Art Laboratory Berlin : Kunst in der Petrischale

Wie nimmt wohl ein Wurm die Welt wahr? Im Art Laboratory Berlin verbinden sich naturwissenschaftliche Forschung und Kunst.

Frederic Jage-Bowler
Das „Silkworm Project“ von Vivian Xu.
Das „Silkworm Project“ von Vivian Xu.Foto: Art Laboratory Berlin

Seit der Begriff des Experimentellen Einzug in die Kunst genommen hat, ist er kaum aus ihr wegzudenken. Émile Zola beispielsweise verstand seine Romane als experimentelle Offenlegung der sozialen und natürlichen Ursachen, welche das Schicksal seiner gebeutelten Protagonisten lenkten. Experimentelle Musik forschte mit stets neuen Verfahren ergebnisoffen nach unerhörtem Klang. Von solch real-wissenschaftlichen Ansprüchen haben sich viele Kunstszenen lange entfernt. Trotzdem wird Kunst – kaum wird sie als unkonventionell oder anders empfunden – gerne und als „experimentell“ bezeichnet.

Dass das nicht so sein muss, zeigt die in Wedding angesiedelt Kunst- und Forschungsplattform Art Laboratory Berlin. Hier fanden in den letzten Jahren Ausstellungen und Konferenzen über Beziehungen, Schleimpilze und Nicht-menschliche Körperteile statt. Überhaupt geht es in der Bio Art, wie sich die hier vertretene Richtung nennt, oft um die experimentelle Zusammenkunft von „Mensch“ und „Natur“. Dafür arbeitetet man schon länger mit wissenschaftlichen Institutionen, wie dem Institut für Biotechnologie an der TU und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte zusammenzusammen. Denn wie im Falle von Zolas literarischem Naturalismus soll der Name hier Programm sein, nicht bloß Metapher.

Ein solches Experiment bot sich kürzlich in Form des regelmäßig von der Galerie organisierten „Panke Life“ Workshops. Am schmutzigen nordberliner Panke-Ufer sollte im Wasser stochernd das „unsichtbare Leben“ entdeckt werden: Algen, Bakterien, Pilze.

Dies erfordere, so India Mansour, Mikrobiologin und einer der Leiterinnen des Workshops, zuerst einmal Einfühlungsvermögen: „Stellt Euch vor, ihr seid ein Mikro-Organismus. Wie würdet ihr diesen Ort wahrnehmen?“ Angestrengt unkontemplative Gesichter ließen ihren Blick am Ufer entlang schweifen. Die meisten Teilnehmer hatten einen kunst- oder mindestens geisteswissenschaftlichen Hintergrund. Mit der angeblichen Erhabenheit solcher Semi-Orte war es da natürlich nicht weit her. In der vorigen Woche hatte es stark geregnet, ein Nebenarm des Flusses war trotzdem wieder ausgetrocknet und legte Plastiktüten frei. Die verbliebenen Matschpfützen boten ideale Voraussetzungen für Mikro-Organismen. Die anwesenden Lebewesen, so kam man überein, dürften sich einigermaßen wohlfühlen.

Die "Stinkepanke" war lange unbegehbar

Ob das immer so war? Kurator Christian de Lutz erzählt, dass es im 19. Jahrhundert am Panke-Ufer viele Gerbereien gab. Die „Stinkepanke“ war lange Zeit, zumindest für uns Menschen, unbegehbar. Das änderte sich erst Ende des letzten Jahrhunderts. Im Rahmen eines EU-Projekts soll bald sogar der ursprüngliche Flussverlauf durch Mitte wiederhergestellt werden. Die zweite Hälfte des Workshops fand in den Räumlichkeiten eines benachbarten Kulturprojekts statt.  Wir blickten auf in Petrischalen isolierte Bakterien, die aussahen wie bunte Farbtupfer oder gelblich-schleimiges Wurzelwerk („wir haben noch keine Ahnung was da drin ist!“). Auch bastelten wir Winogradsky-Säulen, Mini-Ökosysteme zum Mitnachhause nehmen. Unter dem Mikroskop durften eigen Bodenproben betrachtet werden. Wenig überraschend,, dass ein ähnliches Programm vorherige Woche mit Schuldkindern stattgefunden hatte. Was hat das mit Kunst zu tun? De Lutz erklärt es so: „In dem Bereich in dem wir arbeiten, ist der Workshop selbst zu einem künstlerischen Medium geworden. Wir verstehen das als Nachfolge auf die Performance-Kunst, nur dass es anstelle eines Publikums Teilnehmer gibt, und einen Ethos des Gemeinsamen.“

Eine Woche später feiert eine neue Ausstellung im Art Laboratory Berlin Vernissage. Das „Silkworm Project“ von Vivian Xu hat es sich zum Ziel gesetzt, für besagte Seidenspinner eine bionische – das heißt halb biologisch-, halb mechanische – Maschine zu entwerfen. Die in Schanghai lebende Designerin bezieht sich damit auf die Jahrtausende alte chinesische Tradition der Serikultur, der quasi-industriellen Nutzung von Raupen zur Seidenherstellung. Indem sie jene in rotierende transparente Kapseln steckt, möchte Xu die Raumwahrnehmung der Tiere „hacken“ und sie dazu verleiten, ihre instinktiv gegebene Kokonform kreativ zu unterlaufen. Obwohl der technische Prozess derselbe bleibt, sieht jedes Resultat anders aus. Die Maschine mutet somit tautologisch an: hier die beherrschte Natur, dort das Insekt, das mutmaßlich selbst entscheiden kann. Ihr gehe es gerade nicht darum, der Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung aufzudrücken, so Xu. Vielmehr wolle sie herausfinden: Wie nimmt so ein Wurm seine Welt wahr? Wie unterscheidet sich seine Umwelt und sein subjektives Erleben von der eines Menschen?

Workshops rund ums gemeinsame Experimentieren

Klar ist jedenfalls, dass das, was wir Ästhetik nennen, bisher auf eine Handvoll überaus limitierte Sinnesorgane beschränkt worden ist. Die meisten Kunstformen lassen sich sogar einem privilegierten Sinnesorgan unterordnen. Das ist eines der Dinge, mit denen das Art Laboratory Berlin brechen möchte. Deswegen werden Workshops rund ums gemeinsame Experimentieren gefördert, deshalb steht hier das Künstler-Genie und seine traditionellen Formen so wenig im Zentrum. Letzte Bastion der Verbildlichung ist die Petrischale.

Xus Projekt bildet den ersten Teil einer Trilogie über die Baukultur von Insekten. Kollaborative Projekte mit Ameisen und Bienen, beide ebenfalls begnadete Architekten, sollen folgen. Begeistert erzählt sie von den Agrarkulturen der Ameisen oder dem quasi-demokratischen Abstimmungsverhalten in Bienenvölkern. „Ich interessiere mich gar nicht so sehr dafür, wie dieses Wissen angewandt werden könnte, eher dafür, was es über ihre Insekten-Perspektive verrät.“ Das klingt vielleicht mehr nach Grundlagenforschung als beabsichtigt. Experimentell bleibt es trotzdem. In einer Zeit, in der „Umwelt“-Themen so hoch im Kurs stehen, kann das Ziel ja nur sein, die Dinge gemeinsam etwas besser zu begreifen.

Art Laboratory Berlin, Prinzenallee 34 13359 Berlin, bis 14. Juli, Fr-So 14-18 Uhr

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