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Der Riding-Mountain-Nationalpark liegt mitten in Kanada.

© Robyn Hanson, Travel Manitoba

Erlebnisreisen in Kanada: Wildnis mit W-Lan in Manitoba

Fliegennetze, GPS, Zimtschnecken: Abenteuerurlaub im Riding-Mountain-Nationalpark ist höchst bequem. Wer sich trotzdem verläuft, wird zum Dorfgespräch.

Celes Davar hat die Gruppe tief in den Wald geführt. Er las Spuren, deutete umgeknickte Farne, machte vor, wie Wölfe heulen. Er hielt inne und bat, die Augen zu schließen, damit alle die Geräusche der Wildnis intensiver wahrnähmen. Celes Davar, 65, behauptete, er fühle sich im Dickicht sicherer als in der Großstadt, weil er hier jeden Baum und jedes Tier kenne. Irgendwann wurde er dann still, verzog die Miene und blickte eine Weile umher. Jetzt sagt er, dass es ihm schrecklich leid tue. „Ich fürchte, wir haben uns verirrt.“

Das sei ihm in 20 Jahren noch nie passiert. So lange führt er Urlauber schon durch den Riding-Mountain-Nationalpark. Die Gruppe rätselt, ob das Verlaufen echt ist oder Teil einer Show für mehr Nervenkitzel. Celes Davar sagt, das GPS-Gerät sei heute irgendwie gestört.

Der Nationalpark liegt in der kanadischen Provinz Manitoba, genau in der Mitte des Landes. Das Mountain im Namen ist lieb gemeint, kein Fels ragt höher als 300 Meter. Manitoba zählt zu den sogenannten Prärieprovinzen, es gibt Weizenfelder und Wiesen und mehr als 100 000 Seen. Auf der Landkarte hat der Park die Umrisse einer nach Westen zeigenden Pistole. Etwa an der Stelle, wo der Abzug wäre, ist die Ortschaft Wasagaming, die einzige des Parks. Dort befindet sich das Hotel der Gruppe.

Celes Davar trägt immer ein Smartphone bei sich

Das ist wohl einer der großen Vorteile jedes Kanada-Urlaubs: So endlos die Weiten erscheinen und so unangetastet die Natur, so nah bleiben doch die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Keine Pension ohne W-Lan, keine Ferienhütte ohne Fliegennetz am Fenster. Aktivurlaub in Kanada ist für alle, die Wildnis wollen, ohne sich wirklich schmutzig zu machen.

Deshalb trägt Celes Davar auch noch ein Smartphone bei sich. Damit ruft er, sicher ist sicher, seine Frau an. Die soll mit dem Auto schon mal zum nächstgelegenen Parkplatz fahren, um die Gruppe einzusammeln, falls die es dorthin schafft. Wird sie.

Celes Davar verfügt über ein enormes Wissen plus die Gabe, andere dafür zu begeistern. Erzählt er, dass Schwarzbären 90 Prozent ihres Körperfetts dem Plündern von Blaubeer-Sträuchern verdanken, staunt der Rest der Gruppe, als habe Davar soeben die Koordinaten des Bernsteinzimmers verraten. Überhaupt Ernährung: Von einem einzigen Reh, das Wölfe im Riding-Mountain-Nationalpark reißen, profitierten noch 30 andere Tierarten. „Wiesel, Kojoten, Raben, Mäuse, Eulen, die ganzen Insekten ...“ Aus Davars Rucksack ragt ein hellblauer Baseballschläger. Hilft der zur Not gegen Schwarzbärenattacken? Ganz klares Nein, sagt Celes Davar. Der Schläger sei innen hohl. Er habe ihn mitgebracht, weil durch Reinpusten ein Geräusch entstehe, das Elche anlockt.

Wer sich lieber allein im Wald verläuft, findet im Nationalpark eine Reihe von Wanderwegen. Die meisten beginnen und enden in Wasagaming, das wiederum an einem See liegt. Am Ufer kann man sich Kanus und Tretboote ausleihen. Man kann sich aber auch einfach in den Whirlpool setzen und ein Glas kanadischen Weißwein trinken.

Winnipeg bedeutet in der Sprache der Ureinwohner "Schlammiges Wasser"

Die größte Stadt der Provinz heißt Winnipeg, drei Autostunden vom Nationalpark entfernt. Dort sollte, auch wer eigentlich bloß Natur sucht, kurz Halt machen. Vor drei Jahren eröffnete das „Kanadische Museum für Menschenrechte“. Ein spektakulärer, verschachtelter Bau mit gläsernem Turm in der Mitte. Die Dauerausstellung zeigt, wie die indigenen Stämme des Kontinents drangsaliert und vertrieben wurden. In Kanada sagt man „First Nations“ zu ihnen.

Der Name Winnipeg bedeutet in der Sprache der Ureinwohner „Schlammiges Wasser“. Im späten 19. Jahrhundert wurde der Ort zum wichtigen Verladezentrum entlang der transkontinentalen Eisenbahnstrecke, galt bald als die am schnellsten wachsende Stadt Kanadas, als „Chicago des Nordens“. In den Eisenbahnhallen von damals sind heute Restaurants und Geschäfte untergebracht. An jeder Ecke gibt es leckere Zimtschnecken. Das ist so ein Tick der Präriekanadier: In alles muss Zimt rein. In die Butter, den Müsliriegel, den Kaffee, das Kirschtörtchen. Sogar die Margarita wird mit Zimt- statt Salzrand serviert. Ganz Mutige sollten das kanadische Fast-Food-Gericht Poutine probieren. Das spricht man französisch aus, also Putiin. Sein Äußeres lässt sich am besten als hingeklatschte Sauerei im Teller beschreiben. Pommes frites, Käse, Zwiebeln, darübergegossene Bratensauce. Der Käse muss zwischen den Zähnen quietschen, sonst ist es keine richtige Poutine.

In Winnipeg leben 15 Eisbären

Die "Mountains" im Nationalpark sind eher Hügelchen, kein Fels ragt höher als 300 Meter.
Die "Mountains" im Nationalpark sind eher Hügelchen, kein Fels ragt höher als 300 Meter.

© Robyn Hanson, Travel Manitoba

Wer viel Zeit hat, fährt von Winnipeg mit der Eisenbahn 1700 Kilometer nordwärts, an Weide- und Seenlandschaften vorbei, bis in die arktische Tundra. Die Strecke endet in Churchill, einem Dorf mit nur 800 Einwohnern direkt an der Hudson Bay. Nirgends sonst auf der Welt kann man so viele Eisbären aus der Nähe beobachten. Mehrere hundert verbringen in der Umgebung von Churchill ihren Sommer, ernähren sich von Wildgänsen und Walkadavern. Ab Oktober wandern sie dann den Strand auf und ab. Warten darauf, dass der See zufriert und sie wieder raus aufs Eis können – zum Robbenjagen.

Wem der Weg nach Churchill zu weit ist, bleibt einfach in Winnipeg und besucht den Zoo. Dort leben immerhin 15 Eisbären. Durch die Scheiben einer begehbaren Plexiglasröhre darf man ihnen beim Tauchen zusehen. Für Gäste aus Deutschland werfen die Wärter gern ein paar tote Fische ins Becken, damit die Bären garantiert hinterherspringen. Sieht wild aus. Im Nebengebäude ist ein 360-Grad-Kino, das zeigt einem die Schönheit der lebensfeindlichen kanadischen Arktis bei angenehmer Raumtemperatur.

Ein Mitarbeiter erklärt die neusten Forschungsmethoden des Zoos: Ausgewählten Eisbären wird jeden Tag unverdaulicher Glitzer ins Fressen gestreut, pro Tier eine Farbe. So wissen die Biologen bei der Analyse der Exkremente stets, von welchen Bären sie stammen. Das Konzept „Glitter-Poop“ haben sie hier in Winnipeg erfunden, inzwischen wurde das Know-how in Zoos weltweit exportiert und schon erfolgreich an Geparden und Roten Pandas getestet. Die Forscher müssen selbst grinsen, wenn sie das erzählen.

Es wird viel gelacht in Manitoba, über Trump und deutsche Touristen

Manitobas Einwohner sind wunderbar selbstironische, durch und durch uneitle Menschen. Führt ein Wanderweg kurzzeitig bergauf, steht da direkt ein Holzschild, das vor dem „Pfad zum Gipfel der Welt“ warnt. Sowieso wird viel gelacht. Über Schwarzbären, die neben der Landstraße auf Telefonleitungsmasten klettern und ziemlich ungelenk herumbaumeln. Über Esoteriker aus aller Welt, die herkommen, weil sie an den „Falcon Lake Incident“ glauben, Manitobas berühmte Ufo-Sichtung aus dem Jahr 1967. Über Donald Trump und seine Ideen.

Natürlich auch über die beiden deutschen Touristen, die im Vollrausch auf die Idee kamen, ins Gehege der örtlichen Bisonherde einzudringen und ernsthaft zu versuchen, ein Junges von seiner Mutter zu trennen, um es dann als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Die zwei Deutschen konnten das Krankenhaus irgendwann wieder verlassen.

Der Bison ist das Wappentier Manitobas. Im Riding-Mountain-Nationalpark kann man ihm gefahrlos sehr nahe kommen. Vier Dutzend Exemplare leben in einem eingezäunten Bereich, durch den ein Schotterweg für Autos führt.

Abends spazieren alle noch runter zum Flussufer

Celes Davar, der Naturkundeführer, der sich mit seiner Gruppe im Nationalpark verlief, hat nicht versucht, seinen Fauxpas zu verheimlichen. Am nächsten Morgen weiß ganz Wasagaming, was geschehen ist. Fremde Menschen sprechen einen auf der Straße an und scherzen. Und Celes Davar? Bringt die gesamte Gruppe, diesmal im Auto, zu einem Platz mitten im Park. Ein Trampelpfad führt an einen Fluss, es ist schon dunkel. Der Sternenhimmel über Manitoba ist so hell, als hätte einer bei Photoshop den Kontrast zu weit hochgedreht. Die Wanderung endet vor einer kleinen Steinhütte. Der Kamin ist an, Davars Frau schon da, sie hat Kerzen angezündet. Außerdem sitzt ein Mann mit Wandergitarre in der Hütte und spielt seine Songs. Es gibt Tee und Plätzchen. Natürlich mit Zimt.

Celes Davar kennt noch eine ganz erstaunliche Geschichte. Wissenschaftler sollen gerade herausgefunden haben, dass die Wölfe und Raben im Riding-Mountain-Nationalpark in einer Art Symbiose leben. Die Vögel dürfen fressen, was von der Wolfsbeute übrig bleibt, klar. Sie fliegen aber auch voraus und kreischen, wenn sie verfolgbares Wild entdecken. Sie sind quasi der Spähtrupp der Wölfe. Ob man das glauben kann?

Am Ende des Abends spazieren alle runter zum Flussufer. Celes Davar sagt, im Wald auf der gegenüberliegenden Seite lebe ein Wolfsrudel, und wir könnten unsere frisch erlernte Heultechnik anwenden, um sie zum Zurückheulen zu ermuntern. Die Gruppe heult los. Einmal. Zweimal. Dreimal. Da macht es Platsch am Ufer. Schade. Celes Davar sagt, es war nur eine genervte Wasserratte.

Reisetipps für Manitoba

HINKOMMEN

Air Canada fliegt mehrmals die Woche von Frankfurt am Main über Montreal oder Toronto nach Winnipeg. Alternativ bringt einen KLM von Amsterdam via Toronto nach Winnipeg. Im Süden Manitobas liegt die Durchschnittstemperatur im Juli und August bei 25 Grad, hier reist man am besten mit dem Mietwagen. Die meisten Eisbären in Churchill sieht man zwischen Mitte Oktober und Mitte November. Achtung: Touristen müssen vor Flugantritt die elektronische Reisegenehmigung eTA beantragen, sie kostet fünf Euro (cic.gc.ca/english/visit/eta-start-de.asp).

UNTERKOMMEN

Wer den Riding-Mountain-Nationalpark besucht, sollte unbedingt eine Unterkunft direkt auf dem Parkgelände im kleinen Wasagaming buchen. Die dortigen Gästehäuser liegen alle in Laufweite zum Seeufer, es gibt auch einen Sandstrand. Komfortabel ist zum Beispiel das „Lake House Boutique Hotel“ mit Kaminecke im Gemeinschaftsraum und Whirlpool im Garten. Es befinden sich zudem mehrere Campingplätze im Park (Infos unter pc.gc.ca). Manitobas Hauptstadt Winnipeg hat eine riesige Auswahl an mittelpreisigen Hotels und Gästehäusern.

RUMKOMMEN

Die umgebauten Eisenbahnhallen von Winnipeg, in denen sich etliche Restaurants und Cafés befinden, heißen Forks Market und liegen in Spazierweite zum Museum für Menschenrechte (humanrights.ca). Wer Boutiquen und Trödelläden mag, sollte anschließend durch den Exchange District bummeln. Celes Davars Naturkundeführung durch den Riding-Mountain-Nationalpark kann man im Internet unter earthrhythms.ca buchen.

Weitere Tipps für die Region unter travelmanitoba.com/de.

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