Update

Whistleblower an Portugal ausgeliefert : Rui Pinto fürchtet den langen Arm der Fußball-Mafia

Whistleblower Pinto hat Todesangst vor einer Haftstrafe in Portugal. Die Fußball-Mafia werde an ihm ein Exempel statuieren, sagt der 30-Jährige.

Rui Pinto wird zu einem Gerichtstermin in Budapest geführt.
Rui Pinto wird zu einem Gerichtstermin in Budapest geführt.Foto: Ferenc Isza/AFP

Rui Pintos Befürchtungen sind wahr geworden. Der in Ungarn festgenommene Hacker von Football Leaks, der unter dem Decknamen „John“ bekannt wurde, ist in sein Heimatland Portugal ausgeliefert worden und am Donnerstagabend in Lissabon gelandet. Pinto und sein Anwalt hatten bis zuletzt versucht, eine Auslieferung zu verhindern, weil der Whistleblower nach eigenen Angaben in Portugal um sein Leben fürchtet.

„Ich bin ziemlich sicher, dass ich kein faires Verfahren in Portugal bekommen werde“, sagte Pinto im Februar in einem Interview mit der ARD und dem „Spiegel“. „Natürlich gibt es Staatsanwälte und Richter, die ihren Job ernst nehmen. Aber diese Fußballmafia ist überall. Sie wollen die Botschaft aussenden, dass niemand sich mit ihnen anlegen soll.“

Pinto hatte in den vergangenen Jahren wegen der Enthüllungen rund um die Football Leaks immer wieder Morddrohungen erhalten. Auch Privatdetektive sollen auf ihn angesetzt gewesen sein. Im Januar war Pinto dann in seiner Wohnung in Budapest festgenommen worden. In Lissabon fürchtet er nach eigener Aussage auch die Rache einiger Fans des Lissabonner Vereins Benfica.

Pinto stellte Medien Millionen Dokumente zur Verfügung

„Ich fürchte, dass wenn ich ein portugiesisches Gefängnis betrete, vor allem eines in Lissabon , ich dort nicht lebend rauskomme“, sagte Pinto der ARD und dem „Spiegel“. 2017 tauchten in der Öffentlichkeit interne Mails von Benfica-Funktionären auf, die belegt haben sollen, dass Portugals Rekordmeister mittels Geldzahlung Spiele manipuliert hat. Die Mails waren ausgerechnet über den TV-Kanal von Benficas Rivalen FC Porto veröffentlicht worden.

Insgesamt stellte Pinto dem „Spiegel“ seit 2015 über 70 Millionen Dokumente zur Verfügung, die das Nachrichtenmagazin gemeinsam mit anderen Journalisten in einem europaweiten Rechercheverbund auswertete. Dadurch kamen unter anderen zahlreiche Steuervergehen ans Tageslicht und auch vor Gericht. Unter anderen wurde Stürmer-Star Cristiano Ronaldo während dessen Zeit bei Real Madrid wegen Steuervergehen zu einer Geldstrafe von 22 Millionen Euro und einer zusätzlichen Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Wird er als Hacker oder Whistleblower eingestuft?

In Lissabon beschuldigt die Generalstaatsanwaltschaft Pinto der Cyberkriminalität und versuchten Erpressung. Ihm wird vorgeworfen, Daten gestohlen und die Agentur Doyen Sports 2015 mit Insiderwissen erpresst zu haben. Pinto bestreitet das, auch wenn er zugibt, tatsächlich eine Geldforderung an die Agentur gestellt zu haben. Er habe das Geld aber nie angenommen und das auch nicht vorgehabt. Vielmehr habe er testen wollen, wie viel die Firma bereit sei ihm für sein Schweigen zu zahlen.

Die entscheidende Frage wird nun sein, ob Pinto als Hacker oder als Whistleblower eingestuft wird. Pinto selbst sieht sich nicht als Hacker. Es sei ihm immer darum gegangen, Verbrechen, Missstände und Fehlverhalten in der Fußballbranche aufzudecken. Er habe sich nie bereichern wollen.

Als Whistleblower würde er in Europa durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte besonderen Schutz in Anspruch nehmen können. Auf welchen Wegen Pinto an die Millionen Dokumente gelangte, verriet der 30-Jährige bislang nicht. Er sagt aber, er habe bei Football Leaks nicht alleine gearbeitet.

Pinto wird vom Snowden-Anwalt vertreten

Pinto weiß einen erfahrenen Anwalt an seiner Seite. William Bourdon hat schon den ehemaligen CIA-Mitarbeiter Edward Snowden vertreten. Für den Franzosen Bourdon ist klar, dass auch sein jetziger Mandant ein Whistleblower ist und damit unter besonderen Schutz gestellt gehört.

Außerdem kooperiert er nach eigenen Angaben schon mit den Behörden in Frankreich und Belgien, die sich sehr für Pintos Daten interessieren. Sie hoffen, mit dem Material noch mehr Fälle von Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung verfolgen zu können.

Auch mit dem Police Department in Las Vegas soll Pinto zusammenarbeiten. Die Amerikaner ermitteln gegen Cristiano Ronaldo, weil eine Frau ihn der Vergewaltigung beschuldigt, was Ronaldo aber bestreitet. Die Daten sind allerdings auf mehreren Festplatten, die die Ermittler beschlagnahmt haben. Zunächst muss ein Ermittlungsrichter entscheiden, ob Pinto in Untersuchungshaft bleibt oder, wie zuletzt in Budapest, in einen Hausarrest überführt werden soll.