Atemberaubende Fresken von Romano : Italien feiert einen Giganten der Kunstgeschichte

Giulio Romano, Meister des Manierismus, wird an seiner Wirkungsstätte Mantua gefeiert. Ein Besuch in der südlichen Lombardei.

Ganz großes Kino. Der „Gigantensturz“ in der vollständig ausgemalten Sala dei Giganti des Palazzo Te ist künftig in virtuellem Feuerschein zu erleben.
Ganz großes Kino. Der „Gigantensturz“ in der vollständig ausgemalten Sala dei Giganti des Palazzo Te ist künftig in virtuellem...Foto: Bernhard Schulz

In wohl keinem Buch zur Kunstgeschichte Italiens fehlt eine Abbildung der Fresken im „Saal der Giganten“ in Mantua als Beispiel für den Manierismus, der auf die Hochblüte der Renaissance folgte.

Es war eine Kunst der Verzerrung und Übertreibung, auch der Ausschweifung und der Hässlichkeit nach den Renaissance-Idealen von Schönheit und Ebenmaß. Im herzoglichen Palazzo Te in Mantua sieht man aufgedunsene, glubschäugige Wesen, besagte Giganten, die unter berstenden Säulen und herumfliegenden Gesteinsbrocken verschüttet werden.

Wer wollte derlei in seinem Palast sehen?

Es ist eben nur ein Ausschnitt aus einem Gesamtkunstwerk, das sich in Form von Abbildungen gar nicht wiedergeben lässt. Der ganze Saal mit vollständig abgerundeten Ecken ist ein einziges Ereignis und zeigt, wie Göttervater Zeus respektive Jupiter, von seinem Thron herabgestiegen, gegen die aufrührerischen Giganten Blitze schleudert, die ihre Häuser und Bauten zu ebenjenem Einsturz bringen, unter dem sie mit verdrehten Augen und verzerrten Mienen gerade noch hervorlugen.

Und Jupiter, das ist natürlich der Herzog selbst, Federico II. aus dem Hause der Gonzaga, die Mantua seit 1329 zu einem ansehnlichen Staatswesen emporgeführt hatten, und, weil Federico in den ewigen Streitigkeiten zwischen den oberitalienischen Fürstentümern und dem deutschen Kaiser auf dessen Seite stand, von Karl V. mit der Herzogswürde ausgezeichnet wurde.

Im Mittelpunkt stehen die Fresken

Da ziemte es sich, anschließend große Vorhaben in Kunst und Architektur umzusetzen, darunter das Lustschloss Palazzo Te, damals außerhalb der Residenzstadt gelegen.

Der Palazzo Te steht im Mittelpunkt des Veranstaltungsprogramms „Mantua – Stadt des Giulio Romano“, das das erste Halbjahr 2020 überspannt. Eine Neuauflage der alle Aspekte seines Œuvres abdeckenden Ausstellung von 1989 ist leider nicht möglich.

[Mantua, Palazzo Ducale und Palazzo Te, bis 30. Juni. Im Verlag Electa liegt die Neuauflage des Katalogs von 1989 vor (auf Italienisch), 65 €. – Alle Veranstaltungen auf www.giulioromanomantova.it]

Künftig ist die einstige Ausgestaltung der Säle per Virtual Reality zu erleben. Multimedia-Stationen in der Mitte eines jeden Saales sollen außer der Raumillusion auch Geräusche und Gerüche der Giulio-Werkstatt darbieten.

Im Mittelpunkt stehen gleichwohl die Fresken. So eindrucksvoll sie sind, machten sie doch nur einen Teil der Inszenierung aus. So war der Giganten-Saal, dem Renaissance-Chronisten Giorgio Vasari zufolge, im Schein eines mächtigen Kaminfeuers zu erleben, dessen flackerndes Licht den Fall der Giganten als Bewegungsillusion vorspiegelte.

Die Wandgemälde wurden zu großen Teilen von Mitarbeitern der Giulio-Werkstatt ausgeführt, denen der bei Raffael geschulte Meister unablässig neue Vorlagen lieferte, die um so vieles feiner und dem klassischen Ideal näher sind als die breit hingepinselten Fresken im Palast.

Wegbereiter des Manierismus

Mantua ist heute eine Provinzstadt am südlichen Rand der Lombardei. Geblieben ist die einstige Pracht, sichtbar im Palazzo Ducale, einer der größten Palastanlagen Italiens und berühmt durch die Fresken des Meisters der Frührenaissance, Andrea Mantegna.

Gut zwei Generationen nach ihm wurde Giulio Pippi (1499-1546), nach seiner Heimatstadt Rom „Romano“ genannt, an den Herzogshof gerufen und wurde nicht nur zum Staatskünstler des Landes, sondern auch zum Wegbereiter und Meister des Manierismus. Er entwarf den 1535 fertiggestellten Palazzo Te und schmückte ihn aus, wie auch verschiedene Appartamenti im immer mal wieder umgebauten Herzogspalast, der geschützt hinter den künstlich geschaffenen Seen liegt, die die Stadt umgeben.

Atemberaubend

Im Herzogspalast ist in Vorbereitung der Giulio-Romano-Festlichkeiten die Renovierung der atemberaubenden „Galleria della Mostra“ nach Jahren endlich abgeschlossen worden, der mit 64 Metern Länge größten derartigen Galerie einer italienischen Residenz, in der der Fürst seine begierig gesammelten Antiken auszustellen pflegte.

So vieles auch aus dem einst überreichen Besitz des 1708 ausgestorbenen Hauses Gonzaga verloren gegangen ist – hier sind noch in allen Nischen römische Portraitbüsten bedeutender Männer zu sehen, an deren Noblesse sich die Renaissanceherrscher maßen.

Dem privaten Lebensbereich hingegen dienten die erotischen Zeichnungen, die Giulio in großer Zahl anfertigte und sogar im Druck verbreitete, ergänzt um passende Sonette des Dichters Pietro Aretino. Der Verweis auf Vorbilder im alten Rom und die Ansiedlung der Szenen in der Antike dienten dabei als augenzwinkernde Rechtfertigung.

Doch eine Generation später machte die Gegenreformation mit den Doktrinen des 1563 beendeten Konzils von Trient dem lüstern-lustvollen Spiel der höfischen libertins ein Ende. Giulio Romanos Epoche blieb eher Episode – aber von welcher Kraft, ist in Mantua zu erleben.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!