Begegnung mit Dag Solstad : Seine Literatur macht Einsamkeit zum Kunstakt

Dag Solstads Romane sind elegant und ironisch, voller faszinierender Rätsel. Sie erzählen von der Geschichte Norwegens. Ein Treffen, anlässlich des neuen Buchs.

Wahrheitssuchender. Dag Solstad.
Wahrheitssuchender. Dag Solstad.Foto: Tom Sandberg

Der 78-jährige Norweger Dag Solstad wird von Kollegen wie Haruki Murakami, Lydia Davis und seinem Landsmann Karl Ove Knausgård hochgeschätzt. Peter Handke attestiert ihm „innige, liebende Ironie“ und „grundscheuen Ernst“.

Dass Solstads zunächst hermetisch wirkendes Werk auch deutschsprachigen Lesern zugänglich wird, dafür sorgt seit Jahren der Zürcher Dörlemann-Verlag mit seiner höchst verdienstvollen Solstad-Reihe. Nun ist der Roman „T. Singer“ erschienen, erneut in der bewährten Übersetzung von Ina Kronenberger.

1965 debütierte Solstad mit dem ins Absurde spielenden Novellenband „Spiralen“, gefolgt von rund dreißig weiteren Büchern. Geboren am „16.07.1941“, wie eines davon heißt, das unter anderem in Berlin spielt (aber noch seiner Übersetzung harrt), war Dag Solstad in jungen Jahren Maoist – und lobt heute noch die DDR.

Das schmälert keineswegs seine Verehrung für den radikalen Existenzialisten und späteren NS-Sympathisanten Knut Hamsun, wie er jüngst bei einem Treffen in Berlin erklärte.

„Wegen Hamsuns frühen Büchern wie ‚Hunger‘ oder ‚Pan‘ bin ich Schriftsteller geworden. Als er 1952 gestorben ist, habe ich ein Foto von ihm in der Zeitung gesehen und meinen Vater gefragt, wer das ist. Er sagte, das sei ein Nazi gewesen, was im Norwegen der fünfziger Jahre das allergrößte Verbrechen darstellte. Für mich gehört es aber zum surrealen Charakter der Literatur, im Schreiben frei zu sein: Es handelt sich um nicht weniger als das Mirakel der Dichtung.“

Auf dem gesellschaftlichen Parkett droht die Blamage

Dag Solstads solipsistische Romanfiguren sind sich selbst ein Rätsel. Grüblerisch in sich versunken, wären sie am liebsten abwesend. Das gilt vor allem dann, wenn sich Protagonisten wie der Bibliothekar T. Singer auf gesellschaftlichem Parkett bewegen müssen, wo die Blamage droht.

Der passive junge Mann sei und bleibe ein abstoßender Anblick, ist der 34-jährige Singer überzeugt, was ihn selbst allerdings nicht dazu veranlasst zu handeln. Als Schriftsteller gescheitert, bewirbt er sich als Bibliothekar in der Kleinstadt Notodden, gut hundert Kilometer südwestlich von Oslo.

Im Zug dorthin lernt er eine schillernde Gestalt kennen: Adam Eyde, den Direktor der Chemiefabrik Norsk Hydro, die ihren Hauptsitz in Notodden hat.

Große Kunstfertigkeit und elegante Ironie

„T. Singer“ ist also auf gewisse Weise auch ein Industrieroman, der von Norwegens jüngster Geschichte erzählt. Warum erfährt man aber von Singers Vornamen nur die Initiale T.?

„Man weiß nicht, ob er einen Vornamen hat“, erklärt Solstad. „Der Erzähler nennt ihn einfach ‚Singer‘. Singer existiert nur in seiner Fantasie und da hat er keinen Vornamen. Es handelt sich um eine bewusst gewählte Erzähltechnik, einfach weil es diese Unsicherheit gibt: Wer spricht jetzt eigentlich, der Erzähler, Singer oder der Autor selbst?“

Dag Solstads mäandernde, fast seitenlange Sätze zeugen von großer Kunstfertigkeit und eleganter Ironie. Seine seelenverwandten Helden schickt er stets auf eine radikale Wahrheitssuche.

[Dag Solstad: T. Singer. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Dörlemann Verlag, Zürich 2019. 288 Seiten, 22 €.]

Als Kontrast dazu konfrontiert er diese introvertierten Männer häufig mit Theaterszenen. Solstads Frau Therese Bjørneboe ist Dramaturgin und Theaterkritikerin. Sie überredete ihn dazu, für ein paar Jahre nach Kreuzberg zu ziehen. Daher versteht er Deutsch, spricht es aber nicht.

Ein Unfall bringt die Wende

Solstads Helden praktizieren die provokante Abkehr von der Welt. Der Stadtkämmerer Björn Hansen in „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ geht in seinem Lebensüberdruss so weit, auf einer Dienstreise mithilfe zweier Ärzte einen Unfall zu simulieren.

Fortan sitzt er freiwillig im Rollstuhl – eine sinnlose Tat, ein Kunstakt der Einsamkeit.

Auch in „T. Singer“ leitet ein Unfall, diesmal ein echter, die entscheidende Wende ein. Singers Freundin, von der er sich trennen wollte, kommt dabei ums Leben.

Für ihn jedoch tritt paradoxerweise eine Stabilisierung ein. Mit der kleinen Tochter seiner verstorbenen Lebensgefährtin zieht er nach Oslo. Spiegelbildlich wiederholt er dort das Leben, das er in Notodden führte, mit dem Ziel, sich selbst ein Rätsel zu bleiben – ein Rätsel, das wie so oft beim großen Romancier Dag Solstad hypnotisch anzieht und gefangen nimmt.

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