
© dpa/Steffen Trumpf
Trump greift nach Grönland: Europa muss deeskalieren – und seine Macht ausbauen
Vizekanzler Klingbeil und Außenminister Wadephul sollten in Washington alles versuchen, um den Konflikt um Grönland zu entschärfen. Kanzler Merz kann in Indien derweil die Weichen für neue Partnerschaften stellen.

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Was bislang wie ein schlechter Scherz klang, erscheint nun als plausibles Szenario: Die USA könnten versuchen, mit militärischen Mitteln grönländisches Territorium unter ihre Kontrolle zu bringen. Dann wäre die Nato am Ende, betont die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zu Recht.
Und was hätte Europa auch entgegenzusetzen, entschlösse sich die Trump-Regierung zu einem solchen Schritt? Nichts. Darüber muss man sich keine Illusionen machen.
Europa verfügt derzeit weder militärisch noch wirtschaftlich über die Fähigkeiten, gegenüber den USA Macht auszuüben.
Europa sollte daher eine Doppelstrategie verfolgen. Zum einen gilt es, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die USA von diesem Schritt abzuhalten und die transatlantische Partnerschaft zu wahren.
Vizekanzler Lars Klingbeil und Außenminister Johann Wadephul reisen diese Woche zu einem kritischen Zeitpunkt in die USA. Zwar spricht Trump mit Blick auf Grönland davon, wie maßgeblich „der Besitz“ sei. Aber auch ihm ist bewusst, dass die Ressourcen der USA endlich sind. Angesichts der Lage in Syrien und im Iran wird er die Kosten eines massiven Eingriffs in Europa und eines transatlantischen Bruchs genau abwägen.
In den Gesprächen wird es für die beiden Minister zentral sein, zu betonen, dass Europa die Sorgen der Trump-Regierung hinsichtlich russischer und chinesischer Einflussnahme in der Arktis ernst nimmt. Die aktuellen Überlegungen der Nato, die Arktis zur strategischen Priorität zu machen und ihre Präsenz, Überwachung und Übungen im hohen Norden auszubauen, senden hier ein deutliches Signal. Ebenso die Milliardensummen, die die dänische Regierung investiert.
Klingbeil und Wadephul müssen auf Versuche der Trump-Regierung vorbereitet sein, Europa zu einem Deal zu drängen: US-Kontrolle über Grönland im Tausch gegen amerikanische Zugeständnisse bezüglich der Ukraine. Jeglicher Kompromiss in dieser Hinsicht würde sowohl die Glaubwürdigkeit als auch die Sicherheit Europas infrage stellen.
Angesichts der aktuellen Politik und Rhetorik der Trump-Regierung können die USA immer weniger als Wertepartner Europas betrachtet werden. Die EU muss daher neue strategische Bündnisse schmieden.
Anja Wehler-Schöck
Zum anderen muss die europäische Strategie auf Machtaufbau setzen, um zu verhindern, dass der Kontinent zum geopolitischen Spielball wird. Eine Grundlage dafür ist militärische und wirtschaftliche Stärke. Dadurch gewinnt Europa nicht nur an Unabhängigkeit. Stärke macht attraktiv. Das gilt bei einem Gegenüber wie Donald Trump in besonderem Maße.
Eine Demokratieallianz wäre sinnvoll
Ein weiterer Machtfaktor sind Partnerschaften. Dass sich die EU-Mitgliedstaaten am Freitag mehrheitlich für das Freihandelsabkommen mit der südamerikanischen Staatengruppe Mercosur ausgesprochen haben, ist ein wegweisender Erfolg. Dass die Aushandlung 25 Jahre gedauert hat, zeigt, wie langsam und schwerfällig sich die EU bislang oft bewegt. Solche Trägheit wird für sie nun zur existenziellen Bedrohung. Die EU muss sich zügig neue Partnerschaften sichern.
Mit seiner Reise nach Indien kann Bundeskanzler Friedrich Merz diese Woche wesentliche Vorarbeit zur Vertiefung der strategischen Partnerschaft zwischen Europa und dem Subkontinent leisten. Der EU-Indien-Gipfel Ende Januar wird eine entscheidende Phase der Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen einläuten.
Beim Ausbau ihrer Wirtschaftsbeziehungen muss die EU pragmatisch vorgehen. Die EU kann es sich nicht leisten, Handel nur mit den Staaten zu betreiben, deren Werte sie teilt. Gleichzeitig darf die EU dem weltweiten Rückgang der liberalen Demokratie nicht tatenlos zusehen. Angesichts der aktuellen Politik und Rhetorik der Trump-Regierung können die USA immer weniger als Wertepartner Europas betrachtet werden. Die EU muss daher neue strategische Bündnisse schmieden, um die Werte zu verteidigen, auf denen sie gegründet wurde.
Denkbar wäre etwa eine D7-Demokratieallianz zwischen der EU, Großbritannien, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und Kanada, wie sie der ehemalige Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vorschlägt. Ein Netzwerk, das sich nicht nur symbolisch zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekennt, sondern diese Werte auch durch wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit in die Tat umsetzt – auf der Basis von Vertrauen, verbindlichen Regeln und Transparenz.
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