Antonio Ortuños Roman „Die Verschwundenen“ : Im Kreis der Gewalt

Korruption, Drogenhandel, Mord: Antonio Ortuños Roman „Die Verschwundenen“ spielt in der Unterwelt von Guadalajara.

Antonio Ortuño, geboren 1976 in Guadalajara.
Antonio Ortuño, geboren 1976 in Guadalajara.Foto: Lisbeth Salas

Guadalajara ist eine Millionenstadt im Westen Mexikos. Hier gibt es Bauunternehmen, die schmutziges Geld reinwaschen, Korruption unter Polizisten und Journalisten sowie ein Gewaltspektrum, das von Betrug über Vergewaltigung bis Mord reicht. All das steht in „Die Verschwundenen“, dem neuen Roman des Mexikaners Antonio Ortuño.

Aurelio Blanco hat 15 Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen – aus Loyalität zu seinem kriminellen Schwiegervater und kaum erwiderter Liebe zu Frau und Tochter. Nun kehrt er zurück in jenen „Kreislauf von Ausbeutung, Demütigung und Unterwürfigkeit, den die anderen ‚Stadt‘ nannten“. Diese Stadt ist unschön – so wie Neapel, Kiew, Marseille oder Mumbai.

Dort finden sich ähnliche Verbrechenskulturen und soziale Milieus. Da der Roman auch stilistisch unauffällig bleibt, bietet er statt ästhetischen Mehrwerts nur die Erkenntnis, dass das Unschöne eine globale Angelegenheit ist. Das freilich ahnte man schon. Schade. Ortuños vierter Roman „Die Verbrannten“, 2015 als erster von ihm ins Deutsche übersetzt, war ein zwischen Krimi und Politreportage schillerndes Stück Literatur. Eine Geschichte lateinamerikanischer Flüchtlinge, die auf ihrem Weg in die USA Mexiko als Transitland passieren und dort Gewalt und Erniedrigung ausgesetzt sind. Vielschichtig und verstörend war dieses Buch. Es folgte „Madrid, Mexiko“, ein Panorama mexikanisch-spanischer Befindlichkeiten, das von spanischen Bürgerkriegsexilanten bis in die Gegenwart reichte – und mit dem Ortuño etwas zu viel wollte. Mit dem neuen Roman will er entschieden zu wenig.

Dass „Die Verschwundenen“ nahezu zeitgleich im Original und der deutschen Übersetzung erscheint – wie bei Weltbestsellern verbreitet – liegt wohl daran, dass Ortuño derzeit als DAAD-Stipendiat in Berlin lebt. Sonst müsste man es Hybris nennen.

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen. Roman. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Verlag Antje Kunstmann, München 2019. 256 Seiten, 20 €.

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