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Aktion zum Frauentag am 8. März 2018. Ein kreativ herumgedrehtes Signet im kalifornischen Lynwood.
© AFP/Frederiv J. Brown

Debatte um Eugen Gomringer: Auf der Seele, auf der Zunge

Gomringer? Gedichte? Gender? Die Spaltung der Gesellschaft geht immer tiefer, das zeigt auch die Diskussion im Liebermann-Haus.

Von Gregor Dotzauer

Der komischste Moment der montäglichen Gomringer-Debatte im Liebermann-Haus war gekommen, als sich die Frauenbeauftragte der Alice Salomon Hochschule aus dem Publikum zu Wort meldete und sich prompt am Binnen-I des Wortes ProfessorInnen verschluckte. Vielleicht war es auch ein Genderstar oder ein Gendergap, der ihr in die Kehle geraten war – zu hören war ja nur das Stocken, der Abbruch und die Erklärung: Lassen Sie mich noch einmal neu ansetzen.

Geradezu virtuos im Intonieren des lautlichen Hiatus war dafür Bettina Völter, die Prorektorin der Hochschule. Leider hatte sie zum Thema „Was kann und darf Kunst?“ in der Sache noch weniger zu sagen als die ominöse Frau Roth, eine Abgesandte des Asta, der es die Stiftung Brandenburger Tor unverzeihlicherweise erlaubt hatte, sich inkognito auf die Bühne zu begeben. „Kunst darf alles – im Rahmen des Sagbaren“, erklärte sie. Verboten seien nur NS-Propaganda oder Gewaltverherrlichung. Nachdem auch auf ihr Betreiben Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ von der Südfassade der Hochschule verschwinden wird, ist es mit dem Sagbaren wohl doch nicht so weit her. „Mehr als Fassade“ lautet denn auch der neue, auf roten Stoffbeuteln verteilte Claim der Alice Salomon Hochschule, der den Imageschaden reparieren soll.

Was ist das für ein Milieu, das im Glauben an eine bessere und gerechtere Gesellschaft die Grammatik über den triftigen Gedanken stellt? Und was bedeutet es, dass in Hellersdorf, dem Bezirk, in dem die Hochschule zu Hause ist, die AfD ihren größten Berliner Wahlerfolg errang? Es zeugt vor allem von einer tiefen Spaltung der Gesellschaft, die sich mit vernünftigen Argumenten offenbar kaum überbrücken lässt. So unzugänglich und in sich verkapselt eine Rechte ist, die unter dem Deckmantel konservativer Tugenden ins Extremistische ausfranst, so selbstgerecht ist eine in ihren identitätspolitischen Korrektheiten gefangene Linke. Eine gelassene Auseinandersetzung mit anderen fällt ihr schwer.

Genus und Sexus

Verstrickt in ihren emanzipatorischen Habitus will sie gar nicht erst hören, dass sich im Deutschen grammatisches und biologisches Geschlecht nur um den Preis der Sprachverhunzung auf ganzer Linie vereinbaren lassen: Der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg hat unter dem Titel „Wenn das Genus mit dem Sexus“ vor wenigen Wochen in der „FAZ“ noch einmal ein schwer widerlegbares Plädoyer für die Unverzichtbarkeit des generischen Maskulinums geliefert – jener männlichen Form eines Substantivs oder Pronomens, das dennoch alle Geschlechter einschließt.

Wenn aber nicht einmal in einer öffentlichen Institution wie der Stiftung Brandenburger Tor eine sachhaltige Kontroverse über Kunst gelingt, muss es dann im Alltag nicht noch finsterer aussehen? Und was für eine Form von Naivität und Bevormundungsgeist ist es, der Kunst, wie es Bettina Völter tat, ohne jemals von etwas anderem als dem Gomringer-Gedicht zu sprechen, eine zivilisierende Wirkung aufzubürden, die künftige Pfleger und Sozialarbeiter für die Nöte von Minderheiten sensibilisiert? Respekt und Empathie etwa für eine Transgender-Person im Krankenhaus speisen sich aus anderen erzieherischen Quellen – und in erster Linie: aus der persönlichen Begegnung. Wer einen Pflegeberuf ergreift, sollte ohnehin einen Sinn für Mitmenschlichkeit aufbringen, der nicht erst während des Studiums reift.

Teuflische Dialektik in Judith Butlers Theorien

Szenenwechsel, Dichterwechsel. Der junge Deutsch-Amerikaner Paul-Henri Campbell, 1982 in Boston geboren, hat letztes Jahr im Wunderhorn Verlag den viel gerühmten Lyrikband „nach den narkosen“ veröffentlicht. Von einer angeborenen Herzerkrankung geplagt, die mehrere Schrittmacher-Operationen erforderte, transzendiert er die Mühsal seiner eigenen Krankenhausaufenthalte in eine ganz und gar nicht exhibitionistische „Revolte gegen die Endlichkeit“. Zwischen Mensch und angeschlossener Maschine sucht der studierte katholische Theologe nach einer „Sprache der Insuffizienz“. Seine Gedichte handeln vom Abgrund, der das Leben des Gesunden vom Leben des Kranken trennt. Ludwig Wittgenstein hat diesen Abgrund im „Tractatus logico-philosophicus“ stellvertretend für alle Abgründe auf die Formel gebracht: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“

In einem Essay am Ende prägt Campbell den Judith Butlers Heteronormativität nachgebildeten Begriff der Salutonormativität, die Vorstellung also, dass unser gesamtes Denken und Handeln von der Idee des Gesunden regiert wird und das Kranke ausschließt. Doch im selben Maß, in dem solche Theorien Werkzeuge zur Verfügung stellen, den eigenen Prägungen, Gewohnheiten und Begrenztheiten auf die Spur zu kommen, die sich im besten Fall korrigieren lassen, liegt in ihnen eine teuflische Dialektik.

Differenz und Double Bind

Aktion zum Frauentag am 8. März 2018. Ein kreativ herumgedrehtes Signet im kalifornischen Lynwood.
Aktion zum Frauentag am 8. März 2018. Ein kreativ herumgedrehtes Signet im kalifornischen Lynwood.
© AFP/Frederiv J. Brown

Die Forderung nach Inklusion der Minderheit geht mit der unweigerlichen Abgrenzung von der Mehrheit einher. Sie sieht sich, wo es um die identitätspolitische Wahrnehmung geht, vor die paradoxe Forderung gestellt, die Differenz einerseits zu übersehen und andererseits als fundamental anzuerkennen. Darin steckt nicht nur ein theoretisches Problem, sondern ein praktischer Double Bind.

Auf welcher Grundlage lässt sich von daher behaupten, dass Campbells zum Teil erfrischend freche Gedichte jemanden, der zwangsläufig die Perspektive eines Salutonormativen einnimmt, nicht weniger ansprechen als einen Schicksalsgenossen? Es muss, ohne die Differenz der körperlichen Erfahrung und womöglich der sozialen Benachteiligung zu leugnen, an der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Spezies liegen, die, wenn nicht ähnliche Gefühle, so doch das Zeug zur wechselseitigen Einfühlung teilt. Sonst müsste man unter Umständen schon auf die absurde Idee verfallen, dass eine Frau nicht jenes Gedicht verstehen könnte, in dem Campbell mit Elektroden auf der Brust unter flimmernden Herzmonitoren im nachoperativen Schmerz vor sich hindämmert, bis ihn plötzlich eine Aufwallung von Lust ergreift und er zu masturbieren anfängt.

Unleugbar gibt es in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter auch strukturelle Diskriminierung. Queerness dabei zu einem revolutionären Hebel zu machen, der die gesamte gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz bringt, bedient aber nur altlinke Träume in neuer Verpackung. Die Schriftstellerin und Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann hat sie zum Christopher Street Day 2016 in dieser Zeitung mit Verve formuliert. „Queere“, schrieb sie, „widersprechen mit ihren Zielen, ihren Wünschen, ihrem Begehren der festgelegten Hierarchie. Mit ihrem Lebensstil greifen sie ein in Arbeits- und Familienrecht. In feststehende, auch nationale, Identitätsbilder. In eine Ordnung, die gewaltvoll ist, weil sie so viele ausschließt. Queer ist das Prinzip von Destabilisierung einer vorgegebenen Nahrungskette von Privilegien.“

Männer sind demütigungsresistenter

Szenenwechsel, Lyrikerwechsel. „Frühling“ heißt ein nachgelassenes Gedicht der 1894 in Berlin geborenen und 1993 in London gestorbenen Expressionistin Henriette Hardenberg aus dem Band „Südliches Herz“: „Birkenweißes Bein, / Liebeslandschaft, / Hüften, / Ihr Blumenbalkon, / Zart und verwildert, / Vollduftender Märzbecher, / Du Mann, / Den ich liebe!“ Das ist nicht gerade Sappho, die bekanntlich auch vor queerfeministischen Augen Gnade findet, aber es ist von einer unverschämten heterosexuellen Direktheit, die mit keinem Wort auf die inneren Werte des Liebesobjekts eingeht. Es handelt sich nach den Kriterien der Gomringer-Kritiker um ein sexistisches Gedicht. Nur lassen sich Männer von gleich welcher Metaphernblüte wohl nicht so leicht demütigen. Man kann sie wahrscheinlich sogar als selbstgefällige Horde von Affen beschimpfen – sie werden es mit gewissem Gleichmut ertragen.

Ein entscheidendes Problem der Sanktionierung diskriminierender Sprache besteht darin, dass immer der Diskriminierte (oder der es sich einbildet) entscheiden kann, ob er verletzt wurde. Derjenige, der sich schuldig macht (oder von dem es behauptet wird), hat gar keine Möglichkeit, seinen guten Willen unter Beweis zu stellen. Insofern lassen sich Hardenbergs und Gomringers vermutlich um dieselbe Zeit entstandenen Zeilen nicht einfach parallelisieren: Während der „Frühling“ als Vorschein selbstbewusster weiblicher Sexualität straffrei ausgehen wird, haftet an Gomringers „Avenidas“ der Vorwurf überkommener Männlichkeit.

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