10000 Objekte wandern ins Humboldt Forum : Freie Universalität Berlin

Was soll aus dem Museumsstandort Dahlem werden? Eine Arbeitsgruppe hat Ideen für einen lebendigen Forschungscampus entwickelt.

Wo der FC Dahlem spielt. Der elegante Betonbau von Fritz Bornemann in der Lansstraße wurde als Völkerkundemuseum errichtet.
Wo der FC Dahlem spielt. Der elegante Betonbau von Fritz Bornemann in der Lansstraße wurde als Völkerkundemuseum errichtet.Foto: Ullstein Bild via Getty Images

In einem Jahr ist es geschafft. Dann werden jene 10000 Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die fürs Humboldt Forum ausgewählt wurden, begutachtet, gereinigt, dokumentiert, verpackt und nach Mitte abtransportiert sein. Für den Sommer 2021 ist die erste Eröffnungsetappe der außereuropäischen Sammlung am Schlossplatz geplant, im Herbst die zweite. Und in Dahlem, wo die beiden Museen zuletzt ihren Sitz hatten, wird das großzügige Foyer dann nicht mehr mit Umzugskisten vollgestellt sein, sondern von Menschen bevölkert.

So jedenfalls erhoffen es sich Patricia Rahemipour und Alexis von Poser. Sie sind Sprecherin und Sprecher einer Arbeitsgruppe, die sich innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz darum bemüht, den Museumsstandort im Südwesten Berlins wachzuküssen. Seiner ursprünglichen Funktion ist der Gebäudekomplex zwar beraubt, doch er hat eine Zukunft als lebendiger Forschungscampus, davon sind Rahemipour und von Poser überzeugt.

Auf Südseeschiffen herumkraxeln

Viele Berlinerinnen und Berliner verbinden schöne Kindheitserinnerungen mit dem Ende der 1960er Jahre als Völkerkundemuseum errichteten Bau von Fritz Bornemann: weil man dort unter anderem auf Südseeschiffen herumkraxeln durfte. Bornemann, der auch die Amerika-Gedenkbibliothek entworfen hat, die Freie Volksbühne und die Deutsche Oper, war der internationalen Moderne verpflichtet, seine Bauten sind klar, streng, geradlinig und sehr urban. Eine Ästhetik, die heute wieder geschätzt wird.

Auch darum wollten viele Menschen den Kulturort in Dahlem nicht kampflos aufgeben, als bekannt wurde, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach dem Abzug der außereuropäischen Sammlungen dort ausschließlich Depots und Restaurationswerkstätten plante. Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) verbleibt zwar in der Villenkolonie, doch es ist nicht im eleganten Bornemann-Bau untergebracht, sondern im rückwärtigen Teil der Anlage, einem düsteren, 1921 vollendeten Neoklassik-Kasten.

Nach vielen, oft hitzig geführten Bürgerforen wurde eine „Potenzialanalyse“ des Geländes in Auftrag gegeben, die eruieren sollte, wie sich die Bedürfnisse der forschenden Wissenschaftler mit dem Interesse an einer Zugänglichkeit des Hauses vereinbaren lassen. Mit ihrer Forderung, die seit 2017 leer stehenden Räume jungen Künstlerinnen und Künstlern zur kreativen Zwischennutzung zu überlassen, konnten sich die bürgerlichen Aktivisten dagegen nicht durchsetzen.

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Die Potenzialanalyse, die eine „Campus-Achse“ vorsieht, auf der man den Komplex durchqueren kann, ist nur ein erster Schritt. Ihr muss eine Machbarkeitsstudie folgen, aus der dann verschiedene bauliche Varianten entwickelt werden, die nach reiflicher Abwägung und Analyse wiederum zu einer Kostenprognose führen. Mit anderen Worten: Hier handelt es sich um eines jener Projekte, für die die Bürokratie die euphemistische Bezeichnung „mittelfristig“ erfunden hat. Zumal die Zuständigkeit auch noch beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung liegt.

Die Gruppe innovationsfreudiger Museumsleute, die sich selber FC Dahlem nennt, will so lange nicht warten. Die sieben Frauen und Männer investieren jetzt schon in den Standort – und zwar das, was sie gerade zur Hand haben: ihre Expertise und ihre Leidenschaft. Anders als beim Humboldt Forum könnte es im Berliner Südwesten also passieren, dass tatsächlich zuerst die Inhalte feststehen, bevor über das architektonische Drumherum entschieden wird. Form folgt Funktion.

Die Gedankenarbeit leisten sie im Nebenberuf

Patricia Rahemipour ist im Hauptberuf Direktorin des Instituts für Museumsforschung, Alexis von Poser stellvertretender Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Und auch die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe leisten die Gedankenarbeit für den Forschungscampus neben ihren eigentlichen Jobs.

Weil sie Lust auf Teamarbeit haben, weil sie spüren, dass aus ihrem gemeinsamen Spirit tatsächlich etwas Innovatives entstehen kann. Ein Ort nämlich, an dem sich nicht nur die verschiedenen Ethnologien treffen, sondern auch diverse wissenschaftliche Ansätze zusammen gedacht werden.

Denn beim FC Dahlem geht es nicht nur um Sprint und Marathon, also um die Ideenfindung und die anschließende architektonische Umsetzung, hier wird auch wie bei einem Sportverein in vielen verschiedenen Disziplinen trainiert. „In der ersten gemeinsamen Sitzung brauchten wir viel Zeit, um uns erst einmal über die Definition von Begrifflichkeiten zu verständigen“, erzählt Patricia Rahemipour. „Denn ein und dasselbe Wort kann ja in unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen durchaus unterschiedliche Bedeutungen annehmen.“

In den gewaltigen Depots lagern eine Million Exponate

Natürlich wird der allergrößte Teil der in Dahlem zur Verfügung stehenden 38000 Quadratmeter der Wissenschaft vorbehalten sein. Neben den gewaltigen Depots – das Ethnologische Museum sowie das Museum für Asiatische Kunst entsenden nur einen Bruchteil ihrer rund eine Million Exponate ins Humboldt Forum – soll der Forschungscampus auch eine neue „Spezialbibliothek der Kunst und Kulturen der Welt“ beherbergen. Auf 230 000 Bände summieren sich die Bestände der drei volks- und völkerkundlichen Museen.

Dazu kommen Forschungslabore unter anderem für das Rathgen-Institut, das darauf spezialisiert ist, die Echtheit von Kunstwerken zu bestimmen und das derzeit noch in Charlottenburg beheimatet ist. Außerdem werden jede Menge Büros gebraucht, nicht zuletzt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums Europäischer Kulturen, die bislang noch nicht dort arbeiten dürfen, wo ihre Objekte gezeigt werden, sondern in einem Annex des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz untergebracht sind.

Schon ab dem kommenden Jahr will das Team vom FC Dahlem dann auch wieder den Kontakt zu den Bürgern suchen – in der Hoffnung, dass die sich nicht nur im Kampf um den Standort engagiert haben, sondern auch zu den geplanten Lectures und Ausstellungen kommen werden. Im Foyer soll ein Begegnungsort mit Café entstehen, ein Platz, der ebenso für die Studierenden aus den umliegenden Instituten der Freien Universität zum Treffpunkt werden kann.

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Im Untergeschoss gibt es einen bestens ausgestatteten Kino- und Vortragssaal, wo Einblicke in die Sammlungsschwerpunkte sowie aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert werden können. Außerdem sollen dort die Gäste aus aller Welt zu Wort kommen, denen der Forschungscampus ermöglicht, historische Artefakte aus ihren Heimatregionen zu begutachten, die im Zuge des Kolonialismus in die Berliner Sammlungen gelangten.

Pikant ist in diesem Zusammenhang, dass der Bornemann-Bau an der Lansstraße liegt. Die ehrt einen deutschen Offizier, der sich bei der Niederschlagung des sogenannten „Boxeraufstandes“ im Jahr 1900 auf der Halbinsel Shandong im Osten Chinas als besonders brutaler Imperialist erwiesen hat.

Das Kriegsschiff "Iltis" ist Namenspate

Die angrenzenden Straßen sind zudem nach seinem Kriegsschiff „Iltis“ sowie dem damals eingenommenen Taku-Fort benannt. Eine gut gemachte Infotafel am Straßenrand erklärt zwar bereits die geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, doch es werden sicher noch viele Diskussionen folgen über die Verbrechen der Europäer in den Kolonialgebieten.

Ein besonders attraktives Projekt der Arbeitsgruppe ist das Ausstellungsformat „10 Objekte aus 10 Blickwinkeln“, das die Idee der populären Humboldt-Box weiterdenkt. Für die Besucher soll hier sinnlich nachvollziehbar werden, wie unterschiedlich der Zugang der Fachleute zu ein und demselben Kunstgegenstand sein kann, von der naturwissenschaftlichen Untersuchung bis hin zur kulturhistorischen Einordnung. „Ziel der Museumsarbeit ist immer die Übersetzung von Wissenschaft“, sagt Alexis von Poser. „Für mich ist darum jede Ausstellung ein ,Denken im Raum‘.“

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