamischen Welt. Zudem führte ein Vormund für ihn die Geschäfte.

Den Vormund ersticht er eigenhändig

Über den jungen Hakim wird erzählt, dass er eine Art Partyprinz war, der gern durch die Gassen Fustats streifte, in Verkleidung an den Festen auch der Christen teilnahm, die damals noch die größte Bevölkerungsgruppe im alten Ägypten stellten. Hakims Mutter war eine griechisch-christliche Konkubine seines Vaters, des alten Kalifen.

Vielleicht unterschätzten alle den jungen Prinzen. Der aber entledigte sich mit gerade 15 Jahren seines Vormunds. „Den kleinen Gecko“ soll der ihn genannt haben. Überliefert ist, dass Hakim ihn mit den Worten „der Gecko ist ein Drachen geworden“ hat rufen lassen, um ihn eigenhändig zu erstechen.

Die frühe Phase seiner Herrschaft spiegelt so etwas wie Freude über die gewonnene Freiheit. Der junge Kalif galt als gesellig. Die vormals dunklen Straßen der Altstadt Fustat ließ er beleuchten und schmücken.

Die Al Hakim-Moschee in Kairo. Abgüsse von den Inschriften am Minarett befinden sich im Depot auf der Berliner Museumsinsel.
Die Al Hakim-Moschee in Kairo. Abgüsse von den Inschriften am Minarett befinden sich im Depot auf der Berliner Museumsinsel.
© mauritius images / eFesenko / Alamy

Ägypten, insbesondere Kairo und das benachbarte Fustat war in jener Zeit ein Schmelztiegel. Christen, Juden, Sunniten, Schiiten lebten nebeneinander, im Reich konkurrierten die Interessen der zunehmend urbanisierten Stadtbevölkerung und umherstreifender Nomaden.

Hakims Verdienst war es, das Reich zusammenzuhalten, gar auszudehnen. Er wurde der Hüter der heiligen muslimischen Stätten in Mekka und Medina. Er lief den Konkurrenten in Cordoba und Bagdad den Rang ab, er stiftete ein Haus der Weisheit, es sollte neben dem in Bagdad für Jahrzehnte die bedeutendste Bibliothek der islamischen Welt werden.

Schluss mit der Party

Doch schon bald war Schluss mit der Party. Hakim erließ ein Verbot der Herstellung und des Verkaufs alkoholischer Getränke. Er verfügte Ausgehverbote für Frauen und die Kennzeichnung Andersgläubiger. Schließlich ordnete er die Zerstörung christlicher Kirchen an, unter ihnen die als besonderes Heiligtum geltende Grabeskirche in Jerusalem, und die Beschlagnahme ihrer Güter.

Der Islamwissenschaftler Heinz Halm geht davon aus, dass keine dieser Maßnahmen nachhaltig war. Die Tatsache, dass das Alkoholverbot immer wieder erneuert werden musste, ist für ihn ein Indiz, dass es einfach nicht befolgt wurde. Das Ausgehverbot für Frauen kannte schon bald derart viele Ausnahmen, dass er auch in diesem Fall eher von einem formalen Beschluss ausgeht. Und weder die Kennzeichenpflicht Andersgläubiger, die schon bald aufgehoben wurde, noch die Zerstörung christlicher Kirchen ist für ihn ein Beleg einer dezidiert antichristlichen Haltung.

Permanente Geldnot

Die Beschlagnahme christlicher Güter führt Halm vielmehr auf permanente Geldnot zurück, auch christliche Herrscher späterer Jahrhunderte schauten mitunter begehrlich auf kirchlichen Besitz. Und unter den engsten und einflussreichsten Beamten Hakims waren immer wieder Christen.

Bei Halm liest es sich deshalb auch so, als sei Hakim ein Getriebener gewesen, der immer wieder an seine Pflichten als Schiitischer Imam erinnert wurde. Das führte zu dem Versuch, den strengen Gesetzen der Scharia Geltung zu verschaffen. Doch kaum hatte er die Schiiten besänftigt, ging es ihm um einen Ausgleich mit den Sunniten, der dann wieder die Gegenseite auf die Barrikaden brachte.

Seinen Hang zur Askese wiederum, der sich immer stärker bemerkbar machte, mochte mit der Korruption unter seinen höheren Beamten zu tun haben, die er misstrauisch beäugte und gnadenlos bestrafte. Nicht zuletzt deshalb war er vermutlich bei der einfachen Bevölkerung, deren Nähe er immer wieder suchte, beliebter als bei Hofe.

Den Esel finden sie zuerst

Die Schar seiner Gegner dürfte demzufolge groß gewesen sein. Die Neigung, sich trotzdem ohne Begleitmannschaft in die Einsamkeit außerhalb der Stadt zurückzuziehen, entsprechend riskant.

Zunächst vermuteten die Suchmannschaften den Kalifen in einem christlichen Kloster, dort hatte er sich gern und oft aufgehalten, vielleicht, weil er sich sicher fühlte. Erst sechs Tage nach seinem Verschwinden entdeckten sie den Esel Mond, die Vorderläufe von Schwertwunden gezeichnet. Von Hakim fand man schließlich nur sein blutiges Hemd in einem Teich, seltsamerweise war es zugeknöpft. Natürlich gab es viele Spekulationen über Tat und Täter. Zu den Hauptverdächtigen zählten räuberische Beduinen. Ebenso hartnäckig hielt sich die Vermutung, Hakims Schwester könnte die Drahtzieherin gewesen sein. Sie übernahm für zwei Jahre die Geschäfte, bis zu ihrem Tod.

Die Bibliothek wird geplündert

In der Folge tauchten immer wieder vermeintliche Hakims auf, der echte war wohl nie dabei. Gut 50 Jahre nach Hakims Verschwinden endete die Herrschaft der Fatimiden in Kairo. Das Haus der Weisheit wurde geplündert, die Bibliothek verstreut. Die Ismailiten gibt es immer noch, sie zählen etwa 20 Millionen Menschen und sind über die ganze Welt verstreut. Oberhaupt und damit ein Nachfolger Hakims ist Karim Aga Khan IV, der in jüngeren Jahren die Aufmerksamkeit der Klatschpresse auf sich zog. Der Milliardär lebt bei Genf, er ist mit einer deutschen Prinzessin verheiratet.

Unten in den Ausstellungsräumen des Museums für Islamische Kunst führt Martina Müller-Wiener zu einer feingearbeiteten Elfenbeinschnitzerei aus fatimidischer Zeit. Aus jener Epoche ist sie das Prunkstück hier, sie zeigt Jagdszenen, Musikanten und Weintrinker, ist Teil eines höfischen Zyklus. Interessant daran sei, so sagt sie, dass der Puritanismus jener Zeit einhergeht mit einer enorm entwickelten Kunstproduktion. Und vielleicht zeigt die Kunst ja auch, was die Menschen damals wirklich schätzten.

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