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Eine Frau klopft an eine Wohnungstür (Symbolbild)

© Stochadone/Oleksandr Kondriianenko

Hilflos in der Kälte oder Hitze?: Von Frankreich lernen, Menschen aktiv zu schützen

Wann kommt in Deutschland endlich ein Notfallsystem für Menschen, die in Notlagen nicht selbst Hilfe rufen können? In Frankreich gibt es das längst. Warum klappt das hierzulande nicht?

Magnus Heier
Eine Kolumne von Dr. Magnus Heier

Stand:

Wir hatten an dieser Stelle vor zweieinhalb Jahren über die aktuelle Hitzewelle geschrieben. Und darüber, dass vor allem alleinstehende Menschen, alte und chronisch Kranke der Hitze hilflos ausgeliefert waren.

Unter umgekehrten Vorzeichen war die Situation in Teilen Berlins beim Blackout vergangene Woche vergleichbar: Zehntausende Haushalte waren ohne Strom. Und das heißt auch: ohne Wärme, ohne Licht – und ohne die Möglichkeit, jemanden anzurufen.

So können Menschen unbemerkt in Not oder Lebensgefahr geraten. Denn je nach Modell funktioniert auch der Hausnotruf ohne Strom nicht. Vor allem Ältere können überfordert sein, von sich aus Hilfe zu suchen – im Dunkeln und ohne funktionierendes Telefon.

Frankreich hat ein Hilfesystem

In Frankreich gibt es seit über 20 Jahren entsprechende Notfallpläne, entwickelt für extreme Hitzeperioden – Pläne, die mittlerweile Zehntausende Menschenleben gerettet haben dürften.

Das Prinzip ist ganz einfach: Chronisch Kranke und alleinstehende Ältere über 65 Jahre, geschwächte Personen, Schwangere und Menschen mit Behinderungen sind in Listen erfasst und werden an entsprechend heißen Tagen telefonisch kontaktiert: Geht es ihnen gut? Sind sie orientiert? Gehen sie überhaupt ans Telefon? Wenn nicht, bekommen sie Besuch und werden von Helfern unterstützt, versorgt und gegebenenfalls in eine geschützte Umgebung gebracht.

Ein Appell an Politik und Ärzteschaft: Schaffen Sie endlich ein Notfallsystem für Menschen, die im Notfall nicht selbst Hilfe rufen können.

Magnus Heier

Diese französischen Pläne sind für extreme Hitzephasen vorgesehen. Könnten aber auch in einer Situation wie der in Berlin, wo Menschen ohne Strom unter Kälte und Dunkelheit gelitten haben, leicht aktiviert werden: Hilflose Menschen werden aktiv kontaktiert.

Entsprechende Listen gibt es in Berlin nicht, entsprechende Anrufe auch nicht, wie verschiedene Pressestellen bestätigen. Immerhin klingelten Ordnungsämter und Polizei an Wohnungstüren – oder klopften, weil auch die Klingeln keinen Strom hatten.

Eine gezielte Kontaktaufnahme bei potenziell gefährdeten Personen wäre natürlich sehr viel schneller, präziser, einfacher und zuverlässiger. Dass es ein dem französischen Modell vergleichbares Hitzeschutzprogramm in Deutschland noch immer nicht gibt, ist erschreckend – der Gedanke, dass hilflose Menschen in ihrer dunklen Wohnung erfrieren könnten, ist unerträglich.

Dass es dazu möglicherweise nicht kommt, hat mit funktionierender Nachbarschaftshilfe zu tun: Freunde im stromlosen Zehlendorf versicherten mir, dass viele der Bewohner bei Nachbarn geklopft und Hilfe angeboten haben. Was selbstverständlich sein sollte, aber nicht überall auch ist. Vor allem in großen, anonymen Wohnkomplexen dürfte die Hilfe Lücken haben.

Deshalb hier der Appell: Klingeln oder klopfen Sie in Notlagen bei Ihren Nachbarn und rufen Sie, wenn niemand öffnet, Hilfe. Und ein zweiter Appell an Politik und Ärzteschaft: Schaffen Sie endlich ein Notfallsystem für Menschen, die im Notfall nicht selbst Hilfe rufen können.

Alle Folgen der Kolumne „Im weißen Kittel“ finden Sie auf der Übersichtsseite.

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