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Hier spielt die Musik. Lehrer sollen Kinder auf das Leben vorbereiten.
© imago/Westend61

Schulanfang: Was wär’ aus mir geworden ...

... wenn ich Sie nicht gehabt hätte! Sie benoteten ungerecht, inspirierten zum Bergsteigen und traten als Neandertaler auf. Zum Schulanfang: Briefe an geschätzte und gefürchtete Lehrer.

Liebe Schwester D.,

Sie waren die Direktorin unseres Ursulinen-Gymnasiums, ich hatte Erdkunde und Geschichte bei Ihnen. Afrika war bei Ihnen der Kontinent, in dem katholische Missionare den lieben Gott zu den „Negerkindern“ brachten. Ihr Geschichtsunterricht endete mit der sogenannten Machtergreifung, die Nazizeit war kein Thema. Wir waren brave Schülerinnen, selber fromm. Aber uns dämmerte, dass etwas nicht stimmt. Erst nach der Abiturprüfung habe ich mich getraut, zu Ihnen ins Büro zu gehen, in Ihr immer lächelndes Gesicht zu blicken und ein paar kritische Fragen zu stellen. Ich hätte das viel früher tun sollen. Misstraut den Autoritäten, das habe ich von Ihnen gelernt.

Mit herzlichem Dank dafür,

Ihre Christa Müller (58)

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Lieber Herr Techtmann,

die Orientierungsstufe hatte aus mir einen Schulversager gemacht, als Sie in der 7. mein Klassenlehrer wurden. Und Sie waren ein wirklicher Lehrer. Nicht einer von der Sorte, der kumpelhaft mit dem Stuhl kippelte oder entnervt gehässige Bemerkungen machte. Wir hatten nicht mal einen Spitznamen für Sie, denn mit jeder Faser Ihres unerbittlichen Bergsteigerkörpers zeigten Sie uns, dass die Welt größer als ein Klassenraum war und es sich lohnte, mehr über sie zu erfahren. Sie lachten über unsere Ausreden. Faulheit amüsierte sie. Ein halbes Dutzend Fächer unterrichteten Sie in der Realschule – von Mathematik über Sport bis Kunst – und es wirkte, als würde selbst das Sie noch unterfordern. Sie ließen mich Diktate schreiben und Bücher von Reinhold Messner lesen. Am Ende kannte ich meinen Wert. Als ich Messner Jahre später begegnete, geschah das nur Ihretwegen.

Herzlichst,

Ihr Kai Müller (50)

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Lieber Herr Dolesch(e)l,

seit Jahren suche ich nach den richtigen Worten, so lange, dass ich nicht einmal mehr weiß, wie man Sie richtig schreibt. Ich erinnere mich aber daran: Sie hassten es, wenn man Sie falsch schrieb. Entschuldigung. Lieber Herr Dolesch(e)l, damals habe ich es niemandem leicht gemacht und war lieber im Billardcafé nebenan als in der Schule. Sie waren trotzdem auf meiner Seite! Ihre Katze, das Mistvieh, und die Sozialdemokratie – das waren Ihre Themen. Der Lehrplan kümmerte Sie eher nicht. Für Ihre Stunden legte ich das Queue manchmal beiseite. Bei Ihnen fühlte ich mich nie fehl am Platz, sondern immer richtig und ernst genommen, und für all das wollte ich lange mal Danke sagen, viel zu spät jetzt.

Ihre Sabrina Markutzyk (33)

"Wie viele Schüler mussten unter Ihrer Willkürherrschaft leiden?"

Übung macht den Meister. Wie oft hat man das schon gehört!
Übung macht den Meister. Wie oft hat man das schon gehört!
© imago/Reporters

Liebe Frau Ebel,

Sie haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. Vor 24 Jahren zeigten Sie mir, wie ungerecht und böse die Welt ist. Weil es Menschen wie Sie gibt. Für eine Mathearbeit bekam ich eine Zwei, dabei hatten Sie beim Korrigieren in meinem Heft eine ganze Doppelseite überblättert. Es wäre eine glatte Eins gewesen! Ich hatte hart dafür gearbeitet und wollte nicht für Ihren Fehler bestraft werden. Also sprach ich Sie gleich darauf an. Sie sagten, ich solle morgen wiederkommen. Am nächsten Tag sagten Sie, nun sei es zu spät. Ich hätte es sofort reklamieren müssen. Auf meinen Einwand, dies sei unfair, wurden Sie grob: „Na gut, dann ziehe ich dir die Punkte eben für deine Krakelschrift ab.“ Es blieb bei der Zwei, und in mir zerbrach etwas. Heute gibt es für mich nichts Schlimmeres als selbstgefällige Menschen ohne Gewissen. Durch Sie wurde ich zum Gerechtigkeitsfanatiker. Und ich frage mich: Wie viele Schüler mussten nach mir noch unter Ihrer Willkürherrschaft leiden? Ich würde Sie so gern vergessen, Frau Ebel. Aber vor dem Vergessen kommt das Vergeben, und vor dem Vergeben die Entschuldigung. Nicht mal die haben Sie fertiggebracht.

Herzlichst,

Ihr Sebastian Leber (39)

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Lieber Herr Werner,

mein Vater fand Sie seltsam. Nun, es war Fasching, als er Sie das erste Mal sah. Sie trugen ein Fell, hatten einen Knochen in der Hand und begrüßten ihn grunzend. Mit der Nummer waren Sie einzigartig in einer Zeit, in der es noch Lehrer gab, die ihren Schlüsselbund durch den Klassenraum pfefferten, wenn sie den Eindruck hatten, wir würden zu aufmüpfig. Geschichte wurde mein Lieblingsfach – vielleicht ein bisschen auch wegen Ihres Neandertaler-Auftritts. Wichtiger aber: Plötzlich stand da einer vorne, der Spaß hatte an dem, was er macht. Ein Jahr später ging ich auf das Gymnasium. Ohne Sie wäre ich da nie hingekommen.

Dankbar,

Ihr Andreas Austilat (60)

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Lieber Herr Nöthlichs,

Lehrer und Eltern haben ja einen starken Vermittlungswillen – und trotzdem nie komplett unter Kontrolle, was der andere dann wirklich ins Leben mitnimmt. Sie waren unser sympathischer Sozialwissenschaftslehrer. Dann notierten Sie unter eine irgendwie feurig geschriebene Klausur, in der es um den damaligen Bundesbankpräsidenten Otto Pöhl und die Geldmenge M3 ging, rot: „Das ist der Stil einer Journalistin!“ Sehr gute Idee, fand ich. In den kommenden Jahren habe ich immer mal wieder an Sie gedacht. Auf dem 20-jährigen Klassentreffen stellte sich heraus, dass Sie mich komplett vergessen hatten.

Auf bald,

Ihre Deike Diening (43)

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