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Georg Kolbe schuf zahlreiche Bildnisse seiner Frau Benjamine. Eine Ausstellungsansicht aus dem Kolbe-Museum.
© Enric Duch

Ausstellung im Kolbe-Museum: Auf den Spuren von Benjamine

Zwischen Fiktion und Fakten: Die Künstlerin Iris Häussler enthüllt im Georg Kolbe Museum unbekannte Lebensgeschichten der Ehefrau des Künstlers.

Was war, was hätte sein können? Biografische Erzählungen sind immer Bewegungen auf dünnem Eis, getragen von Vermutungen, Fragmenten, Erinnerungen. Im Untergeschoss des Georg Kolbe Museums steht ein abgewetzter Lederkoffer. Gestopft voll mit Briefen von Benjamine Kolbe, der Ehefrau des Bildhauers, kam er 2020 zusammen mit 180 Nachlasskisten ans Haus. Die Enkelin war in Vancouver gestorben. Sie hatte sich lange gesträubt, die privaten Zeugnisse herauszugeben. Jetzt wird ausgepackt.

Zwei Jahre lang haben sich Forscherinnen darüber gebeugt, Intimes und Alltägliches entziffert, was Benjamine in ihrer flüssigen, selbstbewussten Handschrift notierte. Die zuvor nur im Spiegel unzähliger modellierter Porträts, Skizzen und Äußerungen des Künstlers bekannte Frau mit den schönen, ebenmäßigen Zügen bekommt völlig neue Facetten. Als Mensch in wechselnden Rollen tritt sie hervor: mal knabenhafter Parzival, mal fürsorgliche Mutter, gesundheitsbewusste Neue Frau oder psychisch angeschlagene Empfindsame.

Auch Unsympathisches, wie aristokratischer Dünkel und antisemitische Äußerungen, gehören, so Museumschefin Julia Wallner, zum schillernden Profil von „Ben“, wie sie genannt wurde. Die angehende Opernsängerin aus niederländischem Adel lernte den jungen Bildhauer 1901 in Bayreuth kennen. Für die große Bühne fühlte sich die spröde, in Gesellschaft oft schweigsame Frau nicht geschaffen. Aber: „Ich kann nicht ohne singen“, meinte sie. „Nur wenn ich arbeite, dann kenne ich mich.“

1909 reiste das Paar nach Paris, Nabel der Kunstwelt

In jeder Wohnung des Paares stand ihr Flügel. Auch nach ihrem Tod. Dieser hinterließ eine Leerstelle, die Kolbe mit Skulpturen von Trauernden zu füllen und zu verarbeiten suchte. Sein Atelierhaus, das heutige Museum nahe dem Waldfriedhof Heerstraße, wäre ohne Benjamine nicht entstanden. Er suchte diesen Bauplatz aus, um ihrem Grab nahe zu sein. Die Büste „Requiem“, nach ihrer Totenmaske geschaffen, stand wie ein Andachtsbild stets in seiner Nähe. Hat Benjamine sich mit nur 45 Jahren das Leben genommen? Die schon früh kursierenden Gerüchte lassen sich, so Wallner, auch durch den Nachlass nicht aufklären. Lücken bleiben, wie in jeder Biografie.

1909 reist das Paar nach Paris, damals Nabel der Kunstwelt. Hier kommt es zu einer bislang unbekannten Begegnung. Beim Aktzeichnen in der Académie de la Grande Chaumière lernt Kolbe die französische Malerin Sophie La Rosière kennen. Später im Café du Dwme gesellen sich Benjamine und das Aktmodell Florence Hasard dazu. Diese ist, wie sich herausstellt, selbst ebenfalls künstlerisch tätig und die Lebensgefährtin Sophies. Zahlreiche Werke der beiden Französinnen sind jetzt im Kolbe-Atelier zu betrachten.

Dass die Kunstgeschichte von ihnen bis 2016 keinerlei Notiz genommen hat, ist nicht den patriarchalischen Rezeptionsstrategien geschuldet. La Rosière und Hasard sind frei erfunden. Die in Kanada lebende Künstlerin Iris Häussler hat sie geschickt in die realen Überlieferungen der Moderne eingeflochten. Binnen kürzester Zeit verfängt man sich im Gewirr von Fakt und Fiktion. Und lässt sich nur zu gern immer tiefer hineinziehen.

Ein Foto von Benjamine Kolbe.
Ein Foto von Benjamine Kolbe.
© Kurt von Keudell, Archiv Georg Kolbe Museum

[„Kein Mensch kennt mich.“ Iris Häussler begegnet Benjamine Kolbe. Bis 29.5.2022, Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25. Täglich 10-18 Uhr]

Kunsthistorikerinnen wie die Kuratorin Marlene Gunia geben im Videointerview Auskunft über die Lebenssituation von Künstlerinnen damals. Gemälde werden enthüllt, geröntgt und fachkundig interpretiert, biografisch eingeordnet und anhand individueller Stilmerkmale zugeschrieben. Genau so funktioniert Kunstgeschichte, so schreiben sich Namen und Werke in die Überlieferung ein. Iris Häusslers kluge Konzeptarbeit führt es vor. Die am Bodensee 1962 geborene Künstlerin hat schon mehrere fiktive Charaktere, wie den emigrierten Bildhauer Joseph Wagenbach, erschaffen. Sie ersinnt nicht nur höchst detaillierte Lebensgeschichten, sondern fertigt gleich auch noch die materiellen Hinterlassenschaften eigenhändig dazu.

Seit es damit nach einer Ausstellung in Kanada viel Ärger gab, weil die Besuchenden der Fiktion auf den Leim gegangen waren und dies ungehörig fanden, spielt Häussler lieber mit offenen Karten. So halten es auch Wallner und ihre Kuratorinnen in Berlin. Die Werke von Florence Hasard hängen auf weinroter Wand. Statt teurer Leinwand nahm sie als Malgrund Holzbretter aus Möbeln. Strudelnde Strichlagen in changierenden Rottönen lassen intensive Körperfantasien entstehen. Mal scheinen die Motive ins Innere menschlicher Blutbahnen und Organe einzutauchen, mal werden weibliche Akte ausschnitthaft bearbeitet. Auch im Close-Up auf intimste Zonen.

Von homoerotischen Neigungen Benjamines war bisher nichts bekannt

Die im 1. Weltkrieg als Krankenschwester traumatisierte Hasard gab die Malerei später auf. Breiter vertreten ist Sophie de la Rosière, gleichwohl fragmentarisch. Ihr aufgestempeltes Signet zeigt eine offene Rose, die sich zugleich als Vulva zu erkennen gibt. In einem radikalen Akt überzog die fiktive Künstlerin jedoch all ihre Gemälde mit einer aschegeschwärzten Wachsschicht, als die Liebesbeziehung zerbrach. Manche wickelte sie zusätzlich wie Mumien in Stoffbahnen. Was liegt darunter? Iris Häusslers vielteiliger Installation geht es ums Freilegen und Verbergen, ums Erfinden und Erforschen, um Mechanismen der Erinnerung und kulturellen Überlieferung.

Der zarte, romanhafte Clou dieses Spiels mit realen und imaginären Lebensgeschichten: Benjamine und Florence müssen sich in Paris auf Anhieb sympathisch gewesen sein. Auf rotem Samt ausgelegte Fundstücke wie Schwarzweißfotos, ein zerschlissenes Skizzenbuch und andere Memorabilien belegen: Es gab eine Affäre zwischen der Schönen aus Berlin und dem Pariser Aktmodell. Von homoerotischen Neigungen Benjamine Kolbes war bislang nichts bekannt. Aber was wäre, wenn? Iris Häussler hinterfragt die Verlässlichkeit des Bekannten und scheinbar Selbstverständlichen. In dem alten Lederkoffer aus Kanada fanden sich auch zahlreiche, mit Fäden gebündelte Umschläge ohne Inhalt. Die darin befindlichen Briefe Benjamines hat die Enkelin vernichtet. Sie schienen ihr zu privat. Aber die leere Hülle hob sie auf.

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