Ausstellung "The Influencing Machine" in der NGBK : Saatgut der Zeichen

Die Macht von Bots: Eine Ausstellung in der NGBK untersucht, wie Algorithmen sozialen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen.

Laura Yulie hat analoge Haushaltsgeräte mit einer Schicht Kieselrauputz überzogen. Sie wirken wie Relikte einer vergangenen Zeit.
Laura Yulie hat analoge Haushaltsgeräte mit einer Schicht Kieselrauputz überzogen. Sie wirken wie Relikte einer vergangenen Zeit.Foto: NGBK 2018

Sie sind die Reinigungskräfte des Internets. Die quälende Arbeit, Videos und Bilder mit anstößigen Inhalten auf Onlineplattformen zu sichten und zu löschen, übernehmen nicht etwa Algorithmen, sondern Tausende von Menschen weltweit, die Content-Moderatoren. Sie lässt das Künstlerduo Eva und Franco Mattes in ihrer Videoinstallation „Dark Content“ zu Wort kommen, anonymisiert in Form von Avataren mit computergenerierter Stimme. „Ich merke immer sofort, wenn es ein Suizidvideo ist“, sagt einer von ihnen. „Das ist einfach so eine spezielle Stimmung“. Trotzdem muss er sich das Video bis zur Tat ansehen, um es markieren zu dürfen. Andere berichten von pornografischen Inhalten mit Kindern oder Tieren, verstörende Bilder, mit denen sie oft allein umgehen müssen. „Ich rede mit meinen Freunden und meiner Familie nie darüber, was ich mache“, sagt ein Avatar.

Die Installation ist Teil der Ausstellung „The Influencing Machine“ von der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK). In der Schau geht es um den gesellschaftlichen Einfluss sogenannter Bots, also Computerprogramme, die automatisch Aufgaben erledigen. Bekanntheit erreichten vor allem Social Bots, die in den sozialen Medien zum Einsatz kommen und den öffentlichen Diskurs verändern. So können etwa Wahlergebnisse manipuliert werden. Über solche Gefahren informiert die NGO Tactical Tech, die in der Schau mit Videos und einem Plakat vertreten ist. Auch die ganz irdischen Faktoren der Digitalisierung spielen eine Rolle. In einer Vitrine sind verschiedene Gesteinsproben aus der Mineraliensammlung des Museums für Naturkunde ausgestellt. Sie alle werden für die Herstellung von digitalen Geräten gebraucht, viele stammen aus politisch instabilen Ländern wie Kongo oder Ruanda.

Hinter der Simulation künstlicher Intelligenz steckt menschliche Arbeit

Schwerpunkt der Schau ist die Frage, wie Digitalisierung das Verhältnis von Maschine, Mensch und Arbeit verändert. Eindrücklich machen das die „Seed Drawings“ von Clement Valla sichtbar. Der Medienkünstler hat auf dem Onlinemarktplatz „Amazon Mechanical Turk“ kleine Zeichnungen in Auftrag gegeben, die von Hunderten Arbeitskräften auf der ganzen Welt kopiert wurden. Bei Mechanical Turk gibt nicht der Mensch Computern Befehle, stattdessen werden einer Schar von Arbeitskräften Mikroarbeiten zugeteilt. Eine Simulation künstlicher Intelligenz, hinter der menschliche Arbeit steckt. Die verstreute Schar an Arbeitenden hat dabei kaum eine Chance, sich zu organisieren, und wird häufig nur in Form von Amazon-Geschenkgutscheinen entlohnt.

Die NGBK zeigt drei Arbeiten Vallas, die von Weitem Fernsehtestbildern ähneln. Schaut man genauer hin, ist zu erkennen, wie unterschiedlich die Menschen gearbeitet haben. Manche kopierten die Zeichnung originalgetreu, andere nahmen sich künstliche Freiheit, malten Blumen oder Häuschen. Der Name der Amazon-Plattform geht auf den sogenannten „Schachtürken“ zurück, einen schier unbesiegbaren Schachroboter, der im 18. Jahrhundert die Gesellschaft am österreichisch-ungarischen Hof beeindruckte. Bis sich herausstellte, dass in der Maschine die ganze Zeit ein Mann gesessen hatte. Der konnte einfach nur besonders gut Schach spielen.

NGBK, Oranienstraße 25, bis 20. Januar, 12–19 Uhr, Mi–Fr 12–20 Uhr

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