Aphex Twin live in Berlin : Alles muss zerhäckselt werden

Techno-Revolutionär Aphex Twin spielte eine bombastische Überwältigungsshow im Funkhaus Berlin.

Giacomo Maihofer
Richard David James alias Aphex Twin zeigt sich ungern und wenn verzerrt.
Richard David James alias Aphex Twin zeigt sich ungern und wenn verzerrt.Foto: Weirdcore

Es braucht nur den Ansatz seines Pferdeschwanzes, das zitternde Logo auf den Leinwänden, damit die Menge im überfüllten Saal der Industriehalle des Funkhaus Nalepastraße frenetisch jubelt. Aphex Twin, der Mann, den manche als „Mozart des Techno“ handeln, ist erschienen. Er legt Spuren ins Darknet oder lädt hunderte Tracks auf die Musikplattform Soundcloud, um sie dann wieder zu löschen. Mythen, die über ihn kursieren: Er habe einmal in London mit Mixer und Sandpapier aufgelegt, er fahre einen Panzer und lebte zeitweise in einer verlassenen Bank. Ach ja, und er schreibt seine Musik in luziden Träumen.

Tausende starren erwartungsvoll auf den geheimnisvollen Altar aus Leinwänden, hinter dem sich ihr Held versteckt. Manche sind extra aus Brooklyn hergeflogen für seine erste Berlin-Show seit 15 Jahren, die seit Monaten ausverkauft ist. Graubärtige Rave-Veteranen, junge Hipster, Hip-Hopperinnen in Hoodies, tätowierte Metalheads – es ist ein wild durchmixtes, internationales Publikum. Alte Radiogespräche sind zu hören, ein langsam sich darunter legender Bass. Ein Beben kriecht von der Brust in die Beine.

Komplexe Rhythmen und betörende Synth-Fragmente

Fast ein Jahrzehnt war der 1971 geborene Ire Richard David James untergetaucht, um 2014 mit dem großartigen Album „Syro“ zurückzukehren. Diesen Sommer folgte die EP „Collapse“ (Warp). Ihr Titel scheint programmatisch für Aphex Twins neue Schaffensphase zu stehen. Die Experimente dieses Revolutionärs des Elektronik-Genres erforderten immer eine gewisse Schmerztoleranz, belohnten Geduldige aber mit einem der faszinierendsten Soundarchive der letzten Dekaden. Hier stehen Tracks, die sich anfühlen wie Panikattacken auf Ritalinüberdosis neben Balladen auf präparierten Pianos, hochkomplexe Rhythmen, betörende Synth-Fragmente und geheimnisvolle Stimmen. Sie sind durchdrungen von den Visionen seiner Vorbilder John Cage und Erik Satie, den Geist des Acid und Ambient. James prägte diese Genres in den Neunzigern und transzendierte sie gleichzeitig.

Doch was bleibt vom Pionier in der Rolle der Kultfigur? Der frühe Aphex Twin wollte mit seiner Kunst den Raum der Nostalgie sprengen, mit seinem Comeback findet er sich als Sehnsuchtsfigur des Techno in ihm eingesperrt. Er steht für eine Goldene Ära des Aufbruchs: Tanzen in Bauruinen, die Neuerfindung des Klangs, eine Szene abseits des Kommerzes, der Experimente und ideologischen und körperlichen Befreiung. Die Industriehalle fängt diese historische Aura gut ein.

Seine animierte Fratze legte sich über die Gesichter der Konzertgäste

James nutzte stets Chaos und Schockeffekte, um die Erwartungen an ihn zu unterlaufen. An diesem Abend wird das aber zur Parodie ohne Pointe. Er spielt sich durch ein Set, das kaum eigene Stücke enthält, dafür alles verzerrt und zerhäckselt, ein Klangbombast, bollernde Breakbeats, geißelnde Synths, Bassstampeden. Ein 160-bpm Marsch durch die Ruine Techno, eine Zeremonie der Zerstörung, begleitet von einer Laser- und Lichtshow ständig wechselnder Farben. Auf den Monitoren legt sich seine computeranimierte Fratze, von jeher Teil seiner audiovisuellen Verstörungsmaschinerie, über die Gesichter von Gästen.

Deutsche C-Promis erscheinen später darin, geometrische Formen, vermutlich eine Kapitalismus- und Medienkritik, die aber nur wie postmoderner Kitsch wirkt. Am geschmacklosesten ist das, als Daniel Küblböck auftaucht, der seit seinem Sturz von einem Kreuzfahrtschiff verschollen und wahrscheinlich tot ist. Eine digitale Welt, in der die Realität zerfällt. Sie wirkt wie eine billige Nachahmung der Post-Internet-Art Ryan Trecartins.

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Aphex Twin war einst seiner Zeit voraus, jetzt steckt er mittendrin, ist vergangene Gegenwart, ihr billiger Schockeffekt. Vielleicht ist das die neueste Verwandlung des Großmeisters der Metamorphosen, sein Alterswerk: der Geburtshelfer des Techno als sein Todesengel, der Trollkönig trollt seine Vermarktung. Vielleicht ist Aphex Twin auch dabei sein eigener Bildschirmschoner mit Epilepsiewarnung zu werden. Man kann darüber rätseln. Wert ist es das aber nicht.

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