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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verzichtet künftig auf einen seiner engsten Berater, Andrij Jermak.

© REUTERS/GLEB GARANICH

Selenskyj verliert seinen „Blitzableiter“: Andrij Jermaks Kritiker jubeln – wenn auch verhalten

Nach wochenlangen Rücktrittsforderungen konnte Selenskyj seinen Stabschef Jermak nicht mehr halten. Was bedeutet der Rücktritt seines engsten Vertrauten für den Präsidenten und die Verhandlungen?

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Wolodymyr Selenskyj fand am Freitagabend lobende Worte für seinen Stabschef Andrij Jermak. Der ukrainische Präsident dankte ihm dafür, „die ukrainische Position in den Verhandlungen stets so vertreten zu haben, wie es sein sollte“. Diese Worte sprach er vor dem Präsidentenpalast in Kyjiw, kurz bevor er ein Dekret unterzeichnen würde, das Jermak aus dem Amt entlässt. Selenskyj fügte hinzu: „Ich möchte keine Gerüchte oder Spekulationen.“

Am Morgen hatten das Antikorruptionsbüro und die Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft Jermaks Wohnung durchsucht. Details dazu gaben die Behörden nicht bekannt. Die Hausdurchsuchung bei Selenskyjs engstem Vertrauten markiert den Höhepunkt einer Welle von Korruptionsskandalen, die das Land seit Wochen in Atem halten.

Die Antikorruptionsbehörden hatten vor wenigen Wochen Vetternwirtschaft beim staatlichen Energieunternehmen Energoatom aufgedeckt. Der Skandal reicht tief in die Selenskyj-Regierung hinein. Und Kritiker werfen Jermak vor, von den Vorgängen mindestens gewusst zu haben.

Dieser Schachzug erwies sich als kontraproduktiv.

Yevhen Mahda, Politikwissenschaftler

Die Enthüllungen erzürnten die ukrainische Bevölkerung, Jermak wurde zum Objekt der öffentlichen Wut. Die politische Opposition forderte seinen Rücktritt. Und selbst innerhalb von Selenskyjs Partei „Diener des Volkes“ regte sich Widerstand. Fraktionschef Dawyd Arachamia und andere Abgeordnete sahen in Jermak einen machthungrigen Strippenzieher, der trotz möglicher Verstrickungen in den Korruptionsskandal nicht bereit war, seine Macht abzugeben.

Arachamia soll sogar ein Bündnis gegen Jermak geschmiedet haben. Nach einem Treffen mit Selenskyj endete das Aufbegehren jedoch abrupt. Gerüchten zufolge hatten die Sicherheitsbehörden belastendes Material gegen Arachamia. Belege dafür gibt es aber nicht.

Die wohl heikelste politische Lage seit Kriegsbeginn

An diesem Freitagabend jubelte das Anti-Jermak-Lager – wenn auch verhalten. Die Ukraine befindet sich in der heikelsten politischen Lage seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Die USA und Russland drängen auf ein Ende des Krieges – unter Bedingungen, die für viele Ukrainer einer Kapitulation gleichkämen.

Marco Rubio und Andrij Yermak in Genf.

© imago/Xinhua/IMAGO/Lian Yi

Zwischenzeitlich schien Jermak politisch gerettet. Selenskyj hatte ihn zum Chefverhandler der ukrainischen Delegation in Genf ernannt, die mit den USA und Europa über den amerikanisch-russischen 28-Punkte-Plan diskutieren sollte. Beobachter wie der Politikwissenschaftler Yevhen Mahda vermuten, Selenskyj habe Jermak so vor einer Korruptionsanklage schützen wollen. „Doch dieser Schachzug erwies sich als kontraproduktiv“, sagt Mahda.

Warum war Jermak für Selenskyj so wichtig? Die beiden kennen sich noch aus ihrer Zeit der Unterhaltungsbranche. Jermak, einst Rechtsanwalt und Fernsehproduzent, arbeitete für den Sender „Inter“, der Selenskyjs Produktionen ausstrahlte. 2019 unterstützte Jermak Selenskyj im Wahlkampf und wurde nach dessen Wahlsieg Stabschef. Noch im selben Jahr wählte das Magazin „Focus“ Jermak zu einem der einflussreichsten Politiker der Ukraine.

An Jermak kam im politischen Kyjiw keiner vorbei

Mit Beginn des russischen Angriffskriegs übernahm Jermak immer mehr operative Aufgaben. Er entlastete Selenskyj, damit er sich auf Diplomatie und Kriegsführung konzentrieren kann. Mahda beschreibt Jermak als „Blitzableiter“ für Selenskyj, der Kritik auf sich zog und die Machtstrukturen in Kyjiw kontrollierte. An ihm kam im politischen Kyjiw keiner vorbei.

Ein Korruptionsskandal im Energiesektor erschütterte die Ukraine.

© IMAGO/ZUMA Wire/IMAGO/Pool /Ukrainian Presidentia

Nun scheint auch Jermak ins Visier der Antikorruptionsbehörden geraten zu sein. Ob die Durchsuchung seiner Wohnung mit dem Schmiergeldskandal im Energiesektor zusammenhängt, bleibt unklar. Berichten zufolge taucht Jermaks Name auf Abhörbändern auf, die den Oligarchen Timur Minditsch betreffen.

Anfang des Monats hatten die Behörden ein Schmiergeldsystem im Umfang von 87 Millionen Euro beim staatlichen Atomenergiekonzern Energoatom aufgedeckt. Der Skandal führte zum Rücktritt der Energieministerin und des Justizministers. Die Enthüllungen wiegen schwer, da russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur das Land ohnehin belasten.

Offiziell gilt Jermak in diesem Fall nicht als Verdächtiger. Dennoch war es für Selenskyj zunehmend schwerer geworden, an seinem Stabschef festzuhalten. Dass Jermak nun gehen musste, trifft Selenskyj hart. Welche Folgen das für die politische Landschaft in Kyjiw hat, bleibt aber abzuwarten.

Was bedeutet Jermaks Rücktritt für die Verhandlungen?

Der Politologe und Mitbegründer der Nationalen Plattform für Stabilität und Zusammenhalt, Oleh Saakyan, sagte der „Deutschen Welle“, dass sich Jermaks Rücktritt „zweifellos“ auf die Verhandlungen mit Washington auswirken wird. Jermak würde über alle wichtigen Kontakte und Fachkenntnisse verfügen.

Wer Jermaks Platz im Verhandlungsteam einnehmen wird, will Selenskyj am Samstag entscheiden, sagte er. An dieser Stelle scheint Jermak nicht unersetzlich zu sein. Politikwissenschaftler Mahda vermutet eher, dass Jermaks Ablösung sich positiv auf das Verhältnis der Ukraine zu den USA auswirken könnte.

Denn in der Vergangenheit war immer wieder aus Washington zu vernehmen, dass Jermak dort aneckte. Das US-Medium „Politico“ hatte im Juni darüber berichtet, dass Jermak dort als „schlecht informiert über die US-Politik“ und „schroff“ gegenüber US-Beamten wahrgenommen wurde. Mahda sagt: „Jermaks Ablösung wird die Gespräche eher erleichtern.“

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