Ausstellung „She's reading1“ : Körper wie im Italien der Vergangenheit

Die Fotokünstlerin Jenna Westra zeigt ihre erste große Einzelausstellung in einer Berliner Galerie. Ihre Bilder bewegen sich zwischen bühnenhaft und aufrichtig.

Jens Müller
Alles arrangiert. Westras kunstvolle Fotografie „Lemon Reach“ von 2019.
Alles arrangiert. Westras kunstvolle Fotografie „Lemon Reach“ von 2019.Foto: Galerie Schwarz Contemporary

„Please note that Galerie XY does not accept unsolicited portfolios.“ So oder ähnlich – stets auf Englisch – liest man das auf den Webseiten fast aller Berliner Galerien. Auch Schwarz Contemporary, die Galerie von Anne Schwarz, wünscht keine unverlangt eingesandten Bewerbungen. Wie also finden die Galerien ihre Künstler? Wie findet ein junger Künstler, wie die Absolventin einer Kunsthochschule, eine Galerie? Die jährlichen Rundgänge der Schulen sind eine Möglichkeit, persönliche Kontakte zu knüpfen. Es geht aber auch noch persönlicher.

Dass die in Kalifornien und New York ausgebildete Künstlerin Jenna Westra ihre erste große Einzelausstellung in einer Galerie in Berlin zeigt, hat mit der in Berlin lebenden Fotografin Johanna Jaeger zu tun. Jaeger studierte unter anderem am New Yorker Hunter College – und dort war Jenna Westra aus Grand Rapids ihre Kommilitonin, die sie später ihrer Galeristin Anne Schwarz ans Herz legte.

Mit „She’s reading1“, Westras aktueller Schau, hat Anne Schwarz auch den diesjährigen VBKI-Preis für junge Berliner Galerien gewonnen. Und nur eine Woche nach der Vernissage wurde in Madrid (bei Fahrenheit Madrid) „She’s reading II“ eröffnet. Der VBKI-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Jenseits von Global-Player-Galerien wie Gagosian, Zwirner und Ropac werden auf dem globalen Kunstmarkt durchaus auch kleinere Brötchen gebacken. Zwischen 1900 und 3000 Euro kosten die 16 bei Anne Schwarz aktuell gezeigten fotografischen Arbeiten von Jenna Westra.

Viele junge Frauen

Nummer eins – „Legs and Chair (Armature)“ – gleich links neben dem Eingang: Ein wie umgekippt liegender Klappstuhl. Von links nach rechts ragt die untere, in einen fleischfarbenen Body gewandete Körperhälfte einer offenbar jungen Frau horizontal in das Bild, die Beine wie beim Sitzen angewinkelt. Wehgetan hat sich hier niemand.

Nummer zwei – „Lemon Reach“: Vier junge Frauenkörper, wiederum mehr oder weniger stark angeschnitten, alle kopflos, an einer steinernen Brüstung, im Hintergrund das Meer, im Vordergrund drei Zitronen auf einem Glastisch. Eine der Frauen trägt eine blaue Jeans und kein Oberteil. Die etwas grobkörnige Aufnahme könnte ein Still aus Luca Guadagninos „Call Me by Your Name“ sein: Ein Film, der in den 1980er-Jahren in Italien spielt, aber 2017 gedreht wurde.

Nummer drei – „Women with Sheet“: Drei junge Frauen in schwarzer und weißer Kleidung in Bewegung. Sie wirbeln, oder der Wind wirbelt ein weißes Laken so über ihre Köpfe, dass diese fast vollständig verdeckt sind. Über ihnen der blaue Himmel. Ein feministisches Reenactment von Robert Longos berühmter „Men in the Cities“-Serie?

Nummer vier – „Hair in Pool”: Der Oberkörper einer jungen Frau, ihre Haarspitzen hängen im Wasser. Ihr Gesicht ist von den Haaren verdeckt. Eine außerhalb des Bildes stehende Person muss die Frau halten, sonst wäre diese Position unmöglich. Dieses vierte Bild ist schwarzweiß, ein Silbergelatineprint. Die drei anderen sind farbige Pigmentdrucke. Alle vier haben unterschiedliche Formate. Die 16 Fotografien der Ausstellung sind auf verschiedene Weisen gerahmt, mit oder ohne Passepartout, in Schwarz oder Weiß, Ahorn oder Nussbaumholz. Westra fotografiert mit drei verschiedenen, nicht eben zeitgemäßen Analog-Kameras.

[Schwarz Contemporary, Sanderstr. 28; bis 12. Oktober, Mi–Sa 12–18 Uhr]

Zufall und Choreografie

Die formale Verweigerung einer Festlegung entspricht der inhaltlichen Ambivalenz. Ihre Bilder fühlten sich gleichzeitig bühnenhaft („stagey“) und aufrichtig („sincere“) an, hat der New Yorker im vergangenen Jahr anlässlich einer Schau Jenna Westras im kleinen Projektraum Lubov in Manhattan geschrieben. Da ist was dran. So offensichtlich die Aufnahmen gestellt sind, so gewollt künstlich sie wirken – so demonstrativ unterlaufen sie die Erwartungshaltung, wie junge Frauen, Models, auf Fotos, Werbeaufnahmen etwa, auszusehen, sich zu präsentieren haben.

Die Posen und Bewegungen der Modelle, die keine Profis sind, sondern Freundinnen und Bekannte der Künstlerin, sehen nach beidem aus, obwohl das doch Widerspruch ist: nach Zufall und nach Choreografie. Die Kleidungsstücke, die die Frauen tragen, wie Jeans und T-Shirt, sind nicht modisch, sondern archetypisch. Die Bilder lassen sich so auch zeitlich kaum zuordnen – ebenso gut wie 2019 könnten sie 1979 oder 1999 entstanden sein.

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Das sagte übrigens Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn als Mitglied der Jury bei der VBKI-Preisverleihung auch über das Galerieprogramm: Zeitgeistigem, Flüchtigem werde man hier nicht begegnen. Wie es scheint, haben sich mit Anne Schwarz und Jenna Westra die Richtigen gefunden.

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