100 Jahre Marcel Reich-Ranicki : Widerspruch unbedingt erwünscht

„Weiter, nächste Frage“: Eine persönliche Erinnerung zum 100. Geburtstag des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki.

Leidenschaftlicher Zeigefinger. Marcel Reich-Ranicki während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin, 2003.
Leidenschaftlicher Zeigefinger. Marcel Reich-Ranicki während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin, 2003.Foto: imago

Es ist erst sieben Jahre her, dass Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main starb. Doch kommt es einem, da sich sein Geburtstag an diesem Dienstag ein hundertstes Mal jährt, wie eine Ewigkeit vor. Ob das damit zu tun hat, dass die Medien immer schneller geworden sind? Damit, dass die Literaturkritik ihrer Wirkmacht auf dem Buchmarkt zunehmend verlustig gegangen ist?

Dass die Literaturkritik sich überhaupt anders darstellt und keinen mehr wie ihn hervorgebracht hat, einen Kritiker, der gleichermaßen Instanz wie Reizfigur war, eben der Großkritiker schlechthin? Oder liegt es daran, dass Marcel Reich-Ranicki schon zu Lebzeiten, in seinen letzten ein, zwei Lebensjahrzehnten, kaum noch als Literaturkritiker hervorgetreten ist?

Mit der 1999 veröffentlichten Autobiografie „Mein Leben“ hatte er die Seiten gewechselt; mit der Erzählung seiner wechselvollen, fast exemplarisch das unglückselige 20. Jahrhundert repräsentierenden Lebensgeschichte war er zu neuem Ansehen gelangt.

Nun erschloss sich seinem Publikum, wie der Literaturkritiker sich lange Zeit als Außenseiter fühlen musste; was es für ihn bedeutete, nirgendwo wirklich dazuzugehören, gerade auch, als er als Holocaustüberlebender 1958 aus Polen in die Bundesrepublik übersiedelte – und wie er stets diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit verspürte. Seine ultimative, wenn auch virtuelle Heimat wurde so die Literatur, sein „portatives Vaterland“.

Popstar der Kritik, Herausgeber von Büchern - aber Kritiker?

Als ich Marcel Reich-Ranicki das erste Mal live auf einer Bühne erlebte, in Berlin in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden, war er gerade 85 Jahre alt geworden, das 2001 eingestellte Literarische Quartett war da schon ein paar Jahre Geschichte.

Er saß mit seinem Biografen Uwe Wittstock auf der Bühne und kam mir zunächst wie ein ferngesteuertes Wesen vor, das etwas Anlauf brauchte, um seine aus dem Fernsehen bekannte Entertainerqualität zu entwickeln, um sich als der „Popstar der Kritik“ zu präsentieren, als den Wittstock ihn in seiner Biografie bezeichnet hat.

Ich schrieb eine längere Kritik in der „taz“, kritisierte insbesondere die an Apodiktik nichts zu wünschen übrig lassende, etwas schlichte Daumen-rauf-Daumen-runter Literaturkritik von Reich-Ranicki gerade im Quartett und dass er selbst nurmehr als Herausgeber von Büchern und nicht mehr als Kritiker in Erscheinung treten würde.

Und schlussfolgerte, dass seine Lebensgeschichte und Medienpräsenz seine literaturkritische Arbeit inzwischen überstrahle.

Erstaunlicherweise reagierte Reich-Ranicki auf den Artikel kurz darauf in seiner Kolumne „Fragen Sie Reich-Ranicki“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Er bedankte sich, „herzlichst“ sogar – und zählte von ihm kürzlich erst verfasste Rezensionen auf, dass er nach wie vor die Gedichtinterpretationsserie „Frankfurter Anthologie“ in der „FAZ“ betreue und er seit Jahren an der Auswahl seines Kanons der deutschsprachigen Literatur sitze, einer tatsächlich monumentalen Arbeit.

Am Ende zitierte er den Leiter des Literaturteils der „Zeit“, Ulrich Greiner, der über ihn geschrieben hatte, dass er, Reich-Ranicki, Widerspruch liebe, ihn dieser herausfordere, „grimmig und fröhlich“ mache. Womit Reich-Ranicki gleichzeitig seine wohlwollende Reaktion auf den „taz“-Text erklärte.

"Dieses blöde Klischee, ich sei ein Feind der Literatur von Frauen!"

So kam es, dass ich ein Jahr später die Gelegenheit bekam, ihn zuhause in Frankfurt in der Gustav-Freytag-Straße im Stadtteil Dornbusch zu besuchen und zu interviewen. Der Anlass: Der Abschluss seines riesigen Kanons mit dem sechsteiligen Essay-Band, der gerade veröffentlicht worden war. Der Tag war ein grauer, trüber, der Himmelfahrtstag 2006.

Als Reich-Ranicki mir öffnete, in Anzughose und Strickjacke, machte er einen heiteren, aufgeräumten Eindruck, ohne sich groß auf eine längere Plauderei vorab einzulassen. Er bat mich ins Wohnzimmer, nahm in seinem verstellbaren schwarzen Ledersessel Platz, ich rechts von ihm, die Haushaltshilfe brachte Kaffee, und gegenüber von uns auf dem Sofa saß seine Frau Teofila und rauchte.

Er wollte gleich loslegen, unter anderem seiner Enttäuschung darüber Ausdruck geben, wie gering das Echo auf seinen Kanon bislang gewesen sei. Mit zunehmender Ungeduld spürte er jedoch, dass ich mit meinem Aufnahmegerät, einem iPod mit Mikrofonaufsatz, nicht zurecht kam, es funktionierte nicht.

Als ich vorschlug, das Gespräch einfach so zu führen, schüttelte er den Kopf, „das geht nicht!“. Er stand auf, „einen Augenblick“, ging ins Badezimmer und kam mit einer Chromdioxid-II-Kassette und einem alten Kassettenrekorder zurück: fünf Tasten, eine für „Play“, eine für „Rec“, bitte zur Aufnahme beide zugleich drücken.

„Los, fragen Sie!“, bestimmte er dann, durchaus vergnügt, auch als ich auf die Geschlechterungleichheit in seinem Kanon zu sprechen kam. „Dieses blöde Klischee, ich sei ein Feind der Literatur von Frauen“, sagte er, nannte 32 Lyrikerinnen und 33 Erzählerinnen, die bei ihm vorkommen würden (sowie Anna Seghers als einzige Romanautorin) und erwähnte einen von ihm 1998 herausgegebenen Band „Frauen dichten anders“ mit 181 Gedichten von Frauen.

"Zu Handke kann und will ich mich nicht äußern"

Thema beendet, „weiter, nächste Frage“, trieb er mich an. Zu den Literaturdebatten jener Tage jedoch wollte Reich-Ranicki nicht viel sagen. Etwa zur seinerzeit von Volker Weidemanns Buch „Lichtjahre“ ausgelösten Gnostiker-Empathiker-Debatte („Ich bin strikt dagegen, dass man bestimmte Modelle von vornherein verbietet“) oder zu dem Streit, den es wegen Peter Handke und dem ihm aberkannten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf gab. „Zu Handke kann und will ich mich nicht äußern.“

Nach dem Interview standen wir noch kurz im Wohnzimmer herum. Ich betrachtete die Bibliothek neben seinem Ledersessel mit den Werkausgaben von Mann und Brecht, Musil und Kafka – und seinen Kanon-Bänden. Er schenkte mir dann eine Ausgabe seines Buches „Lauter Verrisse“ von 1970, aus der Piper-Reihe „Roter Schnitt“ (blaues Cover, mit tatsächlich vollständig rotem Seitenanstrich).

Darin gesammelt übrigens nicht nur die teils durchaus amüsanten Verrisse von, wie man inzwischen weiß, unbedeutenden Büchern bedeutender Autoren wie Günter Grass, Peter Härtling, Günter Herburger, Günter Kunert oder Peter Weiss, (und, neben Helga M. Novak als eine von nur zwei Autorinnen, wieder einmal Anna Seghers), sondern auch ein Marcel- Reich-Ranicki-Verriss von Peter Handke aus dem Jahr 1968.

Dieser endete damit, dass Reich-Ranicki „der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem“ sei.

Als „Gebot der Fairness“ erschien Reich-Ranicki die Hereinnahme dieses Handke-Verrisses in sein eigenes Buch, „wenn auch nicht ohne Überwindung“ – auch weil er seine eigenen Verrisse immer „als entschiedene, vielleicht sogar leidenschaftliche Bejahung“ eben der Literatur in ihrem Kern verstand.

Warum er mir ausgerechnet dieses seiner Bücher in die Hand drückte? Schwer zu sagen. Als ich ein paar Stunden später, in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft sitzend, das Buch zückte und herumzeigte, fiel mir auf, dass ich die Aufnahmekassette und den iPod in der Gustav-Freytag-Straße liegengelassen hatte.

"Schreiben Sie verständlich, denken Sie ans Publikum"

Kein Problem alles, „kommen Sie halt wieder vorbei“, hieß es am Telefon, und so saß ich an diesem Himmelfahrtstag abermals im Wohnzimmer mit den Reich-Ranickis. Nun gab es zum Kaffee auch Kuchen und Kekse, und doch war es jetzt etwas anderes, kam das Gespräch nur schwer in Gang.

Reich-Ranicki wollte Neuigkeiten aus dem Betrieb hören, die ich spontan nicht hatte. Ich traute mich auch nicht, mehr Fragen zu stellen. In Erinnerung dieses Nachmittagsbesuchs ist mir, dass Teofila Reich-Ranicki sich nun ihrerseits zur polnischen Literatur äußerte, nachdem ihr Mann Stunden zuvor bei dem Thema Frauen in der Literatur gesagt hatte, dass das in Polen nie ein so großes Thema wie in Deutschland gewesen, die Rolle der Frauen in der polnischen Literatur seit über hundert Jahren eine bedeutende sei.

Um die Kritik als solche ging es ebenfalls noch einmal. Reich-Ranicki sprach davon, beim Leser Bedürfnisse wecken zu wollen, nicht bei den Kollegen, die wenige Resonanz auf seinen Kanon hin oder her. Und riet mir zum Abschied: „Schreiben Sie verständlich, denken Sie ans Publikum, langweilen Sie nicht!“

Lesenswert seine Goethe-Essays

Es war dies eine lebenslange Maxime von ihm, in seinen Texten sowieso. Besonders aber, als er 1973 die Leitung des Literaturteils der „FAZ“ übernahm und alles andere als begeistert war von den Rezensionen, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hatte: „Die meisten waren umständlich und langatmig geschrieben, sie stammten zu großen Teilen von Rezensenten, denen allem Anschein nach nicht das mindeste daran gelegen war, von den Lesern verstanden zu werden“, erinnerte Reich-Ranicki sich in „Mein Leben“.

Und wie schrieb er es 2006 in der Einführung zum Essayband seines Kanons: „Der Feuilletonist vergisst die Leser nie und will unbedingt ihr Interesse wecken. Aber anders als der Essayist versucht er, seine Bildung zu verbergen.“

Wer Texte aus Feuilletons zum Beispiel der achtziger Jahre wiederliest, wird schnell merken, wie diese sich von denen der nuller Jahre und heute unterscheiden, um wie viel besser und klarer diese heute geschrieben sind. Marcel Reich-Ranicki war also selbst in dieser Hinsicht eine Art Trendsetter, und es ist wirklich ein lehrreiches Vergnügen, zum Beispiel seine „Bemerkungen über Literaturkritik in Deutschland“, die dem „Lauter Verrisse“-Buch vorangestellt sind, zu lesen, seine Goethe-Essays, seinen „Fall Heine“ undundund. So mag die Zeit über ihn als Großkritiker und Fernsehstar hinweggegangen sein – über seine Texte, sein literaturkritisches Werk ist sie das zu großen Teilen nicht, die sind so lesbar wie eh und je. Und an seiner Leidenschaft für die Literatur, an der lässt sich sowieso ewig ein Beispiel nehmen.

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