Bayreuther Festspiele : „Offen bleiben, das ist mein Credo“

Valentin Schwarz sollte bei den Bayreuther Festspielen den neuen „Ring“ inszenieren. Dann kam Corona. Ein Gespräch mit dem berühmtesten Unbekannten der Klassikszene.

Ausgebremst. Valentin Schwarz inszeniert nun in Stuttgart statt in Bayreuth.
Ausgebremst. Valentin Schwarz inszeniert nun in Stuttgart statt in Bayreuth.Foto: David Pichler

Valentin Schwarz, Jahrgang 1989, ist ein Jungstar der Opernregie. Der gebürtige Östereicher studierte Musiktheater-Regie in Wien und arbeitete mit Jossi Wieler, Armin Petras und Kirill Serebrennikow zusammen. Im März inszenierte er Dresden an der Staatsoperette Offenbachs „Banditen“. Ende Juli sollte er die Neuproduktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen verantworten, ein Überraschungscoup von Festivalchefin Katharina Wagner. Doch es kam anders.

Herr Schwarz, den „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth zu inszenieren, ist ein Glück, das wenigen Regisseuren zuteil wird. Sie sollten es in diesem Sommer erleben. Dann aber kam Corona und die Absage der Festspiele. Hat Ihnen das den Boden unter den Füßen weggezogen?
Diese kollektive Erfahrung einer künstlerischen Vollbremsung teile ich ja leider mit fast allen darstellenden Künstlerinnen und Künstlern weltweit. Umso wichtiger ist es jetzt, nicht allein auf die Attraktivität von Streaming-Möglichkeiten zu vertrauen, sondern bewusst mit dem Publikum die Lust aufs Live-Erlebnis zu befördern.

Weil im komplexen Opernbetrieb sehr lange im voraus geplant werden muss, können Sie den „Ring“ jetzt erst 2022 in Bayreuth realisieren. Wird Ihr Regiekonzept den bewegten Zeitläuften standhalten?
Hier tritt der große Vorteil eines so universellen und vielschichtigen Werkes zutage: Wo ohnehin ein ganzes Kaleidoskop von Themen und Emotionen abhandelt wird, wäre es im Gegenteil total überstürzt, wollte man jetzt mit Biegen und Brechen seine Corona-Erfahrungen darin einpflegen oder krampfhaft der Tagespolitik hinterherlaufen. Und da wir in der „Werkstatt Bayreuth“ ja jeden Festspielsommer weiter arbeiten, gibt es genügend Möglichkeiten, bei Bedarf szenisch „up to date“ zu bleiben.

Seit Katharina Wagner 2019 verkündet hat, dass Sie den „Ring“ inszenieren, sind Sie der berühmteste Unbekannte der Klassikszene. Erzählen Sie doch mal was von sich. Wie wurden Sie Opernfan?
Ich komme aus einer Musikerfamilie, habe als Kind Geige gelernt und bin vor allem von meinen Eltern ständig in die Oper und ins Theater geschleppt worden, quer durch Österreich. Die kindliche Überforderung mit den Genres wandelte sich durch dieses Training zum großen Interesse. Und dann habe ich entdeckt, dass es in Wien den Studiengang Musiktheaterregie gibt, der meine großen Leidenschaften Musik und Theater verbindet. Das war genau das Richtige für mich.

Für den Job des Opernregisseurs muss man ein echter Teamplayer sein.
Das ist in der Tat ein kommunikativer Job, bei dem ich nur einen sehr kleinen Teil der Arbeit im stillen Kämmerlein erledigen kann. Hauptaufgabe ist es, mein Konzept den Darstellern verständlich machen, sie zu überzeugen. Und ebenso die ganze Backstage-Mannschaft. Wenn man ein Ensemble, das zu Beginn vielleicht noch skeptisch eingestellt ist, nach und nach für seine Ideen gewinnen kann, dann ist das ein großes Glück. Denn das Ziel für mich als Regisseur ist es ja, dass auch nach der Premiere, wenn ich weg bin und mein „Kind“ flügge ist, die Darsteller den Abend mit einer Energie füllen, die aus ihnen selber kommt.

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Es stört Sie auch nicht, dass Sie sich in der Oper mit einem Dirigenten herumschlagen müssen und zudem vom Komponisten das Tempo vorgegeben bekommen?
Die Bedingungen und Schranken, die einem das Musiktheater als Genre auferlegt, sind ja gerade das Tolle! Diese Mehrdimensionalität fasziniert mich. Und die unmittelbare Emotionalität der Musik schafft bei den Proben sofort eine Atmosphäre.

Was mir gerade auffällt: Sie sprechen ganz ohne österreichischen Akzent!
Ja, den habe ich mir wohl unbewusst abtrainiert. Es ist einfach leichter, wenn Sie als Regieassistent mit dem Chor auf Hochdeutsch sprechen können.

Wie gehen Sie an die Arbeit mit Sängern heran?
Offen bleiben in den Proben, das ist mein Credo. Denn Offenheit speist sich aus Vertrauen. Das ist der Grundbegriff bei der Probenarbeit, den ich einen heiligen Prozess nenne. Hier dürfen wir ausprobieren, hier stößt man auf Seiten von sich, die man selber vorher gar nicht kannte. Das geht nur in einer Atmosphäre des Vertrauens.

Und wenn die Solisten nicht mit dem einverstanden sind, was Sie vorschlagen?
Proben sind ein Findungsprozess. Manche Lösungen, die ich mir ausgemalt habe, werden im Austausch mit dem Ensemble zu ganz neuen Varianten, und zwar durch die Persönlichkeiten der beteiligten Personen. Und das ist dann oft großartiger als das, was ich mir vorher am Reißbrett überlegt habe.

Diskussionen gehen Sie also nicht aus dem Weg?
Wir haben mit dem Probensaal einen Raum, in dem wir einander zuhören, auch wenn wir verschiedenste Meinungen vertreten. Das muss man lernen, das ist die Bedingung. Die Arbeitsatmosphäre darf nicht von Aggression geprägt sein oder von unterschwelligen Intrigen.

Die es ja gerade am Theater häufig gibt!
Es geht doch darum, sich menschlich zu begegnen und nicht, sich anzufeinden. Alle sollen angstfrei in den Probenprozess gehen können – und dann auch in die Premiere.

Sie haben im Frühjahr an der Staatsoperette Dresden Jacques Offenbachs „Die Banditen“ inszeniert. In einem Interview fürs Programmheft sprechen Sie davon, dass Sie sich wie beim Kampfsport gefühlt haben. Ist Offenbach ein harter Gegner?
Der Gegner ist das Genre selber. Der Kampf, den man führt, ist der zwischen uns und unserer eigenen Erwartungshaltung.

Noch zementierter als bei der Operette sind die Erwartungshaltungen bei Richard Wagners Musikdramen…
Das ist wohl wahr. Speziell an einer gewissen Wirkungsstätte. Aber das empfinde ich als Riesenchance für alle. Die Erwartungshaltung, die in Bayreuth aufgebaut wird, tangiert uns alle, das Publikum, die Presse und auch die Mitwirkenden, die ja extrem viel Erfahrung mitbringen für den „Ring des Nibelungen“. Das ist ein tolles Gefühl.

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Kennen Sie gar keine Angst?
Dass man als Regisseur Stressmanagement und Druckbewältigung lernen muss, ist eine Voraussetzung für den Job. Egal, ob es sich Wagner handelt oder Offenbach. Ich fühle mich da sehr – wie kann ich das jetzt unpathetisch formulieren – sehr frei und entspannt.

Sie sollen, so geht die Legende, Katharina Wagner ihr Regiekonzept bereits 2015 in die Hand gedrückt haben.
Ich möchte der Legendenbildung keinen weiteren Vorschub leisten. Aber gerade der „Ring“ ist ein Werk, mit dem sich jeder Regiestudent auseinandersetzt, und zwar ab dem ersten Tag des Studiums. Ignorieren kann man Wagner nicht, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet. Jeder muss eine Haltung zu ihm einnehmen.

Katharina Wagner hat Sie als Einspringer für die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Tatjana Gürbaca engagiert. Stimmt es, dass die den Job wegen unzureichender Probenbedingungen hingeworfen hat?
Mir ist darüber nichts bekannt.

Für Sie sind die Arbeitsbedingungen aber okay?
Ja. Ich freue mich auf die Aufgabe.

Muss man für einen „Ring“ in Bayreuth besser vorbereitet sein als für Inszenierungen an normalen Theatern?
Das Werk ist natürlich immens lang, klar. Aber das ist keine Überraschung. Alles ist letztlich eine Frage der Organisation und Disposition.

Während der fast 16 Stunden gibt es viele Passagen, in denen szenisch kaum etwas passiert.
Wagner hat wundervolle Momente, aber schreckliche Viertelstunden, hat Rossini gesagt. Was für ein Irrtum: Je länger ich mich mit dem Werk beschäftigt habe, desto mehr habe ich auch seine Kurzweiligkeit erkannt, schon rein musikalisch.

Nun gibt es Wagnersängerinnen und -sänger, die auf dem Standpunkt stehen: Was ich hier vokal zu leisten habe, ist so anstrengend, da kann ich mich nicht auch noch bewegen.
Diese Befürchtung kann ich überhaupt nicht teilen. Denken Sie an großartige Darsteller wie Georg Zeppenfeld oder Günther Groissböck! Das sind keineswegs Statuen auf der Bühne. Im Gegenteil: Wenn ich den Solisten konzeptionell klar darlegen kann, warum sie sich in dieser und jener Hinsicht bewegen sollen, wie sie die Musik gestisch und gestalterisch umsetzen können, dann bin ich noch nie Problemen begegnet.

Statt in Bayreuth werden Sie im Juli nun in Stuttgart eine Produktion herausbringen, unter freiem Himmel in der Innenstadt. Was verbirgt sich hinter dem doppeldeutigen Titel „Demo(kratie) – ein Bühnenweihfestspiel“?
Bei dieser Kunst-Demo für die Freiheit, das Richtige zu tun, wollen wir den Staatsopernchor in die Stadt holen – ich vermisse ja extrem den Klang und die Wirkung großer Chöre. Dieses Ereignis dürfen wir im Moment überhaupt nicht erleben. Wir befragen dabei Richard Wagner, der ja, neben vielem anderen, auch ein Revolutionär war und im Zuge des Dresdner Maiaufstands 1849 sehr empathische Schriften zur Revolution und zum Freiheitsbegriff verfasst hat. Die wollen wir aufnehmen, zur Diskussion stellen und mit den Vorstellungen von heute kontrastieren. Wir werden uns von der Innenstadt bis zum Opernhaus bewegen, wo wir mit einer Kundgebung enden, und das Opernhaus als Begegnungsraum auch in Zeiten der Krise etablieren.

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