Wasserversorgung in der Antike : Wie die alten Römer im Wasserüberfluss schwelgten

Vor 2000 Jahren veranlasste ein Mann, dass eine Million Römer aus dem Vollen schöpfen konnten: Frontinus’ Wasserleitungen sind heute noch vorbildlich.

Für Frauen war der Eintritt in die Bäder ein wenig teurer, warum, ist nicht überliefert.
Für Frauen war der Eintritt in die Bäder ein wenig teurer, warum, ist nicht überliefert.Abbildung: Alamy

Sextus Julius Frontinus wusste, wie sehr sie bestaunt wurden, die Pyramiden der Ägypter und die großen Tempel der Griechen. Er selbst freilich hielt sie für nicht ganz so großartig. Im Gegenteil. „Nutzlos“, nannte er die einen, „überflüssig“ die anderen. Und er ließ keinen Zweifel daran, was er wirklich bewundernswert fand: all die Leitungen, die seine Heimatstadt Rom mit Wasser versorgten.

Ganz objektiv war er in diesem Urteil nicht. Man schrieb das Jahr 97 und der Kaiser persönlich hatte Frontinus gerade zum Chef der römischen Wasserversorgung befördert. Die Aufgabe war kompliziert, wie er schnell erkannte, und Fachwissen vor allem auf der Ebene jener, die das Sagen hatten, eher selten. Aber solche Fälle waren seine Spezialität.

Frontinus war mittlerweile 62 Jahre alt. Wahrscheinlich stammte er ursprünglich aus Südfrankreich, doch über sein Privatleben weiß man wenig. Sicher ist, er war verheiratet und hatte eine Tochter. Hinter ihm lag eine lange Karriere. Der Kaiser hatte ihm einst das Kommando über 75000 Legionäre in Britannien anvertraut, ein Fünftel der gesamten römischen Militärmacht, um die Waliser zu unterwerfen. Frontinus diente als Kommandeur in der heutigen Türkei und im renitenten Germanien. Er hatte die höchsten Staatsämter innegehabt, nun sollte er sich also um die Wasserleitungen kümmern.

Das erste Handbuch für Wasserbauingenieure

Frontinus ging sofort an die Arbeit, studierte die Materie akribisch und schrieb alles in ein Buch, von dem er hoffte, es würde seinen Nachfolgern nützlich sein. Tatsächlich verfasste er vor 2000 Jahren mit „De aquaeductu urbis Romae“ so etwas wie das erste Handbuch für Wasserbauingenieure.

Zumindest in Mitteleuropa gilt die Versorgung mit sauberem Trinkwasser heutzutage als selbstverständlich. Dürreperioden, wie sie Brandenburg seit Jahren heimsuchen, gelten allenfalls als Problem für Landwirte und Feuerwehren. Damit, dass irgendwann der heimische Hahn trocken bleibt, rechnet niemand. Dabei drohte genau dieser Zustand der Stadt Rom im Sommer des Jahres 2017, in einigen Vierteln musste das Wasser für acht Stunden abgestellt werden. Schuld war neben der Trockenheit der Zustand der maroden Leitungen.

Frontinus’ Ausgangslage vor 2000 Jahren war im Prinzip gut. Roms etwa eine Million Einwohner konnten aus dem Vollen schöpfen. Sechs Überlandleitungen versorgten die Stadt am Tiber, zumeist verliefen sie unterirdisch. Weil die Römer aber in der Regel wegen der höheren Belastung auf reparaturanfälligere Druckleitungen verzichteten, mussten sie ein gleichbleibendes Gefälle haben.

Plinius der Ältere schwärmte vom Wasserüberfluss

Deshalb überwanden die Leitungen mit der immer gleichen Neigung Täler und Berge. Noch heute sind die Brückenbauten als Aquädukte weithin sichtbar. Historiker schätzen, dass jeder Römer mit 500 Litern täglich versorgt werden konnte. Eine enorme Menge, die heutigen Ansprüchen mehr als genügen würde. Durchschnittlich verbraucht der Bundesbürger am Tag etwa 122 Liter. Tatsächlich gibt es Berechnungen, nach denen das Volumen der antiken Wasserversorgung erst wieder im Rom der 1960er Jahre erreicht wurde.

Die antiken Zeitgenossen wussten das zu schätzen. Plinius der Ältere, Offizier und Naturforscher, geriet im ersten nachchristlichen Jahrhundert gar ins Schwärmen über die Zustände im Imperium. „Wenn man den Überfluss an Wasser in der Öffentlichkeit“, Plinius meinte all die Schwimmbäder, Fischteiche und öffentlichen Brunnen, aber auch die Bewässerung der Felder und Gärten, wenn man also „die errichteten Bogen, die durchgrabenen Berge und eingeebneten Täler sich genau vergegenwärtigt, wird man gestehen müssen, dass es auf der ganzen Erde nie etwas Bewundernswerteres gegeben hat.“

Dabei waren die Römer keineswegs die ersten, die sich über die Wasserversorgung ihrer Städte Gedanken machten. In den Ländern der Mittelmeerregion sind die Niederschlagsmengen jahreszeitlich sehr ungleich verteilt, die Grundwasservorkommen sind gering und schwer zugänglich. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Wassers war entsprechend groß. Für die Griechen sah Thales von Milet darin den Ursprung allen Seins. Die Wassertechnik war in Mesopotamien ebenso wie in Nordafrika und Griechenland hoch entwickelt. Doch keine dieser Kulturen ging das Problem so pragmatisch an wie die Römer.

Das Leitungsnetz bestand aus Blei und Beton

Vor 2300 Jahren bauten sie die erste Leitung zur Versorgung Roms. Und sie erwarben rasch hohes technisches Können. Aufwendige Tunnelarbeiten waren nur möglich, wenn mehrere Abschnitte gleichzeitig begonnen wurden. Damit die sich hinterher alle an der richtigen Stelle treffen, bedarf es exakter Berechnungen. Ebenso wichtig waren geeignete Baustoffe. Die Römer favorisierten Blei für ihre Leitungen, obwohl sie wussten, dass der Stoff der Gesundheit abträglich ist. Vitruv warnte vor 2000 Jahren in seinem Werk über Architektur vor den Gefahren einer Vergiftung.

Blei ist jedoch leicht zu verarbeiten. Die Römer löteten die Rohre aus vorgefertigten Blechen zusammen, die Durchmesser waren genormt. Für größere Querschnitte gab es ebenfalls genormte Tonleitungen und Opus Caementitium, ein mehr als 2000 Jahre alter Beton, der auch unter Wasser aushärtet. Am Ziel stand die öffentliche Versorgung mit ihrem dichten Brunnennetz an erster Stelle, gefolgt vom Zufluss für die öffentlichen Bäder. Privatanschlüsse galten offiziell als drittrangig.

Ideal war das stetig fließende Wasser, Absperrventile gab es, wurden aber selten eingesetzt. Denn das abfließende Nass erfüllte eine weitere wichtige Funktion. Es spülte die Kanalisation, an die auch die öffentlichen Latrinen angeschlossen waren, frei von Unrat.

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