Ausstellung „Modell Mies“ : Ordnung schaffen im Durcheinander unserer Tage

Schönheit als Ziel: Das Mies-van-der-Rohe-Haus verdeutlicht mit hinreißenden Kleinmodellen die Bauideale des Architekten.

Reduziert: Bei Mies verschmelzen Natur und Architektur.
Reduziert: Bei Mies verschmelzen Natur und Architektur.Foto: Thomas Grabka

„Durch nichts wird Sinn und Ziel unserer Arbeit mehr erschlossen als durch das tiefe Wort von St. Augustin: Das Schöne ist der Glanz des Wahren.“ Mit diesem Satz beschließt Ludwig Mies van der Rohe seine Antrittsrede als Direktor der Architekturabteilung am „Armour Institute of Technology“ in Chicago.

Es ist der 20. November 1938, Mies ist gerade erst in die USA übersiedelt, und er spricht von „Schönheit“. Sie zu schaffen ist Ziel seiner Arbeit, und so haben Albert Kirchengast und Jörn Köppler an den Beginn ihrer nach sieben Begriffen gegliederten Ausstellung „Modell Mies“ im Mies-van-der-Rohe-Haus in Weißensee den Begriff der „Poiesis“ gestellt, der bei Aristoteles das „Herstellen von etwas“ meint.

Jedem der sieben Begriffe ist eine Texttafel mit genau ausgesuchten Zitaten beigegeben, an deren Fuß sich die Abbildung eines Hauses oder einer Zeichnung von Mies befindet. Sie korrespondiert mit einem klitzekleinen Modell eines Architekturfragments, das die beiden Kuratoren auf Naturstein angebracht haben, als stünde es in freier Natur.

Enger Bezug zwischen Architektur und Natur

Diese Kleinmodelle sind hinreißend. In der Reduktion kommen die Modellgebäude in Landschaft dem Mies’schen Denken ganz nahe. Was die Kuratoren herausarbeiten wollen, ist der enge Bezug, den Mies zwischen Architektur und Natur herstellen wollte, und sie verweisen darauf, dass er bei Entwürfen Landschaftsfotos einmontierte, die nicht die tatsächliche Gegebenheit, sondern eine idealisierte und ins Erhabene gesteigerte Möglichkeit vorführen, wie beim Haus Resor, dem ersten, ungebaut gebliebenen Entwurf von Mies in den USA.

Über die bislang kaum beachtete Beziehung des Architekten zur Landschaft hat Kirchengast unlängst ein gewichtiges Buch veröffentlicht, „Das unvollständige Haus. Mies van der Rohe und die Landschaft“ (Birkhäuser Verlag, Berlin, 408 S. m. Abb., 49,95 €), dessen Gedanken in die Konzeption der Ausstellung eingeflossen sind.

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Das Modell zum Begriff „Poeisis“ stellt das griechisch-antike Orakel von Dodona dar, das erst ein Eichenbaum war, dann eine Umfriedung und schließlich eine Art umlaufender Halle bekam. Es folgt die „Schönheit“, der eine schlichte Gartenmauer mit Durchlass beigegeben ist, wie sie in Mies’ Neuer Nationalgalerie als Ummauerung des Skulpturengartens wiederkehrt. Über die „Innigkeit“ geht’s zum „Trost“, einem sperrigen Begriff, der so gar nicht zu Gebautem passen will.

Gleiche Sorgfalt für alles Material

Und doch: Es geht um das Widerstehen, das Architektur auch bedeutet, nämlich den Widerstand gegen die Schwere und deren Tragen in der Konstruktion. So steht hier ein Modell der seinerzeit undenkbaren Konstruktion aus Vierkantpfeilern von Schinkels nur wenig älterem Lehrer Friedrich Gilly, dem eine Fotografie der Neuen Nationalgalerie antwortet.

Die „Genauigkeit“ steht im mittleren Raum des kleinen Landhauses Lemke, das Mies als letzten Bau in Deutschland vor seiner Emigration ausführen konnte, und man blickt durch das durch Metallstreben geteilte große Fenster in den Garten. Die „Zeitlichkeit“ ist dem Anschauen der Natur gewidmet, die Mies mit den großen Fenstern seiner Landhäuser rahmte, den Betrachter umgekehrt aber aus dem Haus quasi nach draußen versetzte. Bleibt am Ende der Begriff der „Schönheit“. Ihm ist kein Modell, auch kein Mies’scher Entwurf zugeordnet, sondern ein Film, der Zweige im Wind oder den Mond in kurzen Sequenzen zeigt.

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In einer ausgestellten Passage aus der eingangs erwähnten Antrittsrede sagt Mies: „Der lange Weg vom Material über die Zwecke zu den Gestaltungen hat nur das eine Ziel: Ordnung zu schaffen in dem heillosen Durcheinander unserer Tage.“ Mies war gelernter Steinmetz, er hat aber auch – wie Gilly, wie Schinkel – den Backstein geschätzt. Er hat alles Material, das er benutzt hat, auch Glas und Stahl, mit der gleichen Sorgfalt behandelt. Nur so entsteht Schönheit, wie dieses Landhaus am Obersee, als geistige Leistung und ihr folgende Hervorbringung.
Oberseestr. 60, Weißensee, bis 5. April

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