Ausstellung zu "Entarteter Kunst" : Reparaturen an der Geschichte

Das Museum Moritzburg in Halle war Opfer der NS-Kulturpolitik. Die Ausstellung „Bauhaus – Meister – Moderne“ rekonstruiert die Sammlung.

Kandinskys „Hornform“ (1924, Öl auf Pappe) befindet sich heute in der Sammlung der Nationalgalerie.
Kandinskys „Hornform“ (1924, Öl auf Pappe) befindet sich heute in der Sammlung der Nationalgalerie.Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale hatte unter den deutschen Museen mit am stärksten unter der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ zu leiden. Nach dem rechtsextremen Terrorangriff in der Universitätsstadt, bei dem am Mittwoch zwei Menschen starben und ein Eindringen des Täters in die Synagoge verhindert werden konnte, ist das ein besonders finsterer Hintergrund. 148 Nummern verzeichnet die Liste, die das Museum als letzten Stand der Forschung angibt; insgesamt sind während der Nazi-Zeit 183 Werke verloren gegangen.

Gleich bei der ersten Beschlagnahmung durch den Maler Wolfgang Willrich am Juli 1937, der für die nur elf Tage später in München eröffnete Ausstellung „Entartete Kunst“ Bilder zusammenraffte, waren 33 Gemälde betroffen – zunächst, so hieß es, nur als Leihgabe für besagte Propagandaschau. Bald jedoch radikalisierte sich die NS-Kulturpolitik und sah nun die „Verwertung“ der als „Verfallskunst“ gebrandmarkten Moderne vor. Und wo dies bis Kriegsbeginn 1939 nicht gelang, deren Vernichtung.

Halle besaß bis zu dieser Aktion eine ganz hervorragende Sammlung der deutschen Moderne. Sie war das Ergebnis des oft gegen lokalpolitische Widerstände durchgesetzten Engagements der Direktoren, vor allem von Max Sauerlandt in den Jahren nach 1908 und von Alois Schardt ab 1926. Aus der Fülle der Werke sticht das Konvolut der Arbeiten Lyonel Feiningers heraus. Der Bauhaus-Meister mit einem Faible für gotische Architektur, die er zunächst im Umkreis von Weimar für sich entdeckt hatte, bezieht 1929 auf Einladung ein Atelier im Torturm der Moritzburg und schafft dort bis 1931 den Zyklus seiner Halle-Bilder, die zusammen mit Vorzeichnungen und Fotografien in den Besitz des Museums übergehen. Aber auch Werke der anderen Künstler am Bauhaus, vor allem von Paul Klee und Wassily Kandinsky, kommen ins Haus. Dazu - wie sonst nur noch in Hannover - eine Reihe bedeutender Arbeiten des sowjetischen Künstlers und Gestalters El Lissitzky.

Die Forschung zur „Entarteten Kunst“ ist ein herkulisches Unterfangen

Im Jahr des Bauhaus-Jubiläums nun hat das Kunstmuseum Moritzburg seine bislang größte Ausstellung realisiert, die unter dem Titel „Das Comeback. Bauhaus - Meister - Moderne“ den Versuch unternimmt, die verlorene Moderne-Sammlung so vollständig als möglich zu rekonstruieren. Das ist wenig, obgleich in den zurückliegenden Jahrzehnten viel Forschung zur Aktion „Entartete Kunst“ geleistet worden ist. Ein immer noch herkulisches Unterfangen. So wurden zwei einstmals Hallenser Werke in japanischen Museen aufgespürt; und was in Privatbesitz gelangte, auf welch' verschlungenen Wegen auch immer, ließ sich nicht leicht als Leihgabe gewinnen. Aber es hat im Großen und Ganzen geklappt.

In der Ausstellung, die eine ganze Etage des Museums mit 1100 Quadratmetern Fläche einnimmt, sticht besonders die im Viertelkreis angeordnete Reihe der Halle-Bilder Feiningers heraus. Sechs Hochformate sind zu sehen, dazu über Eck der sehr ingeniösen Ausstellungsgestaltung das Querformat „Dom in Halle“ von 1931. Ursprünglich befanden sich alle elf Gemälde im Museum; nur eines blieb 1945. Eines wurde im Krieg zerstört, die anderen verstreut; zwei kamen als Beschlagnahmungen nach 1945 zurück ins Museum, mussten aber nach dem Ende der DDR restituiert werden – und wurden später rückerworben. Nur ein weiteres Gemälde, „Der Rote Turm I“, fand über den Kunstmarkt den Weg zurück.

Diese komplizierte Geschichte steht beispielhaft für das Schicksal der von den Nazis beschlagnahmten Kunstwerke in allen deutschen Museen. Für Halle aber kam die Schwierigkeit hinzu, als Museum in der DDR auf dem Kunstmarkt nicht mithalten zu können, als in Privatbesitz gelangte Bilder nach und nach von westdeutschen Museen erworben wurden. Ähnlich verwickelt ist die Geschichte des Bestandes an expressionistischer Kunst, insbesondere den Arbeiten von Emil Nolde. Erstmals seit Jahrzehnten konnte das Gemälde „Die Mulattin“ aus dem Busch-Reisinger-Museum in Harvard ausgeliehen werden. Und auch „Das Abendmahl“, dessen Reise in Kopenhagen geendet war, ist zu Gast an seinem ursprünglichen Standort.

Entwürfe von Bauhaus-Gründer Walter Gropius in 3-D

Franz Marc vom Münchner „Blauen Reiter“ war mit mehreren Werken in Halle vertreten, unter denen merkwürdigerweise eines, „Die weiße Katze“, 1937 unbehelligt blieb. Dass in der Übersicht im jetzigen, voluminösen Katalog aber das wichtigste Gemälde Marcs aus Museumsbesitz eher beiläufig behandelt wird, die 1930 erworbenen monumentalen „Tierschicksale“, verwundert. Gewiss, dieses heute im Kunstmuseum Basel bewahrte Großformat, das größte im Œuvre Marcs, ist wegen früh erlittener Beschädigung (und Reparatur durch Paul Klee) unausleihbar. Aber es ist und bleibt doch der schmerzlichste Einzelverlust. Mehr dazu liest man im Katalog der Moritzburg aus DDR-Zeiten, „Im Kampf um die moderne Kunst“ von 1985. Zwei Jahre später brachte das Museum eine Dokumentation heraus, „Die faschistische Aktion ’Entartete Kunst’ 1937 in Halle“, die die jetzige Darstellung vorwegnimmt.

Der Ehrgeiz reicht diesmal noch weiter: Auch die bereits vor einigen Jahren ausgestellten Entwürfe von Bauhaus-Gründer Walter Gropius für eine „Stadtkrone“ für Halle werden einbezogen, nun in einer 3-D-Animation, die die visionäre Kraft, aber auch die Undurchführbarkeit des Projekts von Sportstadion, Kongresshalle, Museumsbau und Ausguck hoch über der Saale vor Augen führt. Schließlich werden in einem weiteren Raumgefüge fünf Bauhaus-Maler mit beispielhaften Werken vorgeführt, Kandinsky, Klee, Muche, Schlemmer und nochmals Feininger. Für sich eine schöne Ausstellung, die zeigt, dass die unterschätzte “freie Malerei“ am Bauhaus eben doch eine große Rolle spielte. Als Schlusskapitel einer ohnehin schon materialreichen Ausstellung ist das dann aber doch fast schon zu viel.

Mehr zum Thema

Denn auch so prägt sich dem Besucher ein, dass das Kunstmuseum Moritzburg der Stadt Halle eine bedeutende Sammlungsstätte der Moderne war – und nach der Wende durch Ankäufe mithilfe insbesondere der Kulturstiftung der Länder auch wieder geworden ist. Auch wenn der Glanz der Jahre vor 1933 für immer schwarze Flecken behalten wird, eingebrannt von den Barbaren der Nazizeit.
Halle, Kunstmuseum Moritzburg, bis 12. Januar. Katalog im E.A. Seemann Verlag, Großformat 448 S., 29,90 €., im Handel. 40 €. kunstmuseum-moritzburg.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar