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Ma Rainey (Viola Davis) bei der Aufnahme ihres Hits in Chicago. An der Trompete Levee Green (Chadwick Boseman, links).
© David Lee/NETFLIX

Netflix-Film mit Chadwick Boseman: Als der Blues in den Norden kam

In „Ma Rainey’s Black Bottom“ brilliert Viola Davis in der Rolle der großen Bluessängerin. Und Chadwick Boseman hat seinen letzten fulminanten Auftritt.

Von Andreas Busche

Der Hintern der Bluessängerin Gertrude „Ma“ Rainey war nicht besonders schön. Aber legendär. So legendär, dass ihr Name Ende der zwanziger Jahre zum Synonym für einen neuen Modetanz wurde, der mit dem Exodus der afroamerikanischen Bevölkerung aus dem Süden der USA auch seinen Siegeszug in den weißen Industriemetropolen im Norden antrat: Black Bottom. Keiner beherrschte den Black Bottom wie Ma Rainey.

Ihre Texte waren anzüglich und gespickt mit sexuellen Anspielungen, dazu ließ sie lasziv ihr mächtiges Hinterteil kreisen, das das Publikum – männlich wie weiblich – in Ekstase versetzte. Ma Rainey war ein Star: wegen ihrer Reibeisenstimme, ihres Hinterns und dafür, dass sie das weiße Musikbusiness in die Tasche steckte.

Adaption des amerikanischen Dramatikers August Wilson

Künstlerinnen auf ihre körperliche Attribute zu reduzieren, ist natürlich wenig schmeichelhaft, um nicht zu sagen: problematisch. Die schwarze Popmusik aber hat seit jeher ein entspanntes Verhältnis zum weiblichen Hintern, vom Blues-Klassiker „Ma Rainey’s Black Bottom“ über Betty Davis’ Funk-Nummer „Don’t Call Her No Tramp“, Sir Mix-a- Lots Hommage „Baby Got Back“ bis zu den Rapperinnen Cardi B. und Megan Thee Stallion.

Der Blues mag auf den Plantagen in den Südstaaten entstanden sein, aber er war auch das erste Musikgenre, in dem die Kopulation mehr („He hadn’t up till yesterday“, Sophie Tucker, 1928) oder weniger explizit („I wonder who’s boogeyin’ my woogie now“, Oscars's Chicago Swingers, 1936) besungen wurde. Was natürlich wieder mit der Segregation zu tun hatte: Afroamerikaner mussten im Jim-Crow-Amerika unter sich bleiben.

Wenn Viola Davis in der Netflix-Adaption „Ma Rainey’s Black Bottom“ des amerikanischen Dramatikers August Wilson mit dem Hintern wackelt, schwingt in der ausladenden Hüftbewegung also ein ganzes Repertoire schwarzer Musikgeschichte mit. Die Oscar-Preisträgerin (für ihre Rolle in „Fences“, ebenfalls eine Wilson-Verfilmung) ist unter Schichten von furchteinflößendem Make-up, Prothesen und Fettpolstern kaum zu erkennen, ihr höhnisches Lächeln entblößt eine gefährliche Reihe vergoldeter Vorderzähne.

Gewöhnlich ist dieser Mummenschanz ein billiger Schlüsselreiz, um die Oscar-Academy auf sich aufmerksam zu machen. Aber man muss es auch erst mal schaffen, den ganzen Plunder so stolz zu paradieren wie Davis; she owns it, wie es so treffend im Englischen heißt.

Ins Aufnahmestudio in Chicago platzt Ma Rainey mit einer kleinen Entourage, darunter ihre deutliche jüngere Gespielin (Taylour Paige) – und einer Stunde Verspätung. Ihren Manager Irvin (Jeremy Shamos) schickt sie erst mal weg, um eine Cola zu besorgen, und den Studiobesitzer weist sie zurecht, dass ihre Songs ihr gehören. Und niemandem sonst!

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Sie genießt es, die Menschen um sich herum zu brüskieren, es ist auch ein Machtspiel. Im Studio tritt Ma Rainey als Boss, Diva und „Mother of Blues“ in Personalunion auf, auf der Straße aber wird sie von der Polizei auch nicht anders behandelt als alle anderen Schwarzen im Amerika der zwanziger Jahre.

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist der zweite Teil von August Wilsons Pittsburgh-Zyklus über die black experience im 20. Jahrhundert. Der Nachlass des 2005 verstorbenen Dramatikers gilt als Heiligtum afroamerikanischer Kulturgeschichte, ähnlich verehrt wie die Texte von Langston Hughes und James Baldwin, die vitalistische Harmonielehre Charlie Parkers oder die schmetterlingshafte Anmut von Muhammad Ali.

„Ich bin ihnen egal. Alles, was sie wollen, ist meine Stimme“

Vor fünf Jahren vertraute Wilsons Familie Denzel Washington dieses bedeutende Gesamtwerk an, nach seiner Regiearbeit „Fences“ hat er diesmal aber nur produziert. Regisseur George C Wolfe kommt wie Wilson vom Theater, doch anders als Washington, der sich bei seiner Inszenierung allein auf sein Darsteller-Ensemble verlassen hat (und konnte), verfügt Wolfe auch über ein Gespür für den Rhythmus, den Sound und Witz von Wilsons Sprache – wobei sicher hilft, dass die Musik in dem Kammerspiel eine tragende Rolle spielt.

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Überstrahlt wird Davis’ Auftritt nur noch von dem im August verstorbenen Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle. Für einen kleinen Film wie „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist das fast schon zu viel Vermächtnis: der Black Panther und August Wilson. Sein Levee Green hat „Swag“, zu den Aufnahmen erscheint der junge Trompeter mit gerade gekauften gelben Schuhen und Neuinterpretationen von Ma-Rainey-Hits.

Der Blues ist im Norden angekommen, wo das weiße Publikum nichts über den Kampf der Schwarzen in Amerika weiß, der aus jeder Note klingt. Sie wollen bloß tanzen. Levees flotte Kompositionen sollen den Blues für weiße Ohren gefälliger machen, aber Ma Rainey sieht in dem Großstadt-Hipster, der zudem schamlos um ihre Geliebte herumscharwenzelt, bloß einen großmäuligen „Sellout“. Sie schätzt ihre gesellschaftliche Stellung realistischer ein: „Ich bin ihnen egal. Alles, was sie wollen, ist meine Stimme.“

Wie Baldwin kommt Wilson erst posthum zu Hollywood-Ehren

„Ma Rainey’s Black Bottom“ erscheint zu einem interessanten Zeitpunkt. In Wolfes Verfilmung kommen drei Phasen schwarzer Unterhaltungskultur zusammen. Ma Raineys Rolle im segregierten Musikgeschäft der Zwanziger, als der Begriff der race music entstand, steht der Erwartungshaltung an Filme wie „Ma Rainey’s Black Bottom“ geradezu diametral entgegen. Dazwischen rangiert Wilson als literarische Koryphäe, der wie James Baldwin erst posthum zu Hollywood-Ehren kam. (Auch die einzige Toni-Morrison-Verfilmung über 20 Jahre zurück.)

Mit Viola Davis und Chadwick Boseman in den Hauptrollen, sowie Washington als Produzenten, ist „Ma Rainey’s Black Bottom“ darum auch mehr als ein typisches Musik-Biopic. Der Film spiegelt die Erfahrungen Wilsons, der unter den Bedingungen der Kulturindustrie der achtziger Jahre die Selbstbehauptung der ersten schwarzen Künstlerin in den Anfängen der amerikanischen Populärmusik schilderte, in den gegenwärtigen Umbrüchen der US-Filmbranche. Die ist heute in ihrem Selbstverständnis als zeitgemäße Unterhaltungsform auf die Stimmen von People of Color angewiesen.

Diese historischen und aktuellen Markierungen finden sich in der selbstgewissen Physis von Davis wie auch im aufschneiderischen Jive Bosemans wieder, dessen Wortgefechte mit seiner Band (darunter Black-Cinema-Veteran Glynn Turman) Wilsons Sprache eine polyphone Melodik verleihen. Hier wird Geschichte geschrieben, aufgezeichnet von klobigen Wachszylindern im Aufnahmestudio. Doch auch in der Popmusik gilt: die Sieger machen die Regeln. Natürlich wird Levees populärer Version der race music am Ende der Blues ausgetrieben. Von einer weißen Swingband.

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