200 Jahre Jacob Burckhardt : Renaissance eines Europäers

Vor 200 Jahren wurde der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt geboren. Seine Heimatstadt Stadt Basel feiert den Jubilar mit Veranstaltungen und Aktionen.

Tobias Schwartz
Jacob Burckhardts Ideenkosmos wird im Historischen Museum in Basel mit digitalen Mitteln beleuchtet.
Jacob Burckhardts Ideenkosmos wird im Historischen Museum in Basel mit digitalen Mitteln beleuchtet.Foto: Historisches Museum Basel

Auch wenn Basel der Ort ist, an dem Jacob Burckhardt die meiste Zeit seines Lebens weilte und wirkte, war Berlin Schauplatz seiner beruflichen Initiation. 1839 kam der „Erfinder der Kulturgeschichte“ als Student in die preußische Hauptstadt und hörte Vorlesungen bei Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen oder Jacob Grimm. Berlin konnte der Schweizer, der unsere Vorstellungen von kultureller Vielfalt maßgeblich prägen sollte, wenig abgewinnen, er fand es langweilig. Aber hier fasste er den Entschluss, der Geschichte und Kunstgeschichte sein Leben zu widmen: „Ich hatte meine Wissenschaft auf Hörensagen hin geliebt und nun trat sie plötzlich in gigantischer Grösse vor mich.“

Jacob Burckhardt wurde am 25. Mai 1818 in Basel geboren und starb dort 1897. Aus Berlin kehrte er über Umwege zurück in seine Heimatstadt, wurde Professor für Geschichte und Kunstgeschichte und verfasste Klassiker wie die „Griechische Kulturgeschichte“ oder „Die Cultur der Renaissance in Italien“, ein Standardwerk, auf das die Vorstellung von der Renaissance als Schwelle zur Moderne zurückgeht und auf das sich noch heute Renaissance-Darstellungen wie etwa Bernd Roecks „Der Morgen der Welt“ beziehen. Zum 200. Geburtstag erscheint es nun als Bandvier in der auf 27 Bände angelegten Kritischen Gesamtausgabe seiner Schriften.

Die Stadt Basel feiert den Jubilar mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und Aktionen. An Litfaßsäulen und Stromkästen etwa hängen Plakate mit seinem Porträt und markanten Zitaten. Neben Filmen, Vorträgen, Diskussionen und Performances gibt es neuerdings auch einen Stadtrundgang auf seinen Spuren. Vieles erinnert in Basel an Burckhardt, dessen Porträt den 1000-Franken-Schein ziert. Wer mit dem Zug anreist, kommt bereits kurz vor dem Hauptbahnhof am von Hans Zwimpfer entworfenen kolossartigen Jacob-Burckhardt-Haus vorbei, das an der Mündung der unscheinbaren Jacob-Burckhardt-Straße steht und in seinen lichten Innenhöfen zeitgenössischer Kunst Raum gibt. Für die hatte der Namensstifter seinerzeit allerdings wenig übrig, auch wenn er zeitweilig den Basler Künstler Arnold Böcklin förderte. Seine Leidenschaft, die übrigens auch eine Sammelleidenschaft war, galt historischen Werken.

Burckhardt besaß die Gabe, seine Gegenstände sinnlich zu beschreiben

Burckhardts Geburtshaus steht nicht mehr. Begraben liegt er, etwas außerhalb, auf dem Friedhof am Hörnli. Vor der Aula der neuen Universität ist eine Burckhardt-Büste von Artur Volkmann aufgestellt. Im Historischen Museum in der Barfüsserkirche findet sich unter den Exponaten der Schreibtisch des Gelehrten, ein spartanisch-zweckmäßiges Möbel in schlichter Biedermeierform, das seinem bescheidenen Lebensstil und strengen Arbeitsethos entspricht. Von 1866 bis 1892 wohnte er in der St. Alban-Vorstadt 64, worauf heute eine am Haus angebrachte Tafel aufmerksam macht.

Das Münster, Wahrzeichen der Stadt, von dessen Rheinseite aus man auf den Schwarzwald blickt, passierte der Professor auf dem Weg zu seiner Vorlesung an der Alten Universität. Dort lehrte auch der Burckhardt-Verehrer Friedrich Nietzsche, der in ihm „unseren großen, größten Lehrer“ sah. Heute beherbergt das Gebäude die kulturwissenschaftliche Fakultät sowie das Bildforschungsinstitut Eikones.

Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt
Der Kulturhistoriker Jacob BurckhardtFoto: Wikipedia

Vor dem Münster entstand die berühmte Fotografie, die Burckhardt mit einer Bildermappe unterm Arm zeigt. Sie enthält das Material, mit dem er, heutige Powerpoint-Präsentationen vorwegnehmend, Vorlesungen illustrierte. Burckhardt war ganz wesentlich ein Erzähler, der die Gabe besaß, seine Gegenstände – von der Kultur der Antike bis in die Renaissance und darüber hinaus – sinnlich zu beschreiben. Gleichzeitig liefert er sachkundige Hintergründe zur Vertiefung, ohne die wahrer Kunstgenuss seiner Ansicht nach unmöglich sei.

Burckhardt zu würdigen heißt auch, ihn zu kritisieren

Neben der „Cultur der Renaissance in Italien“ ist es vor allem der „Cicerone“ (1855), der durch seine Anschaulichkeit besticht und dem interessierten Italienreisenden noch immer als Kunst-Reiseführer dienen könnte. Nicht umsonst nennt der Verfasser sein die Sparten Architektur, Skulptur und Malerei abhandelndes Buch „eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens“.

Aber nicht jede Beschreibung darin ist nach heutigen Maßstäben korrekt. Mitunter tendiert Burckhardt zur Fiktionalisierung, wenn er etwa „durch die offenen Trümmerhallen“ von Paestum im Süden Italiens „von fern das blaue Meer“ schimmern lässt – man sieht es von dort nicht schimmern. Es ist die Sinnlichkeit, auf der er vor dem Hintergrund eines rein rationalen Weltverständnisses beharrt, auch wenn er dabei die Faktentreue gelegentlich vernachlässigt. Was zählt, ist der Gesamteindruck.

Burckhardt zu würdigen, heißt auch, ihn zu kritisieren. Auf den Basler Plakaten etwa geschieht das durch Schüler, die die abgedruckten Zitate jeweils in Form einer SMS-Blase kommentieren. „Alles elitäres Gelaber“, heißt es dort einmal. Burckhardt polarisiert aber auch auf andere Weise. Grund dafür sind politisch mitunter heikle Ansichten und auch ein Antisemitismus, der zwar nicht in seinen Werken, aber doch in Briefen Ausdruck findet. Für den Historiker Fritz Stern war Burckhardt allerdings „bloß“ ein „konventioneller Antisemit“. Dessen größte Errungenschaft sah Stern in der Entdeckung der Krise als geschichtswissenschaftlicher Gegenstand.

Vor allem an Burckhardts „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ (1905), die jetzt als Jubiläumsausgabe neu erscheinen und in denen er politisch-gesellschaftliche Umbrüche ausleuchtet, scheiden sich die Geister. Sicher, Burckhardt war konservativ, antidemokratisch und antiliberal. Er war aber auch antikapitalistisch, antimilitaristisch (ein Grund, warum ihm vor dem preußischen Berlin graute) und antinationalistisch, ein Europäer, der grenzüberschreitend, wenn nicht grenzüberwindend dachte.

Konstruktiv über die Gegenwart nachdenken

Der Basler Historiker Lucas Burkart, der aus Anlass des Jubiläums eine virtuelle Installation im Historischen Museum Basel angeregt hat, in welcher der Besucher per Joystick durch die Welt des großen Kulturreisenden navigieren kann, plädiert dafür, ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen: „Als Historiker mit ihm umzugehen, wäre ganz in seinem Sinn. Wer Geschichte an gegenwärtigen Standards misst, vertritt einen ahistorischen ‚Totalitarismus der Gegenwart‘. Dagegen wehrte sich schon Burckhardt. Ihn zu lesen, trägt dazu bei, konstruktiv über die Gegenwart nachzudenken.“

Jacob Burckhardt heute angemessen in einen Zusammenhang zu stellen, gelingt der grandiosen Ausstellung „Basel Short Stories“ im Kunstmuseum Basel, die verschiedene Persönlichkeiten der Stadtgeschichte von Erasmus von Rotterdam über Maria Sibylla Merian bis zum LSD-Erfinder Albert Hofmann thematisiert. Jacob Burckhardt hat hier einen eigenen Raum. Dort ist die Piranesi-Radierung des Pantheons zu sehen, die über seinem Schreibtisch hing, Wolfgang Tillmans fotografische Auseinandersetzung mit dem antiken Motiv des „Dornausziehers“ oder die inzwischen einem Nachfolger zugeschriebene Kopie von Leonardo da Vincis „Der hl. Johannes der Täufer“, die sich in Burckhardts Besitz befand und die er selbst noch für ein Original gehalten hatte.

Jacob Burckhardt: „Die Cultur der Renaissance in Italien“, C. H. Beck, München 2018, 724 Seiten, 148 Euro. Jacob Burckhardt: „Weltgeschichtliche Betrachtungen“, C. H. Beck, München 2018, 301 Seiten, 16,95 Euro. Infos zu Basel und Burckhardt: www.jacobburckhardt.ch

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