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Vom amerikanischen Street Photographer Tod Papageorge stammt die Fotoserie „Dr. Blankman’s New York“ von 1967. Die Kölner Galerie Zander bietet Prints daraus an.
© Galerie Zander

Die größte Messe für Fotografie: Aus der Distanz

Mit der Paris Photo findet endlich wieder auch die wichtigste Messe für fotografische Kunst statt.

Alles ist anders. Die Grundsanierung des angestammten Grand Palais hat ein Ausweichquartier notwendig gemacht, das am Ende des Marsfeldes als „Grand Palais Ephémère“ entstanden ist. Dass beim Messebesuch Maske getragen werden muss, versteht sich mittlerweile von selbst, und die Kontrolle des digitalen Impfausweises ist Routine. Und doch ist alles gleich. Die Messe Paris Photo, die nach der Corona-Zwangspause zum 24. Mal stattfindet und das ganz real, ist so überlaufen wie zuvor, die Messestände sind im gleichen Baukastensystem errichtet wie im Grand Palais. Für die neue Messedirektorin Florence Bourgeois ein gelungener Einstand.

Was nicht ist wie zuvor: Es fehlt der gedruckte Katalog. Überhaupt scheint weniger Papier greifbar zu sein, und augenscheinlich vermissen es die Besucher nicht. Solche mit prall gefüllten Tüten sind rar geworden; stattdessen weisen sehr viele Stände mit QR-Codes auf die Nutzung des Internets hin. Da erfährt man auch, dass 147 Galerien aus 28 Ländern teilnehmen; stark vertreten ist Berlin mit allein neun Anbietern. Weiter zugenommen hat der Bereich Fotobuch, angesichts der Preisentwicklung für Fotografien eine Alternative, aber zugleich selbst als Sammelgebiet etabliert und nachgefragt.

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Was auch wieder ist wie zuvor, ist die Feinverteilung der Galerien. Die temporäre Halle ist erstaunlich luftig, sie erinnert durchaus an das Glas-Eisen-Ungetüm des Grand Palais. Also gibt es auch entsprechende Boulevards und Querwege, an deren Kreuzungen die bevorzugten Plätze liegen. Kicken (Berlin) hat einen solchen Platz, zeigt einen Querschnitt durchs Galerieprogramm und lockt mit Klassikern wie Werner Mantz oder László Moholy-Nagy. Am anderen der vom Eingang in die Tiefe führenden Hauptwege ist der Köln-Pariser Stammgast Karsten Greve zu finden. Er zeigt ausschließlich Herbert List. Dessen Bilder aus dem Mittelmeerraum sind optisch unverwüstlich, es macht auch keinen Unterschied, ob sie 1937 entstanden sind, wie die Schiffsaufbauten in Piräus, oder 1952, wie die Weingläser, in denen sich Sonnenstrahlen brechen (ab 2300 €).

Da kann Daniel Blau aus München nicht weit sein, der erneut mit Farbfotos von den „Apollo“-Raumfahrten aufwartet, darunter eines vom Mondspaziergang Neil Armstrongs vor nun schon 52 Jahren. Gegenüber zeigt Mega-Galerist Larry Gagosian auf blassblauen Wänden blassfarbige Fotografien von Cy Twombly, die – seien wir ehrlich – vor allem der Name des Künstlers adelt. Von ganz anderer Zeitlosigkeit sind die elegischen Landschaften von Elge Esser, die zum Standardangebot von Fotomessen zählen: diesmal Ansichten aus dem Veneto und bei der Pariser Galerie RX. Erheblichen Zulauf verzeichnet Christian Berst, mit seiner Galerie ebenfalls in Paris ansässig, der seinem Namenszusatz art brut alle Ehre macht mit den Selbstporträts des polnischen Autodidakten Tomasz Machcinski, der sich seit den 1960er Jahren unverdrossen in allen möglichen Verwandlungen vor der Kamera auslebt, ein Exhibitionist der Seele, schrill und ganz seiner Kunst ergeben.

Großformate saugen ihre Betrachter geradezu ein

Bunt ist die Messe; das klassische Schwarz-Weiß ist allein schon der zumeist deutlich kleineren Formate halber in der Minderheit. Bunt geht es bei Carlier Gebauer (Berlin) zu, wo Richard Mosse mit brasilianischen Landschaften in Aufnahmen von einer Multispektralkamera zu sehen ist; die Farbzuteilung, die die Spezialkamera von den reflektierten Lichtwellen ausführt, folgt der Vorgabe des Künstlers, weswegen sich die Großformate in ihrer Farbigkeit denn auch deutlich unterscheiden (28 000–85 000 €). Die Schönheit von Naturphänomenen wie Schwefelquellen zeigt Edward Burtynsky in Großformaten, die keine Distanz lassen, bei Nicholas Metivier, der zur Paris Photo aus Toronto angereist ist. Starkfarbige Stillleben gibt es bei Robert Morat (Berlin): Lia Darjes hat 2016 gewöhnliche Einkäufe auf dem Königsberger Markt in Plastikbechern und auf Transportkisten so ins Licht gerückt, dass Obst und Gemüse den Betrachter regelrecht anstrahlen (je 7000 €).

[Paris Photo, Grand Palais Ephémère, bis 14. November, www.parisphoto.com]

Die Klassiker muss man schon ein bisschen suchen. Dann findet man Aufnahmen von der Siegesparade im Mai 1945 in Paris, die Robert Capa für Magnum gemacht hat – die Agentur ist zugleich Galerie –, Pace aus New York zeigt Bill Brandt und Hackelbury (London) ein knalliges Großformat des ewig unterschätzten William Klein. Die Berliner Galerie Loock zeigt mit dem 44 Aufnahmen umfassenden Portfolio von Rudolf Schäfer aus dem Jahr 1984 einen Großen der DDR-Fotografie.

Die wahren Klassiker der Fotografie aber sind jene, die am Beginn der Lichtbildnerei stehen. Und da führt kein Weg an Hans P. Kraus (New York) vorbei, der schon wieder drei betörend schöne Seebilder von Gustave Le Gray um 1857 mitgebracht hat und zwei bereits am Eröffnungstag als „verkauft“ kennzeichnet– bei Preisen von 90 000 Dollar immer noch günstig. Wie viel allerdings eine der so unendlich raren Cyanotypie von Anna Adams aus den Jahren vor 1854 gekostet haben mag, die ebenfalls sofort wegging, wird nicht verraten. Eine Aufnahme von Le Gray aus seiner Spätzeit in Ägypten nach 1860 ist bei James Hyman (London) zu finden. Ganz an den Anfang der Fotografie zurück geht Lumière des Roses (Montreuil) mit Daguerrotypien von 1845, sogar einer unbelichtet gebliebenen Silberplatte wie auch ein Porträt des Foto-Miterfinders Louis Daguerre von 1844 – etwas für systematische Sammler.

Entdeckungen? Isabelle van den Eynde aus Dubai wartet mit dem Iraker Latif Al Ani auf, dessen Fotos aus den 1960ern einen Irak im Aufbruch zeigen – heute so unendlich fern (ab 6500 €). Aus den achtziger Jahren stammen die sozialdokumentarischen Aufnahmen des im vergangenen Jahr verstorbenen Chris Killip, der das Elend des nordenglischen Alltags festhielt. Und schließlich springt einen das Großformat von Luc Delhaye bei Nathalie Obadia (Paris/Brüssel) an, einen mit sichtbarer Muskelkraft schuftenden Landarbeiter in Lebensgröße zeigend, der im heimischen Senegal graue Erde mit der Schaufel bearbeitet: Da schaut die Malerei des 19. Jahrhundert hervor. Nun, die Fotografie ist von Anfang an in die Fußstapfen der Kunst getreten. Wo wäre das besser zu verstehen als in Paris!

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