Art Basel Hongkong : Der Wille, verwundbar zu bleiben

Die 7. Art Basel Hongkong verknüpft den asiatischen mit dem westlichen Kunstmarkt.

Eva Karcher
Stand der Berliner Galerie Société mit Arbeiten der Künstlerin Lu Yang.
Stand der Berliner Galerie Société mit Arbeiten der Künstlerin Lu Yang.Art Basel

Am Stand von Urs Meile im Hongkong Convention Centre der Art Basel setzt sich ein älterer Herr an den Tisch. Eine Sekunde später taucht Kuratorenikone Hans Ulrich Obrist auf, begrüßt den 1940 in Sichuan geborenen, weltberühmten Künstler Qiu Shihua und stellt ihn der Rezensentin vor. Es sind solche Zufallsbegegnungen, die Messen zu Kommunikationsbeschleunigern machen. René Meile, der Sohn des Schweizer Galeristen mit Standorten in Luzern und Peking, der als einer der ersten Brückenbauer zwischen den Kulturen gelten kann, zeigt mir die monochrom wirkenden, hellen Gemälde Qius (90 000 bis 160 000 Dollar), hinter deren cremefarbenen Schleiern sich erst bei längerer Betrachtung zarte Landschaften herauskristallisieren.

Wahrnehmung als meditativer Prozess ist eine Qualität der östlichen Kultur mit ihrem zyklischen statt linearen Verständnis von Zeit, das den Westen prägt. Deren führende Galeristen, egal ob Megaplayer oder Newcomer, vertreten inzwischen alle mindestens einen asiatischen Künstler, was die immer zahlreicheren Sammler aus der Region honorieren, indem sie zunehmend die Werke beider Kulturen erwerben. Über die Hälfte der 242 Galeristen aus 35 Ländern, die dieses Mal in Hongkong teilnehmen, stammen aus Asien und dem Asien-Pazifik-Raum oder haben dort Repräsentanzen.

Steigende Umsätze, trotz Verlangsamung des Marktes

Mit neuen Räumen etablieren sich in dieser vor Eröffnungen, Abendessen und Empfängen schier berstenden Woche der belgische Händler Axel Vervoordt und die Galerie Lévy Gorvy, die nach New York und London rund 250 Quadratmeter im St.-George’s-Hochhaus in Hongkong Central eröffnen. „Wir machen hier immer mehr Umsätze“, erklärt Brett Gorvy und bestätigt damit Iwan Wirth von Hauser & Wirth, der von einem Umsatzanteil von „20 Prozent in Asien“ spricht, „trotz einer Verlangsamung des asiatischen Markts“. Die Soloschau mit musealen Werken ihrer Starkünstlerin Louise Bourgeois verkaufte die Galerie am Tag der Vernissage zu Preisen zwischen 250 000 und 4 Millionen Dollar. Die Verkäufe auf der Messe selbst liefen wohl ebenso blendend – genannt wurden Platzierungen einer abstrakten Landschaft von Zeng Fanzhi für eine „Multimillionensumme“ oder eines kleinformatigen Werkes von Mark Bradford für 2 Millionen Dollar.

Solche Ergebnisse ergeben sich meist aus intensiver Vorarbeit und festen Reservierungen von Werken im Vorfeld der Messe, weshalb auch viele andere Händler bei der Preview entspannt blickten. Allen voran David Zwirner, der seinen Stand neu hängte, weil er nahezu alle Arbeiten verkauft hatte, darunter mehrere dekorativ-kraftvolle Skulpturen der Schweizerin Carol Bove (400 000 bis 500 000 Dollar), oder Thaddaeus Ropac, der unter anderem ein Gemälde von Georg Baselitz für 1,6 Millionen Euro weitergab. Zufrieden äußern sich auch die zahlreich anwesenden Berliner Galeristen, Buchholz, neugerriemschneider, Sprüth Magers, Isabella Bortolozzi, Gisela Capitain, König, Nagel Draxler, Meyer Riegger, Kraupa-Tuskany Zeidler oder Daniel Wichelhaus von Société.

BMW schickt Nachwuchskünstler auf weltweite Forschungsreise

Im Sektor für Entdeckungen jüngerer Positionen präsentiert Wichelhaus die 1984 in Schanghai geborene Multimediakünstlerin Lu Yang mit der halluzinogen-parodistischen Inszenierung „Cyber Altar“ aus einer Fünf-Kanal-Videoarbeit (40 000 Dollar) und vier Leuchtkästen (je 16 000 Dollar). Es geht um buddhistische Gottheiten, die die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde verkörpern und Menschen mithilfe von „Brainology“, einer Art Stimulation des Nervensystems in Form irrlichternder Farb- und Soundimpulse, von ihren Qualen zu erlösen suchen.

Zusammen mit den Künstlern Clarissa Tossin und Shen Xin ist Lu Yang für die Shortlist der BMW-Art-Journey-Künstler nominiert. Seit 2015 schickt das Unternehmen Nachwuchskünstler auf weltweite Forschungsreisen, so auch den letztjährigen Preisträger, den 1988 in Neuseeland geborenen Zac Landon-Pole. Der sitzt in der BMW Lounge neben dem ersten „Art Car“ von Alexander Calder aus dem Jahr 1975 und erzählt, wie er für sein Projekt „Sutures of the Sky“ (Wundnähte des Himmels) unter anderem den Flugbahnen von Zugvögeln folgte, die schon polynesischen Eingeborenen als Wegweiser über die Meere dienten.

„Willing to be vulnerable“ heißt die riesige, mit Polyesterfolie ummantelte Skulptur eines Zeppelins (200 000 Dollar), mit dem die koreanische Künstlerin Lee Bul auf der Messe im für monumentale Formate reservierten Encounters-Sektor an das Hindenburg’sche Luftschiff erinnert und an die Zerbrechlichkeit von Utopien. Draußen, im M+ Pavilion des noch im Bau befindlichen M+ Museumskomplexes im gigantischen WestKowloon-Kulturareal macht der vietnamesisch-dänische Künstler Danh Vo mit einer Hommage an den japanisch-amerikanischen Künstler Isamu Noguchi die Verletzlichkeit von Beziehungen sichtbar. Universelle, existenzielle Themen findet man hier überall.

Bis Sonntag, www.artbasel.com

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