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Alle für einen und einer für alle: Wer anderen hilft, dem wird geholfen.

© imago/Westend61

Seniorengenossenschaft: Wie sie in Riedlingen das Demografieproblem gelöst haben

Eine Altenpflegegenossenschaft am Rand der Schwäbischen Alb. Hier glückt, was Staat und Familie nicht mehr können: ein funktionierender Generationenvertrag.

Jedes Mal, wenn einer dieser Berichte über sie erscheint, melden sich nachher Leute am Telefon aus dem ganzen Land: Ob man herziehen könne, nach Riedlingen, Teil der Genossenschaft werden? Ob sie da noch ein Plätzchen hätten für die Mutter in der Demenz-Tagespflege? Die Tochter, die zöge gleich mit.

Nicht etwa, weil Riedlingen eine so malerische alte Fachwerkstadt, die Schwäbische Alb ihr Traum oder die Donau so blau ist. In Riedlingen haben sie das Demografieproblem gelöst.

Am 9. April 1991 riefen sie in öffentlicher Sitzung die erste Seniorengenossenschaft Deutschlands mit 111 Gründungsmitgliedern ins Leben. Das Ziel: Rentner unterstützen einander, damit sie so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben können. Wer für andere heute Hecken schneidet, einkauft, Schnee schippt, Essen liefert oder Glühbirnen wechselt, kann sich die Stunden auszahlen lassen – oder aber ansammeln für die Zeit, wenn er selbst Unterstützung braucht.

Josef Martin, Mitgliedsnummer Eins, gibt keinen Anlass zu glauben, dass er 82 Jahre alt ist: Der Gründer und Leiter der Genossenschaft, die sich im Laufe ihrer 27-jährigen Existenz ständig erweitert und zur Größe eines mittelständischen Unternehmens ausgewachsen hat, hält nun in ganz Deutschland Vorträge über das Pionierprojekt.

Deutschlands Demografieproblem sei ja hier viel früher aufgefallen als anderswo. Josef Martin, SPD-Mitglied, seit 1971 im Gemeinderat, einstiger Landesbeamter in der Landwirtschaftsverwaltung, sagt: „Ab Mitte der 80er war klar: Alle Jungen wandern ab.“ Klar, wenn man zur nächsten Autobahn in jede Richtung eine Stunde fährt. „Was passiert mit uns Alten?“, dachte er.

Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann von einem seiner vier Kinder versorgt zu werden, sank proportional zu deren beruflichem Erfolg. Sie leben von Hamburg bis Freiburg verstreut. Wenn die Riedlinger stolz von ihrem Nachwuchs schwärmen, ist klar, dass die Kinder eines nicht sind: anwesend in Riedlingen.

Hoffnung durch Garantien ersetzt

Das Vorsorgeprinzip Familie ist – ähnlich wie das der gesetzlichen Rentenversicherung – unter diesen Umständen nur noch das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass man auf eine diffuse Art schon wieder zurückbekommen werde, was man selbst gegeben hat. Oder die Hoffnung, dass man durch Glück vielleicht nie auf jemanden angewiesen sein wird.

Josef Martin hat das Prinzip Hoffnung durch Garantien ersetzt.

Wohnungen fehlen? Bauen sie halt selbst

Josef Martin, 82, hält in ganz Deutschland Vorträge über sein erfolgreiches Vorsorgeprojekt.
Josef Martin, 82, hält in ganz Deutschland Vorträge über sein erfolgreiches Vorsorgeprojekt.

© Deike Diening

Denn eine Stunde Einsatz in den Diensten der Genossenschaft bleibt eine Stunde, die man, wenn man sie selbst benötigt, garantiert zurückbekommt. Auch dann, wenn das erst viele Jahre später der Fall sein sollte. Die Stunden sind sogar vererbbar. So helfen Bürger einander, zu einem Preis, der kaum zu unterbieten ist: im Moment für 10 Euro 50 die Stunde. Der Helfer erhält davon 7 Euro 50. Mit der örtlichen Volksbank haben sie gut verzinste Konten eingerichtet, wo der Lohn derjenigen, die ihre Stunden ansammeln, durch Verzinsung mitwächst. So können sie dann in Zukunft die Differenz zum dann aktuellen Lohn bezahlen.

Seit 1991 hat Martin alle Eventualitäten gedanklich durchdrungen, mögliche Schwierigkeiten vorhergesehen, er hat nachjustiert, entworfen, verhandelt, gebeten und überzeugt. Sie wählten die Rechtsform eines Vereins mit dem Gedankengut einer Genossenschaft: Alle für einen, einer für alle – und damit auch jeder für sich. Ein ausgeklügeltes System von Kooperationen und passgenauen Lösungen hat Martin ausgeheckt. So sind die Fahrer versichert, wenn sie mit ihrem Privatwagen Essen ausliefern.

Nach 27 Jahren hat die Genossenschaft 800 Mitglieder, die Zahlen gehen ständig nach oben. Seit 2002 hat sich der Umsatz auf 1,2 Millionen Euro vervierfacht. Denn immer, wenn irgendwo etwas fehlte, haben sie sich eine Lösung überlegt. Heute gibt es einen handwerklichen Hilfsdienst, Hol- und Bringdienste mit eigenen, rollstuhlgerechten Fahrzeugen. Essensdienste, Tagespflege, Demenzbetreuung und betreute Seniorenwohnungen.

Als ihnen auffiel, dass es nicht genug altengerechte Wohnungen gab, wurden sie zu Bauherren. Sie suchten – keine Angst vor großen Zahlen – Investoren, die die von ihnen geplanten Eigentumswohnungen kauften, die sie dann an Senioren vermieteten.

Die Wohnungen, in denen sich nun jeder nach Bedarf Hilfen und Essen dazu bestellen kann, haben eine – von den Bewohnern zu zahlende – Betreuungspauschale von sagenhaften 20 Euro pro Monat, schon das sieht aus wie ein Wunder. Vom Verkaufsgewinn der Wohnungen hat die Genossenschaft eigene Räume im Haus für eine Tagespflege erwirtschaftet. Außerdem haben sie ein paar Straßen weiter noch eine Tagesstation für Demenzkranke eingerichtet, damit auch diese Menschen möglichst lange zu Hause wohnen bleiben können.

Man hat Martin den Vorwurf gemacht, er würde das Ehrenamt kommerzialisieren. Aber das Modell war nie als Ehrenamt gedacht. Es ist ein Tauschgeschäft unter Vereinsmitgliedern: Wer heute für Mitglieder arbeitet, erhält exakt die gleiche Stundenzahl in der Zukunft. So sorgt jeder für seine Altershilfe selbst. Nur der Vorstand, wie Martin selbst, arbeitet selbstverständlich ehrenamtlich.

„Könnt ihr einen brauchen, der gerne Auto fährt?“, hatte Eugen Ruess nach seiner Pensionierung gefragt. Seit sechs Jahren lädt er eine Woche im Monat jeden Vormittag den Kofferraum seines Autos voller Styroporkisten mit warmen Mahlzeiten. An diesem sonnigen Tag im August fährt er 21 von 140 aus. Er hat das so gewollt. „Aber dass das so viel Spaß macht?“ Das erstaunt ihn noch heute.

Ruess produziert körpereigene Drogen

Eindeutig: Ruess produziert körpereigene Drogen. Es ist die gute Laune, die sich ausbreitet, wenn das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert wird. Dopamin und Serotonin wird zum Beispiel ausgeschüttet beim Sex, beim Verzehr von fett- und zuckerhaltigen Speisen und wenn der Mensch anderen Menschen hilft. Alles davon kann Suchtcharakter entwickeln, aber Letzteres ist für die gesamte Gesellschaft besser als fettes Essen.

21 Mal Hallo und Tschüss, Ruess liest die Farbcodes für Diabetiker, Vegetarier und erstaunlich viele, die keinen Fisch mögen. Mit seiner Plakette auf der Motorhaube „Bürger helfen Bürgern“ darf er in der Stadt auch an klammen Stellen parken.

Eugen Ruess flitzt in kurzen Hosen die Treppen hoch, ah, die Tür steht schon offen. Das ist gut. Denn die meisten hören schwer. Und hören sie die Klingel, sind sie nicht gut zu Fuß. Ruess schreit etwas im Hausflur herum, wenn er mit den schweren Kästen und dem Porzellangeschirr kommt. „Schöne Beine haben Sie“, lobt die alte Dame. „Gute Augen haben Sie“, lobt er zurück. Er wechselt mit einem drei Worte über Fußball und diskutiert mit einem anderen, unter welchen Umständen Notlügen eine Sünde sind.

25 Jahre hat Ruess das Kolping-Werk geleitet und sich um die Zukunft von Jugendlichen gekümmert. Jetzt hat er die Perspektive gewechselt. „Hier ist das Alter die Zukunft“, sagt Ruess euphorisch.

Gabi Koch-Makreles, in der Pflegedienstleitung der Demenz-WG, war 25 Jahre Krankenschwester, bevor sie hier anfing. Das war eine Offenbarung. Soeben haben sie im Innenhof Rasen gesät und Hochbeete angelegt und es hat sofort gewirkt: So wie die Wurzeln sich in die Erde senkten, fanden sich im Gedächtnis der Gäste Erinnerungen an die Zeit mit ihren eigenen Gärten. Koch-Makreles ist von diesem Freiraum ganz beseelt. „Das ist die Antwort!“ Tagespflege für Demenzerkrankte, wo sie in Gesellschaft gefördert werden und dabei weiter zu Hause leben können!

„Andere Einrichtungsleiter haben auch Visionen – sind aber gebeutelt vom System“, sagt Koch-Makreles. Vom ganz normalen Pflege-Irrsinn mit seinem minutengenauen Abrechnungssystem.

Hier verläuft der ideale Tag „wie in einer Großfamilie“. Bei jedem Wetter sind sie draußen. Freiwillige spazieren mit den Schützlingen durch die mittelalterliche Fachwerk-Altstadt und durch ihre Erinnerungen. Freitags ist Markt, 20 Meter sind’s bis zur Fußgängerzone. Danach helfen auch die Männer beim Äpfelschälen. Jeden Tag backen sie in der offenen Küche einen Kuchen. Wird die Unruhe zu groß, setzt sich der Auszubildende ans Klavier.

Ich zeige Ihnen mal die Donau, sagt Koch-Makreles und weist auf einen Streifen Rindenmulch im Hof: hier, das Flussbett. Vom Balkon oben wirft eine Dame aus einer der Wohnungen täglich Brot- und Apfelreste hinunter – im Glauben, die Schwäne an der Donau zu füttern. Das ist kein Problem. Sammeln sie halt das Brot aus den Flussbett.

Natürlich gibt es auch hier unwirsche Gäste, Frustration, Streit untereinander und schwierige Fälle. Aber sie können flexibel reagieren. Demenzkranke haben Weglauftendenzen, die ja im Kern eher Hinlauftendenzen sind, zu einem Ort aus ihrer Vergangenheit oder ihrem Zuhause.

„Wir halten sie nicht auf. Wir gehen hinterher“, beschloss Koch-Makreles vor Kurzem. Spazieren sie also durch die Stadt hinter ihren Schützlingen her, zum Friedhof, irgendwohin. Sobald die Gäste vergessen haben, weswegen sie losgelaufen sind, kommen sie gerne wieder mit zurück. „Ist doch schön“, sagt Koch-Makreles ihren Mitarbeitern: „Ihr geht in eurer Arbeitszeit spazieren.“

Es sind die Lösungen von Leuten, die nicht ständig an der Grenze zur Überforderung arbeiten. „Wer nicht jeden Tag Dienst machen muss, lacht mehr“, sagt Koch-Makreles.

Josef Martin geht davon aus, dass der durchschnittliche Mensch ab dem Tag seiner Verrentung noch sehr lange etwas für sein spätes Glück tun kann. Rentner ist man ja mit Glück jahrzehntelang. 1960 bezogen die Menschen im Schnitt zehn Jahre Rente. Heute sind es für Männer im Durchschnitt 18 Jahre, für Frauen 21.

Die ersten, fitten Jahre müsse man nutzen. „Jeder muss bereit sein, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, nach seiner Pensionierung für ein paar Jahre noch etwas für seine Vorsorge zu tun.“ Niemand dürfe sich auf den Staat oder einzelne Personen verlassen. Mit dieser Haltung könne das Modell auch bundesweit funktionieren.

Ob sie sich die Genossenschaft mal angucken könnten, fragen Interessierte aus dem ganzen Land. Gerade aus den Großstädten sei das Interesse enorm. Berliner waren auch schon da. Aber dann, sagt Martin, hört er nichts mehr und meistens kommt es gar nicht erst zu einer Gründung. Andere Genossenschaften stagnieren. Martin hat oft darüber nachgedacht, warum das Interesse aus den Städten so hoch ist, letztlich aber oft zu nichts führt. Warum funktioniert hier, was woanders nicht geht?

Die Gattung Mensch altert unvorhersehbar

Anton Fiesel, 92, hat als Essensausfahrer für die Genossenschaft über 1000 Stunden angesammelt. Jetzt profitiert er davon.
Anton Fiesel, 92, hat als Essensausfahrer für die Genossenschaft über 1000 Stunden angesammelt. Jetzt profitiert er davon.

© Deike Diening

Ohne verlässliche Mitstreiter geht es nicht, sagt Martin, und vielleicht ist das schon die erste Hürde. In Großstädten ist man miteinander unverbindlicher. „So ein Projekt muss auf Dauer angelegt sein und darf nicht an Einzelpersonen hängen“, sagt Martin. Von Anfang an hat er es mit 20 anderen Leuten vorbereitet. Vor sechs Jahren hat er seinen Nachfolger erkoren. Er selbst arbeitet im Umfang eines Vollzeitjobs.

Wenn es doch einmal eng wird mit den Helfern, fragt hier jeder einen Bekannten. Es gehen ja viele in Pension. „Du“, sagen sie vertraulich, „Du hast doch jetzt Zeit …“ Und die Gebetenen sagen erstaunlich schnell zu.

Martins Ideen sind unerschöpflich. Die jüngste betrifft  30 altengerechte Wohnungen im Zentrum, Genossen sollen Anteile schon für ein- bis zweitausend Euro zeichnen können. Mögliche Baugrundstücke hat er schon besichtigt.

Die Gattung Mensch altert ja nur im Ganzen vorhersehbar. Im Einzelnen jedoch plötzlich und unterschiedlich. So ist es natürlich ein biografischer Glücksfall, dass Herbert Wagner, 78, nun hier vorne am Steuer sitzt und fährt, statt schon auf der Rückbank gefahren zu werden. Der Sommer kurz vor der Schwäbischen Alb geht soeben in den Herbst über.

Wer ernten will, muss gesät haben

Wagner ist in seiner Funktion als Bezirksschornsteinfeger die Kamine hochgeklettert, als jedes Bauernhaus in einer Kammer hoch oben noch Rauchfleisch hängen hatte. Er hat mit der Freiwilligen Feuerwehr Leute aus ihren Autos geschnitten. Nun steht er an zwei Tagen die Woche um sechs Uhr auf, fährt 10.000 Kilometer im Jahr und nennt das Rente! Nur, dass Wagner keinen unglücklichen Eindruck macht. Seit 13 Jahren koordiniert er den Fahrdienst der Genossenschaft.

Soeben biegt er schwungvoll in Anton Fiesels Einfahrt ein. Fiesel, hager, wach und besuchsfreudig, sitzt mit seinen 92 Jahren auf der Gartenbank, umgeben von den Früchten seines Lebens. Dazu gehören seine vier Söhne, von denen einer nebenan wohnt, die voll behangenen Birnbäume im Rücken und auch das satte Konto bei der Genossenschaft von mehr als 1000 Stunden, die er sich verdient hat, solange er selbst noch Essen ausfuhr.

Fiesel war Landwirt, hat also ein Leben lang verinnerlicht, dass, wer ernten will, gesät haben muss. Zwei Tage in der Woche mischt er die Tagespflege in Riedlingen mit seiner Mundharmonika auf. Den Fahrdienst dorthin bezahlt er mit seinen Stunden. „Soll ich Ihnen etwas vorspielen?“, fragt Fiesel und zückt das Instrument. Und schon fragt die Melodie unter den Birnbäumen: „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus?“

Nein, muss er nicht. Er kann zu Hause bleiben solange er will.

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