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6000 Jahre Zivilisation. Bedroht durch den Bürgerkrieg, der nun auch Aleppo erreicht hat.

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Syrien: Aleppos Weltkulturerbe steht auf Messers Schneide

Es droht das Schlimmste: Aleppo bildet momentan das Zentrum des Bürgerkriegs in Syrien. Die uralte Metropole der Kultur und des Handels ist bedroht - und mit ihr die Menschen, die dort leben.

Ja, man kann Götter retten. So frisch in Erinnerung ist die sensationelle Tell-Halaf-Ausstellung im Pergamonmuseum, die Wiedergeburt bestürzend schöner Statuen aus einem Land, das heute im Norden Syriens liegt. Im Zweiten Weltkrieg hatten Bomben die archäologischen Artefakte in Schutt und Asche gelegt, die Götter vom Tell Halaf waren ein Berliner Trümmerberg. Bis sie Jahrzehnte später in geduldigster Kleinarbeit wieder zusammengesetzt und ergänzt wurden. Hunderttausende Besucher haben das Meisterwerk der Restauratoren auf der Museumsinsel bewundert.

Dort sahen sie die große schwarze Statue, die Göttin von Aleppo mit ihrem archaischen Lächeln. Als Leihgabe aus dem Nationalmuseum von Aleppo ist die dreitausendjährige Schöne nach Berlin gekommen, wurde aufgefrischt und repariert und nach der Tell-Halaf-Präsentation, deren stummer Star sie war, in ihre Heimatstadt zurückgebracht. Dort hockt sie wie eine Geisel. Vielleicht wurde sie zur Sicherheit fortgeschafft. Man weiß nichts, es gibt kaum zuverlässige Nachrichten aus der bedrohten Stadt.

Das Assad-Regime in Damaskus hat die Rückeroberung Aleppos zur „Mutter aller Schlachten“ ausgerufen. Ein Todesurteil für tausende, zehntausende Zivilisten. Aleppo hat über zwei Millionen Einwohner, hunderttausende sollen geflohen sein. Westliche Regierungen warnen vor einem Massaker. Assad lässt die Rebellen, die Aufständischen, die Freiheitskämpfer, die Dschihadisten – man weiß gar nicht, wie man sie nennen soll – mit Kampfhubschraubern und schwerer Artillerie beschießen. Der Krieg in Syrien kennt keine Zivilisten.

Orte wie Homs, Hama, Hula sind in diesem Gemetzel zu Symbolen für Assads Ruchlosigkeit und Menschenverachtung geworden. Dort haben die Truppen und Milizen des Diktators mit den Fledermausohren Frauen und Kinder hingerichtet. Aleppo aber, wo Ähnliches droht, ist noch einmal eine besondere Stadt. Aleppo wird in unseren Medien meist als Wirtschaftsmetropole hervorgehoben. Es ist vor allem aber eine Kulturstadt, eine Schnittstelle der Zivilisationen.

Die Geschichte Aleppos ist voller Geschichten

Der Souk ist riesig, ein kilometerlang überdachter Markt.

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Von hier blickt man 6000 Jahre zurück, lassen sich viele Geschichten erzählen. Von Abraham, der hier auf dem Weg nach Kanaan sein Vieh weidete. Alexander der Große nahm die Stadt ein, die christlichen Kreuzfahrer scheiterten vor ihren Mauern. Römer und Byzantiner waren hier, islamische Gelehrte und Mystiker, Kalligrafen und Musiker liebten Aleppo, das seit jeher von der zyklopischen mittelalterlichen Zitadelle überragt wird. T. E. Lawrence stieg im legendären Hotel Baron ab, das allerdings schon vor dem Bürgerkrieg tief in den Mythos abgesunken war.

Vor anderthalb Jahren noch gab es eine Direktverbindung von Tegel nach Aleppo; ein Dreistundenflug in eine Stadt der vielen Völker und Religionen, wie ahnungslos haben wir das genossen. In einer Gasse der Altstadt drängen sich armenische, orthodoxe, syrisch-katholische, maronitische Gotteshäuser eng aneinander. Der christliche Anteil der Bevölkerung wird auf zwölf Prozent geschätzt, die überwiegende Mehrheit bilden die Sunniten. Das alte Aleppo mag nicht so malerisch sein wie die Altstadt von Damaskus, doch auch hier gibt es eine große Omaijaden-Moschee und einen Souk, in dem man sich stundenlang verlaufen kann und wo es nicht nur indische, sondern auch viele einheimische Waren gibt. Bis vor kurzem war noch zu spüren, was die Stadt durch die Epochen so groß gemacht hat: der Handel.

Die Regierung meldet Erfolge, die Aufständischen dementieren

Wie eine Sphinx blickt die Göttin von Aleppo.

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Wie hilflos, wie makaber ist es angesichts der Bilder und Nachrichten aus Syrien, die berühmten Seifenmacher von Aleppo zu erwähnen? Im Krieg aber stirbt nicht nur die Wahrheit zuerst, es sterben mit den Menschen auch die Dinge, die sie herstellen, von denen sie leben, die Güter, deretwegen man sich an sie erinnert. Der libanesische Künstler Walid Raad zeigt in einer Installation auf der Documenta in Kassel Reste von Farben und Formen. Denn auch die Dinge, sagt er, leiden, sie ziehen sich zurück, suchen in anderen Dingen Unterschlupf, wenn Krieg herrscht, Bürgerkrieg.

Seit Tagen wird in und um Aleppo erbittert gekämpft. Assads Medien melden die Rückeroberung eines Stadtteils, die Rebellen bestreiten dies. Man mag sich nicht vorstellen, was das bedeutet: die Rückeroberung eines dicht bewohnten Viertels in einer belagerten Metropole, der in der sommerlichen Wüstenhitze Wasser und Strom ausgehen, Lebensmittel und Medikamente. „O Wohnung, über deren Räume der Morgen lächelnd hereinbricht, lachend seine weißen Zähne zeigend.“ So lautet eine Inschrift im Aleppo-Zimmer aus dem 17. Jahrhundert. Die Holztäfelungen sind ein Prunkstück des Berliner Museums für Islamische Kunst. Ja, man kann Götter retten. Aber die Menschen und ihre Städte nicht.

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