Auktionen bei Grisebach : Stürmische Zeiten

Max Liebermann huldigt dem Pferdesport, und für ein Bild von Marc Chagall erwartet man einen Millionenbetrag: Die Vorbesichtigungen bei Grisebach

Michael Lassmann
1938 malte Max Beckmann die „Kleine Landschaft aus Bandol“ in den mediterranen Farben der Côte d’Azur.
1938 malte Max Beckmann die „Kleine Landschaft aus Bandol“ in den mediterranen Farben der Côte d’Azur.Foto: Grisebach / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Breit und brachial sind die Pinselhiebe, mit denen sich Lovis Corinth in seinem „Selbstbildnis am Walchensee“ 1922 verewigt hat. Das Porträt zeigt die bildfüllende Büste des Malers vor einer sturmbewegten, kaum mehr gegenständlichen Baumkrone, deren Geäst seinen Kopf wie eine Aureole umgibt; auch der Landschaftshintergrund mit dem See links im Bild ist kaum spezifiziert. Als eines von nur vier Selbstbildnissen am Walchensee nimmt es in Corinths Werk eine prominente Stellung ein. Entsprechend oft wurde es auf Ausstellungen gezeigt, zuletzt 2009 im Franz Marc Museum in Kochel am See.

Nun schmückt es die Vorbesichtigungen bei Grisebach, die das Gemälde in der anschließenden Auktion für 400 000 Euro aufrufen wird. Deutlich mehr als für den ähnlich prominenten Max Liebermann, dessen „Pferderennen in den Cascinen“ in der hier vorliegenden ersten Fassung nach dem Besuch eines Rennens im Parco delle Cascine in Florenz entstand; die zweite Fassung befindet sich im Museum Winterthur. Der Pferdesport als Zeitvertreib der eleganten Welt hatte den Maler unter dem Eindruck der französischen Impressionisten bereits seit Längerem beschäftigt, seine Faszination für die Darstellung der Geschwindigkeit hatte er in seinen Sportbildern bis dahin allerdings kaum so explizit artikuliert wie hier. Die rigoros horizontale Ordnung der Komposition unterstützt diese Intention, denn die parallel zur Bildebene aufgereihte Zuschauermenge im Hintergrund scheint als dominierende Form im Bild die Bewegungsrichtung der Reiter beim Satz über die Hürde fortzusetzen. Angedacht sind dafür 300 000 Euro.

Effektvolle Inszenierung von Komplementärfarben

Mit einem Schätzpreis von 400 000 Euro gehört Max Pechsteins Frauenporträt „Die hellgrüne Jacke“ – neben Max Beckmanns „Kleiner Landschaft aus Bandol“ (300 000–500 000 Euro) - zu den teuersten Expressionisten-Losen. Bereits der Titel legt nahe, dass Pechstein hier nicht primär eine individualisierende Annäherung an sein Gegenüber anstrebte, sondern wohl eher die effektvolle Inszenierung der Komplementärfarben Rot und der changierenden Grüntöne der Jacke. Das Modell saß Pechstein noch weitere Male für ähnlich angelegte Kompositionen, in einer von ihnen ist das hier als Jacke bezeichnete Oberteil unschwer als Bluse zu identifizieren.

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Highlight ist ein Gemälde von Marc Chagall

Das Highlight der Abendauktion ist aber wohl Marc Chagalls Gemälde „Les fiancés aux anémones“, das der damals bereits über 90-jährige Künstler 1979 schuf. In Komposition und der kraftvollen Farbgebung zeigte sich Chagall unverändert auf der Höhe seiner gestalterischen Kraft, während er seinen ikonografischen Apparat wie gewohnt auf Bewährtes beschränkte. Tatsächlich finden sich hier nahezu alle Symbole, die für seinen Gedankenkosmos beispielhaft sind: Aus der südfranzösischen Küstenlandschaft wächst überlebensgroß das titelgebende Paar, in dem sich der Maler vermutlich mit seiner ersten, bereits 1944 verstorbenen Frau Bella dargestellt hat. Im Vordergrund ragt eine Tischplatte mit einem Arrangement leuchtender Anemonen ins Bild, während sich links von den beiden Figuren die Häuser von Saint- Paul-de-Vence, wo Chagall die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte, in den Hügel im Hintergrund schmiegen. Über das Glück des Paares wachen himmlische Wesen, und auch der altgediente Hahn und die Kuh als Lebenssymbol fehlen nicht. Das Bild stammt aus dem Besitz von Ida Chagall, der Tochter des Künstlers, und wird mit einer Million Euro bewertet. Doch schon allein der gute Zweck, dem der Erlös zugedacht ist, sollte den Preis noch ein gutes Stück in die Höhe treiben. Empfänger ist das christlich-jüdische Hilfswerk Kiriat Yearim, das bei Jerusalem ein Kinderdorf finanziert. 1951 als Heimstatt für dem Holocaust entronnene Waisenkinder gegründet, fördert es heute israelische Jugendliche aus sozial schwachen Schichten, unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund.

Grisebach, Fasanenstr. 25; Vorbesichtigungen: bis 25.11., 10–18 Uhr, 26.11., 10–15 Uhr. Versteigerungen: 27.–23.11.

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