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Der Tanker Bella 1 in der Straße von Singapur.

© REUTERS/Hakon Rimmereid

Update

Machtprobe zwischen Washington und Moskau: US-Militär entert nach zweiwöchiger Verfolgung russischen Schattentanker vor Island

Das US-Militär hat einen russischen Öltanker geentert. Das Schiff wurde von einem russischen U-Boot und einem Kriegsschiff eskortiert. Der Vorgang wirft zahlreiche Fragen auf.

Stand:

Die USA haben Insidern zufolge nach einer mehr als zweiwöchigen Verfolgung einen unter russischer Flagge fahrenden leeren Öltanker vor der Küste Islands beschlagnahmt. Der russische Staatssender RT berichtete am Mittwoch, US-Kräfte versuchten offenbar, von einem Hubschrauber aus an Bord des Tankers „Marinera“ zu gelangen, und veröffentlichte dazu ein entsprechendes Bild. Laut US-Medien wurde die Aktion am Mittwochnachmittag erfolgreich abgeschlossen. Die Besatzung habe keinerlei Widerstand geleistet oder Feindseligkeiten verursacht, sagte ein Beamter der „New York Times“.

In der Nähe des Einsatzortes befanden sich ein russisches U-Boot und ein russisches Kriegsschiff, sagten zwei US-Vertreter am Mittwoch. Als die US-Küstenwache das Schiff enterte, befanden sich laut Angaben zweier US-Beamter jedoch keine russischen Schiffe in der Nähe der Bella 1, wodurch eine Konfrontation zwischen US-amerikanischen und russischen Streitkräften vermieden werden konnte, berichtet die „New York Times“. Der mit Venezuela in Verbindung stehende Tanker wurde von der US-Küstenwache und dem US-Militär seit rund zwei Wochen verfolgt. Vor einigen Tagen hatte Russland die Eskorte geschickt.

Das Europäische Kommando der US-Streitkräfte veröffentlichte auf X eine Erklärung, in der es die Beschlagnahmung bestätigte. Demnach hätten das Justizministerium, das Ministerium für innere Sicherheit und das Verteidigungsministerium den Tanker im Nordatlantik wegen Verstößen gegen US-Sanktionen beschlagnahmt.

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Der Fall ist höchst ungewöhnlich, denn normalerweise schicken Staaten keine U-Boote, um leere Öltanker zu sichern. Und Staaten verfolgen leere Öltanker normalerweise auch nicht über Wochen. Der Verdacht liegt also nahe, dass die „Marinera“ eine besondere Bedeutung für Russland und die USA hatte. Laut dem US-Sender CBS News gehen US-Geheimdienste davon aus, dass tragbare Flugabwehrsysteme aus iranischer oder russischer Produktion an Bord des Tankers sein könnten. Die Beschlagnahmung ist in jedem Fall auch eine Machtprobe zwischen Washington und Moskau.

Helikopter versuchte, bei stürmischem Wind auf Deck zu landen

Das russische Außenministerium protestierte gegen die Aktion. Es erklärte, dass sich das Schiff in internationalen Gewässern befinde und im Einklang mit dem internationalen Seerecht handele. Es forderte die westlichen Länder auf, das Recht des Schiffes auf freie Schifffahrt zu respektieren. Moskau warf den USA „abnormales Verhalten“ vor.

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Wie CNN berichtet, soll Russland noch im Dezember eine formelle diplomatische Anfrage gestellt haben, in der es die USA aufforderte, die Verfolgung des Schiffes einzustellen. Zwei mit der Angelegenheit vertraute Quellen sagten dem Bericht zufolge, dass die Trump-Regierung den Status des Schiffes unter russischer Flagge nicht anerkannt habe und das Schiff als staatenlos betrachte.

Die USA sollen vor der Beschlagnahmung des Tankers militärische Ressourcen nach Großbritannien verlegt haben, wie CNN weiter schreibt. Mindestens zwölf US-amerikanische C-17-Flugzeuge landeten demnach zwischen dem 3. und 5. Januar auf den Luftwaffenstützpunkten Fairford und Lakenheath, viele davon stammten demnach von Flugplätzen in den USA.

London: Unterstützung für USA bei Beschlagnahmung von Tanker

Großbritannien unterstützte die USA bei der Beschlagnahmung des Öltankers. Das Verteidigungsministerium in London teilte mit, dass dem Schiff Aktivitäten in einer Schattenflotte und Verstöße gegen die Iran-Sanktionen vorgeworfen werden. Die britischen Streitkräfte hätten nach einer Anfrage aus Washington geplante operative Unterstützung geleistet. Diese habe die Bereitstellung von Stützpunkten für US-Militärgüter sowie Luftüberwachung umfasst.

Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, setzten die USA auch Hubschrauber ein, um den Tanker zu entern. Beamte sagten dem Bericht zufolge, dass Tanker-Kapitäne und Mechaniker an Bord geschickt würden, um das Schiff zu bedienen. Die Einsatzkräfte starteten von Großbritannien aus.

Auf X veröffentlichte Videos von der Crew der „Marinera“ sollen zeigen, wie sich ein US-Kriegsschiff dem Tanker nähert. Ein zweites Video und Fotos zeigen einen Helikopter, der unter stürmischem Wind versucht, an Deck des Öltankers zu landen. Die Bilder wurden vom russischen Fernsehen veröffentlicht.

Der Tanker, zunächst bekannt als „Bella 1“, versuchte laut US-Medien mehr als zwei Wochen lang, sich der US-Blockade von Venezuela zu entziehen, die sanktionierte Tanker daran hindern soll, sich der Küste des Landes zu nähern und von dort Öl zu schmuggeln. Das Schiff konnte demnach in keinem venezolanischen Hafen anlegen. Obwohl es somit leer sei, habe die US-Küstenwache es bis in den Atlantik verfolgt.

USA beschlagnahmen weiteren Öltanker in der Karibik

Laut Angaben des US Southern Command beschlagnahmten die USA am Mittwoch zudem einen zweiten Öltanker, dieses Mal in der Karibik. Das Schiff, ein „staatenloser, sanktionierter Tanker der dunklen Flotte“, wurde in einer Operation vor Tagesanbruch festgesetzt, so das Militär. „Das beschlagnahmte Schiff, die M/T Sophia, war in internationalen Gewässern unterwegs und führte illegale Aktivitäten in der Karibik durch“, heißt es in einer Erklärung des US-Militärs. Die US-Küstenwache eskortiert die „M/T Sophia” zur endgültigen Entsorgung in die USA.

Ziel der Vereinigten Staaten ist es, gegen Tanker vorzugehen, die illegales Öl um die Welt transportieren, darunter auch Schwarzmarktöl, das von Russland verkauft wird. Nach der Invasion Russlands in der Ukraine – und den darauffolgenden Sanktionen des Westens – kam es zu einem drastischen Anstieg dieser sogenannten Schattenflotte.

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Dabei handelt es sich Beobachtern zufolge um mehr als 1000 Tanker mit unklaren Eigentumsverhältnissen. Die Schiffe verschleiern ihre Rolle beim Öltransport durch irreführende Taktiken, etwa indem sie ihre Funksignale abschalten. Die meisten dieser Tanker sind zudem über 15 Jahre alt, was schon länger Befürchtungen vor größeren Ölunfällen weckt.

Russische Flagge angemalt und von Moskau registrieren lassen

Die Besatzung der „Bella 1“ wehrte den Angaben zufolge im Dezember einen Versuch der USA ab, an Bord zu gehen, und fuhr weiter in den Atlantik. Als die US-Küstenwache dem Tanker gefolgt sei, habe die Crew auf dem Schiff liederlich eine russische Flagge auf die Seite des Schiffes gemalt, den Namen in „Marinera” geändert und es als russisches Schiff registrieren lassen.

Laut Bericht soll Russland den Tanker umgehend angemeldet haben, ohne ihn zuvor zu inspizieren oder andere Formalitäten einzuhalten. Russland sei besorgt darüber, dass die USA Tanker beschlagnahmen, die Moskaus illegales Öl um die Welt transportieren und damit die russische Wirtschaft ankurbeln, schreibt das „WSJ“ unter Berufung auf Experten.

Russland soll die USA aufgefordert haben, das Schiff nicht länger zu verfolgen, wie drei weitere US-Beamte dem „WSJ“ mitteilten. Das Weiße Haus habe indes nicht auf eine Anfrage nach einer Stellungnahme reagiert. Das Südkommando der US-Streitkräfte habe jedoch am Dienstag in den sozialen Medien erklärt, es sei bereit, „gegen sanktionierte Schiffe und Akteure, die diese Region durchqueren, vorzugehen“.

Mindestens 16 unter US-Sanktionen stehende Öltanker sind nach einem „New York Times“-Bericht aus venezolanischen Häfen verschwunden. Laut der US-Zeitung gibt es in allen Fällen Hinweise darauf, dass die Schiffe versucht haben könnten, die von den USA verhängte Seeblockade gegen Venezuelas Ölexporte zu umgehen. 15 der Tanker stehen unter anderem wegen früherer Transporte von iranischem oder russischem Öl unter Sanktionen.

Venezuelas Ölindustrie unter Druck

Nach Auswertung von Satellitenbildern durch die Zeitung lagen die Tanker wochenlang in venezolanischen Häfen, seit Samstag sind sie jedoch nicht mehr an ihren Liegeplätzen. Vier der Tanker seien auf offener See verfolgt worden. Sie hätten falsche Schiffsnamen benutzt und ihre Positionsdaten manipuliert. Zwölf weitere Tanker hätten ihre Ortungssysteme abgeschaltet und seien derzeit nicht auffindbar.

Das Verschwinden der Tanker fällt in die Zeit nach der Festsetzung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro durch US-Truppen, heißt es in dem Bericht. Die USA hatten zuvor Ziele in Venezuela angegriffen und Maduro außer Landes gebracht.

US-Präsident Donald Trump hatte seit Mitte Dezember eine vollständige Blockade für sanktionierte Öltanker angeordnet, ausgenommen ist Öl des US-Konzerns Chevron, das weiter in die USA geliefert werden darf.

Die Tankerkrise könnte auch die Gespräche zur Beendigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erschweren. Russland hat das von den USA und der Ukraine vorgelegte Friedensabkommen bislang nicht akzeptiert. (mit dpa/Reuters)

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