Ausstellung über italienische Kriegsgefangene : Keine Kameraden mehr

Von Verbündeten zu Sklavenarbeitern: Eine Berliner Ausstellung erinnert an das Schicksal italienischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg.

Dokumente der Not. Blechmarken zur Identifikation, ein paar Briefe.
Dokumente der Not. Blechmarken zur Identifikation, ein paar Briefe.Foto: ICDI

Etwa 650 000 entwaffnete italienische Soldaten wurden 1943, vor 75 Jahren, ins damalige Deutsche Reich deportiert und als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie sowie in anderen Betrieben eingesetzt. Sie hießen nicht Kriegsgefangene, sondern „Militärinternierte“, etwa 50 000 von ihnen sind bis zum Kriegsende 1945 an Hunger, Entkräftung und Misshandlungen gestorben.

Der Kölner Geschichtswissenschaftler Wolfgang Schieder, Autor einer gewichtigen Mussolini-Biografie und Vorsitzender der 2009 von Rom und Berlin eingesetzten Deutsch-Italienischen Historikerkommission, sagte bei der Eröffnung einer Ausstellung zum Schicksal der Militärinternierten am Montagabend im Italienischen Kulturinstitut in der Botschaft am Berliner Tiergarten: „Sie gehören zu den am längsten vergessenen Opfern des Zweiten Weltkriegs.“ Das gelte auch für Italien, weil die in Deutschland Gefangenen nicht Teil der Resistenza, des partisanischen Widerstands und so vom Gründungsmythos eines neuen antifaschistischen Italiens nach 1945 ausgeschlossen waren.

Die kleine, aus organisatorischen Gründen nur bis zum 19. Januar im Italienischen Kulturinstitut gezeigte Ausstellung unter dem Motto „Italien-Deutschland: Für eine gemeinsame Politik der Erinnerung“ ist eine Kostbarkeit. Viele Dokumente und einzelne Memorabilia, die das Archiv des Außenministeriums in Rom zusammen mit der Vereinigung der ehemals in Deutschland Gefangenen unter Leitung des römischen Historikers Luciano Zani zusammengestellt hat, waren noch nie zu sehen.

Ausstellung zeigt auch Schreiben Mussolinis an Himmler

Gemeinhin wird die Invasion der westlichen Alliierten in der Normandie im Juni 1944 als die große Wende im Zweiten Weltkrieg aufgefasst. Doch waren Amerikaner und Engländer bereits im Sommer 1943 in Süditalien gelandet und von dort auf Rom und das vom Hitler-Reich beherrschte Mitteleuropa vorgerückt. Im Spätsommer vor 75 Jahren trat darum Italien aus dem Bündnis mit den Deutschen aus. Das war das Ende der von Mussolini und Hitler 1936 begründeten „Achse Rom – Berlin“.

Als Reaktion darauf besetzte die Wehrmacht ihrerseits Nord- und Mittelitalien und nahm die bisher verbündeten italienischen Soldaten gefangen. Weil der gestürzte Diktator Mussolini aber alsbald von den Deutschen aus der Haft befreit wurde und in Oberitalien rund um den Gardasee unter deutscher Aufsicht noch seine „Repubblica Sociale Italiana“ (RSI) als eine Art faschistischer Operettenstaat etablieren durfte, sollten die Italiener nicht als normale Kriegsgefangene behandelt werden. Soweit eine Minderheit von ihnen als Freiwillige nicht in die Auslandsverbände der Wehrmacht und der SS integriert wurde, erklärte man sie zu „Militärinternierten“. Mit der perfiden Wirkung, dass sie weder als Zivilisten noch als Schutzbefohlene der Genfer Konvention für Kriegsgefangene galten. Sie waren buchstäblich: Sklavenarbeiter.

Mussolini, der sich als Duce noch immer als Staatschef auch dieser Italiener fühlte und bei seinem Freund Hitler (vergebens) auf eine eigene Streitmacht für seine RSI drängte, war die Sache zumindest aus Prestigegründen peinlich. Er machte das auch zum Gesprächsthema seines Besuchs in Hitlers ostpreußischem Hauptquartier „Wolfsschanze“ wenige Stunden nach dem Attentat am 20. Juli 1944. Aus dieser Zeit sind in den Vitrinen der Berliner Ausstellung amtliche Telegramme und Briefe zu sehen, zum Teil mit handschriftlichen Vermerken und Paraphen Mussolinis (in roter Schrift), auch der Durchschlag seines Schreibens an den Reichsführer der SS (Anrede: „Caro Himmler“).

Gemeinsame Geschichte nicht vergessen

Berührender wirken allerdings die persönlichen Zeugnisse der Inhaftierten, die statt Namen nur noch Nummern trugen. In Lagern, von denen es auch für Zwangsarbeiter anderer Nationen allein in und um Berlin mehr als 3000 (!) gab. Ein Blechnapf, Aufzeichnungen der Not, offene Briefe an die in Berlin gedruckte Gefangenenzeitung „La Voce della Patria“. Oder als Zeichen des verzweifelten Humors: ein Album mit Fotos einer Theateraufführung, bei der die Männer in leicht geschürzten Frauenkleidern auftraten. Mit der Beschriftung: „Frauen? Ach nein!“ Nur „una I.M.I...tazione“, so das Wortspiel mit der Abkürzung der Italienischen Militär-Internierten.

Vielleicht ließen sich solche Exponate künftig in die Dauerausstellung zum Schicksal der italienischen und anderer Zwangsarbeiter integrieren, die es in Berlin-Schöneweide in der „Baracke 13“ auf dem Gelände eines ehemaligen Lagers seit dem Jahr 2016 gibt. Wie dort bei der Eröffnung war auch jetzt wieder Michele Montagano anwesend, der als junger Leutnant 1943 deportiert und interniert wurde. Der über 90-jährige Kriegsveteran setzt seine Hoffnung auf eine europäische Zukunft, in der „Italien und Deutschland ihre gemeinsame Geschichte nicht vergessen“.

Italienisches Kulturinstitut, Hildebrandstr. 2, bis 19. Januar. Mo–Di und Fr 10–14, Mi–Do 10–16 Uhr

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