Atiq Rahimis „Heimatballade“ : Was es bedeutet, ein Verbannter zu sein

Erinnernde Selbstreflektion: Der afghanisch-französische Filmemacher und Autor Atiq Rahimi schreibt eine „Heimatballade“ über Exilierte.

Atiq Rahimi, geboren 1962 in Kabul, lebt seit 1984 in Frankreich.
Atiq Rahimi, geboren 1962 in Kabul, lebt seit 1984 in Frankreich.Foto: Hélène Bamberger / Opale / Ullstein

Man kennt ihn als Filmemacher und Autor betörend poetischer Romane, die in Afghanistan, dem Land seiner Herkunft, spielen. In „Heimatballade“ nimmt Atiq Rahimi nun das Schicksal derer in den Blick, die geflohen sind, mit nichts im Gepäck als ihrer Sprache und Kultur. Menschen, die davon träumen, dass im „Anderswo“ ein besseres Leben auf sie wartet. „Journal intime“ nennt sich diese erinnernde Selbstreflexion im Untertitel des Originals. Nach seinem Debüt „Erde und Asche“ tauschte er seine Muttersprache Farsi gegen das Französische ein.

Überraschend tritt Rahimi hier auch als Zeichner auf. „Kallimorphien“ nennt er seine anthropomorphen Zeichnungen. Meist sind es weibliche Figuren, in einem Schwung konturiert, so wie es Rahimi versucht hat, seit er als Junge in Kabul in diese Kunst eingeführt wurde. Sein Lehrer bestrafte ihn für diese Vermessenheit, indem er ihn mit sehr scharfen Klingen die Rohrfedern anspitzen ließ.

Im 30. Frühling seines Exils sitzt Rahimi nun in seinem Atelier in Paris und versucht darüber zu schreiben, was es bedeutet, ein Verbannter zu sein, ein Vertriebener, ein Verlorener. „Exil heißt, seinen Körper zurückzulassen“, zitiert er Ovid. Und damit auch seine Worte, seine Geheimnisse, Gesten. Diese Verschränkung von sprachlichen Zeichen und Körpern verfolgt Rahimi konsequent. Beginnend mit dem ersten Buchstaben des arabischen Alphabets – alif (Allah!) – imaginiert er Körperbilder. Schon in Kabul stellte er sich Gott groß und hager vor, wie ein alif. Und vielleicht auch einsam, denn ein alif kann mit keinem anderen Buchstaben verbunden werden.

Das eigene „Ich“ steht zu sehr im Vordergrund

1973 wird Rahimis Vater, Richter am Obersten Gericht Kabuls, verhaftet, weil er das „a“ aus Afghanistan getilgt und „Fghanistan“ zu einem „Land des Schreies und der Klage“ erklärt hatte. Nach langen Gefängnisjahren geht er mit seiner Frau nach Indien, die vier Kinder bleiben bei den Großeltern zurück. Exil wird für Atiq so früh zu einer Figur, die im Himmel verschwindet. 1978, nach dem von der Sowjetunion forcierten Putsch, geht auch er nach Indien.

Rahimi bürdet seiner „Heimatballade“ den Zitatenballast einer 3000-jährigen Kultur auf, ringt mit dem religiösen Erbe und mit linguistischen Theorien. Leider steht sein eigenes „Ich“ allzu sehr im Vordergrund. „Welcher Kultur gehöre ich an? Ich sehe nur Buchstaben“, schreibt er. Er habe den Schlüssel zu seinen Träumen verloren und sei ins Exil gegangen in der Hoffnung, sie wiederzufinden. Zwischendurch findet Rahimi schöne Bilder, um die Unbehaustheit von Exilierten zu beschreiben, aber sie treiben verloren zwischen Bildungsbrocken und selbstverliebten Betrachtungen. Das wirklich Irritierende sind jedoch die Erlösungshoffnungen, die er seinen Kallimorphien auferlegt. Die verlorene Bodenhaftung nach der Vertreibung aus der Gebärmutter, die verlorene Heimat Afghanistan? Welch ein Kitsch! Der Mangel und die Lücke werden naturalisiert: zu „Berg-Frauen“, die Rahimis Begehren versinnbildlichen. Die „kallimorphe Frau birgt in sich alle Buchstaben der Menschheit.“ Eine echte Männerfantasie.

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Atiq Rahimi: Heimatballade. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Ullstein, Berlin 2017. 192 Seiten, 18 €.

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