Andy Serkis über sein Regiedebüt : „Zur Wahrheit gehört Magie“

Andy Serkis spielte Gollum und King Kong. Jetzt gibt er mit der Filmbiografie „Solange ich atme“ über Robin Cavendish sein Regiedebüt.

Pioniere im Kampf um Inklusion. Claire Foy spielt Diana, Andrew Garfield den später an Polio erkrankten Robin Cavendish.
Pioniere im Kampf um Inklusion. Claire Foy spielt Diana, Andrew Garfield den später an Polio erkrankten Robin Cavendish.Foto: Square Entertainment

Mr. Serkis, als Schauspieler sind Sie für Ihre Rollen als Gollum in „Herr der Ringe“, „King Kong“ und zuletzt als Primaten-Anführer Caesar in „Planet der Affen“ bekannt. Die Filme wurden im computeranimierten Performance-Capture-Verfahren gedreht. Ihr Regiedebüt „Solange ich atme“ ist hingegen ein Projekt, das fast ganz auf Computereffekte verzichtet.

Das ist Zufall, keine Abwendung von der Technik. Eigentlich sollte „Jungle Book“ mein Regiedebüt werden, den wir komplett im Performance-Capture-Verfahren realisiert haben. Der Film war schon in der Post-Produktion, als Disney seinen „Dschungelbuch“-Film herausbrachte. Dadurch mussten wir unseren Start auf Herbst 2018 verschieben und in der Zwischenzeit habe ich „Solange ich atme“ gedreht. Ich habe also hintereinander einen CGI-Film und einen Realfilm gemacht.

Und welches Verfahren bevorzugen Sie?

Es war bei „Solange ich atme“ ein gutes Gefühl, sich direkt nach dem Dreh die Aufnahmen anschauen zu können und nicht eineinhalb Jahre warten zu müssen, bis die visuellen Effekte fertig sind. Ich konnte mich auch mehr auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren. Das habe ich sehr genossen. Aber ich mag beide Arbeitsweisen.

„Solange ich atme“ erzählt die Lebensgeschichte von Robin Cavendish, der Ende der Fünfziger an Polio erkrankt, fortan vom Hals abwärts gelähmt ist und sich mithilfe seiner Frau Diana Stück für Stück mehr Bewegungsfreiheit erkämpft. Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Mein Vater ist Arzt und hat in Bagdad ein Krankenhaus gegründet. Meine Mutter hat Kinder mit Behinderungen unterrichtet. Meine Schwester leidet an Multipler Sklerose. Das Thema Krankheit und Behinderung hat mich mein Leben lang begleitet. Der Produzent des Films, Jonathan Cavendish, ist der Sohn von Robin und Diana und ein guter Freund von mir. Sein Vater hat darum gekämpft, trotz seiner starken Behinderung wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu bekommen. Er hat das Krankenhaus auf eigenen Wunsch verlassen, und das war damals im Jahr 1959 für einen an Polio Erkrankten, der an einem Beatmungsgerät hing, eine ungeheuer mutige Entscheidung. Robin und Diana haben in ihrem Kampf um Mobilität wirklich Pioniergeist bewiesen. Begriffe wie Behindertenrechte oder Inklusion gab es damals noch nicht. Die beiden waren echte Exzentriker, die der Katastrophe ins Gesicht lachten.

Im Vorspann heißt es nicht wie üblich „Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten“, sondern „Was nun folgt, ist wahr“. Wie genau nehmen Sie es mit der Wahrheit?

Viele Filme behaupten, „nach einer wahren Begebenheit“ entstanden zu sein. Aber was für eine Wahrheit ist das? Eine kollektive Erinnerung? Eine filmische Adaption? Oder nutzt der Regisseur die Quelle nur, um etwas Eigenes zu sagen? Wir haben eng mit der Familie zusammengearbeitet, um eine emotional authentische Erzählung ihrer Geschichte auf die Leinwand zu bekommen. Dazu gehört auch, dass der Film anfangs wie ein Liebesfilm aus den sechziger Jahren aussieht. Diese Märchenfantasie passt zu der Art, wie Robin und Diana ihr Leben vor der Erkrankung gelebt haben. Das Publikum soll von Anfang an wissen, dass es hier um eine emotionale Wahrhaftigkeit geht, zu der eben auch ein Funken Magie gehört.

... und ein leiser, sehr britischer Sarkasmus, mit dem sich die beiden den Widrigkeiten ihres Lebens stellen.

Humor ist die erste Verteidigungslinie, um mit solchen Katastrophen umzugehen, und Sarkasmus ist der Versuch, die Kontrolle über eine scheinbar ausweglose Situation zurückzugewinnen.

Ist „Solange ich atme“ auch die Geschichte eines Mannes, der gezwungen wird, seine traditionelle Rolle aufzugeben?

Robin Cavendish war eine ausgeprägte Führungspersönlichkeit. Als Brigade-Kommandant im Zweiten Weltkrieg und als Kapitän im Kricketteam war er es gewohnt, das Kommando zu übernehmen. Für einen solch maskulinen Typen war es besonders schwer, Verantwortung abzugeben. Diana hat sich deshalb bemüht, dass er etwa bei Partys mit seinem Rollstuhl in den Mittelpunkt gerückt wurde und er als Gastgeber erstrahlen konnte, auch wenn sie die ganze Arbeit geleistet hatte.

Andy Serkis
Andy SerkisFoto: REUTERS/Mario Anzuoni

Wenn Sie als Schauspieler mit dem Performance-Capture-Verfahren arbeiten, ist die Körpersprache das zentrale Ausdrucksmittel. Nun erzählen Sie die Geschichte eines Mannes, der seiner Körpersprache vollkommen beraubt wird.

Es hat mich fasziniert, dass Robin seine ganze körperliche Energie in seinen Intellekt, seinen Humor und seine Mimik konvertieren musste. Ich bin ein rastloser Mensch, vielleicht fühle ich mich deshalb dieser Figur so verbunden. Robin hat sich immer wieder neue Projekte ausgedacht, die ihn trotz seiner widrigen Situation am Leben hielten. All die Erfindungen, die er gemacht hat, um mobiler zu werden, sind das Ergebnis eines rastlosen Verstandes, der nicht aufhören will zu arbeiten.

Sind Schauspieler die besseren Regisseure?

Auf jeden Fall sind sie sensibler. Schauspieler möchten sich selbst in die Figur einfinden, sie eigenständig entdecken und nicht nur als Marionette agieren. Als Regisseur vertraue ich zunächst deren Instinkten und greife erst ein, wenn sie nicht die Story erzählen, die es zu erzählen gilt.

Werden Sie auch in Zukunft als Schauspieler und Regisseur zwischen Realfilm und Computeranimation wechseln?

Ich möchte beides machen können, kleinere Dramen ohne technischen Aufwand und große Popcorn-Movies. Ich bin auch weiterhin Fan des Performance-Capture-Verfahrens. Es ist das egalitärste Instrument, das das Kino des 21.Jahrhunderts zu bieten hat. Es kommt nicht darauf an, welches Geschlecht man hat, wie groß oder alt man ist. Egal wie man aussieht, man kann mithilfe dieser Technik jede Figur spielen: ein kleines, dünnes Männlein wie Gollum oder einen riesigen Gorilla wie Caesar. Es kommt nur darauf an, dass man die Figur von innen heraus zum Leben erweckt. Die Technik versetzt uns in die Lage, uns aus dem Gefäß befreien, in das wir hineingeboren wurden.

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